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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-07-15 · 7 (15.7.1927) · p. Seite 225

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
7 (15.7.1927)
Article
Jüdische Landerziehungsheime
Date
1927-07-15
Page
Seite 225 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 225 lichen Freiheit deS einzelnen, verbunden mit der Verpflichtung der Hingabe an die Gesamtheit, wird hier am leichtesten in Einklang zu bringen sein. Auch die Spannung, das feindliche Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer wird in einer solchen Gemeinschaft unmöglich sein. Strenger Gehorsam muß herrschen; aber nicht der Gehorsam der äußeren Gesetze des Staates, sondern der Gehorsam muß innerlich sein, er muß in Richtung der Anlage und Wertentwicklung der Jugend liegen, der Schüler muß selbst die Empfindung haben, daß der Gehorsam nicht etwas ihm von außen Aufgezwungenes, sondern eine Naturnotwendigkeit ist, die sein Gedeihen bedingt. Für unsere jüdischen Kinder, die fast alle in den Brennpunkten der sogenannten Kultur aufwachsen, wären solche Landerziehungsheime von unendlichem Werte. Es ist ja hinlänglich bekannt, daß die Zusammenballung der Juden in den Großstädten, die vollständige Loslösung von der Scholle Gefahren für das Judentum mit sich gebracht hat, die schwer zu beheben sind. Wir wissen außerdem, welche Schwierigkeiten für Religion und Sitte die Erziehung unserer jüdischen Kinder in der Großstadt bereitet. Wäre es nicht von unendlichem Vorteil, wenn wir in gesunder Gebirgslust, in ländlicher Einsamkeit dem jüdischen Kinde Stätten bereiten könnten, wo es sich beschützt vor feindlicher Umwelt körperlich und geistig, religiös und sittlich unter der Führung kundiger Männer harmonisch entfalten könnte? Es wäre natürlich besonders wertvoll, wenn die Erziehung in solchen Heimen vom neunten bis zum achtzehnten Lebensjahre währen könnte, also die Zeit der allgemeinen Ausbildung der Schüler in einer höheren Schule umfassen würde. Doch wenn aus finanzieNen Gründen eine neunjährige Erziehung nicht in Frage kommt, so würde ein sechs- oder wenigstens dreijähriger Aufenthalt in einem solchen Erziehungsheim für Kinder von neun bis fünfzehn Jahren von unschätzbarem Werte sein. Wenn gegen die Internatserziehung oft der Einwand erhoben wird, daß durch das jahrelange Fernsein vom Elternhause eine Entfremdung des Kindes diesen gegenüber eintreten kann, so muß darauf erwidert werden, daß gerade in der heutigen Zeit dieser Einwand nicht stichhaltig ist. Denn die Entfremdung der Jugend dem Ellernhause gegenüber ist in der Stadt viel größer, wo Jugendbewegung, Freunde und alle anderen oben schon genannten fremden Einflüsse das Kind vom Hause abziehen, während im jüdischen Landerziehungsheim sachkundige Lehrer und Führer der Jugend das Verhältnis zwischen Jugend und Elternhaus inniger gestalten und die Verbindung rege erhalten werden. Noch ein Wort über den inneren Aufbau und die Gesamtorganisation des Unterrichts im Landerziehungsheim. In Anbetracht dessen, daß die Schüler wissenschaftlich, praktisch, sportlich und künstlerisch ausgebildet werden, könnte man leicht zu dem Glauben kommen, daß eine Überlastung eintreten könne. Doch gerade das Gegenteil ist der Fall, da die Zeit in einem Internate rationeller eingeteilt werden kann und da die Schüler nach der praktischen und wissenschaftlichen Seite in Gruppen, eine Schulgemeinschaft und eine Werkgemeinschaft, geschieden werden. Den Schülern mittlerer und oberer Altersstufe stehen wochentäglich sechs Stunden für geistige, drei Stunden für körperliche oder künstlerische Betätigung zur Verfügung. Man ist jedoch bestrebt, den Stundenplan unserer höheren Schulen, wo die verschiedenen und verschiedenartigsten Fächer alle 45 Minuten an einem Vormittag in buntem Wechsel einander folgen, aufzugeben und an seine Stelle Doppelstunden und Unterrichtsperioden einzusetzen, so daß eine ganz andere intensivere Art des Unterrichtsbetriebs möglich ist. Für die Mittelstufe kommt die UnterrichtSart in erster Linie für solche Fächer in Betracht, die das Interesse des Schülers wachzuhalten besonders imstande sind, so daß keine Ermüdung eintritt, z. B. in den Naturwissenschaften, wo auch eifrige Selbstarbeit des Schülers in Frage kommt. Im Sprachunterricht wird man erst auf der Oberstufe diese UnterrichtSperioden einführen. Jedenfalls hat man damit gute Erfahrungen gemacht. Vielfach hat man auch einen vierzehntägigen Stundenplan eingeführt. In der einen Woche treibt man vornehmlich kulturkundliche Fächer, in der zweiten Woche Naturwissenschaften. Der fremdsprachliche Unterricht geht in beiden Wochen nebenher. Die im Laufe einer Woche behandelten Fächer müssen in Beziehung und natürlicher Wechselwirkung zu einander stehen. Der Nachteil des Vergessens hat sich als geringer herausgestellt gegenüber dem Vorteil der Frische und der erhöhten Aufnahmefähigkeit zu Beginn der neuen Woche. Die Eintönigkeit und Langeweile, der größte Feind des Unterrichts, wird vermieden. In den mittleren Klassen, wo das Bedürfnis der Jugend nach praktischer Tätigkeit besonders groß ist, trägt man diesem Umstande Rechnung, indem man praktische Tage einschaltet, an denen die Schüler vornehmlich Garten- oder Werkarbeit leisten, physikalische Apparate oder Modelle bauen usw. Daneben können auch innerhalb der Jahrgänge für verschiedene kulturkundliche und sprachliche Fächer Sonderabteilungen und Kurse gebildet werden, in denen gleichaltrige Schüler eine Zeit lang zur besonderen Förderung untergebracht werden, um dann wieder in ihre Iahreskurse zurückzukehren. Daß die religiöse Gemeinschaftserziehung, die gemeinsamen Feiern, das gemeinsame Gebet eine besonders nachhaltige Wirkung ausüben wird, ist wohl ohne weiteres zuzugeben. Für die Naturwissenschaften ergeben sich aus der unmittelbaren Berührung mit der Natur durch Garten ZUBERBÜHLER’S WINTERGARTEN Theatinerstrasse 16 / Fernsprecher Nr. 91285 Eingang Passage: Modehaus Krell Ucko Täglich von 4-6 Uhr Nachmittagskonzerte Abends 8*/2 Uhr Künstlerische Darbietungen mit Tanz ELITE TANZ-ORGHESTER Kein Weinzwang

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