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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-07-15 · 7 (15.7.1927) · p. Seite 224

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
7 (15.7.1927)
Article
Jüdische Landerziehungsheime
Date
1927-07-15
Page
Seite 224 (sequence 2)
Language
German
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224 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 und Schüler fühlten sich als Glieder einer Gemeinschaft, ein Gemeinschaftsgeist erfüllte das Leben der Schule, die Jugendlichen wurden zum Bewußtsein eigener Verantwortung herangezogen, diejenigen unter ihnen, die zur Führerschaft befähigt schienen, mußten an der Gestaltung des Schullebens Mitwirken. An die Erzieher wurden die höchsten Anforderungen gestellt; sie sollten nicht nur Lehrmeister, sondern Vorbilder der Jugend in ihrem Leben sein. Die neue Schule war nach Lietz die Stätte einer neuen Gesinnung. Durch die neuen Wege der Erziehung sollte die Kultur und Gesellschaft erneuert werden. Die gewaltige Persönlichkeit von Lietz bewirkte, daß sein neues Erziehungsideal überall Anhänger gewann und daß er in kurzer Zeit drei neue Erziehungsheime in Haubinda, Bieberstein und Veckenstedt gründen konnte. Gar bald entwickelte sich nach dem Muster der Lietzschen Anstalten eine große Zahl solcher Erziehungsheime, wie Hochwaldhausen, Letzlingen, das Landschulheim am Solling in Holzminden an der Weser, die Odenwaldschule in Oberhambach an der Bergstraße, die Schule Salem am Bodensee, das süddeutsche Landerziehungsheim in Schondorf am Ammersee und viele andere. Worin besteht nun der Unterschied zwischen der öffentlichen Schule und dem Landerziehungsheim? Diese kann schon deshalb keine Erziehungsanstalt im Sinne eines Landerziehungsheims sein, weil sie in erster Linie Wissen vermittelt und nur in sehr geringem Grade die ganze Persönlichkeit, den Willen bilden kann. Sie fesselt den jungen Menschen zwar vom sechsten bis zum neunzehnten Lebensjahre an sich, aber abgesehen von den wenigen öffentlichen Internaten sind es nur die Stunden des Unterrichtes, wo sie ihren Einfluß geltend machen kann. In der übrigen Zeit des Tages sind die äußeren Einflüsse auf den Zögling viel stärker als die der Schule, und diese sind gar oft heterogener, ja feindlicher Art. Auch hat die öffentliche Schule die ganz bestimmte, durch ihre Lehrpläne scharf umriffene Aufgabe, für den Lebensberuf vorzubereiten, das Wissen bei dem Zögling anzusammeln, das ihn befähigt, seine Prüfungen abzulegen, die ihm die Bahn für den Beruf ftei machen sollen. Die öffentliche Staatsschule kann auch deshalb nicht den ganzen Menschen erfassen, weil sie selbst durch die ungeheuere Zerklüftung des Volksganzen in religiöser, nationaler und wirtschaftlicher Beziehung politisiert ist, weil sie ein einheitliches menschliches Ideal nicht mehr verwirklichen kann. Ihr Lehrplan ist teils aus obigem Grunde, teils wegen der ungeheuren Anhäufung des BildungSftosfes ein Kompromiß. Der Gedanke, die Individualität des Schülers zu bilden, ihn zu einem Gliede menschlicher Gemeinschaft zu erziehen, das in dieser Gemeinschaft aufgeht und sich seiner Verpflichtung gegen diese Gemeinschaft bewußt ist, ist stark in den Hintergrund getreten. Individualpädagogik und Sozialpädagogik können keinen Ausgleich finden; es fehlt die Erziehung zur Gemeinschaft. Die wirtschaftlichen Werte sind der Gradmesser für alle Volksschichten geworden. Das Leben in Deutschland ist amerikanisiert, „die Philosophie des Guten ist durch die des Geldes ersetzt", wie ein pädagogischer Schriftsteller sehr treffend behauptet. Die Faktoren, die die Schulerziehung stark begrenzen oder gar lahm legen, sind zu zahlreich: die Stadt, die Straße, der Sportplatz, die Zeitung, das Kino und nicht zuletzt die Kameraden und die Freundinnen von Tennis und Tanz. Aus dieser Wertschätzung des Wirtschaftlichen, dieser Begierde nach Freiheit und Ungebundenheit in jeder Form, erklärt sich auch die Vernichtung von Sitte und Moral, die Abneigung gegen jegliche Bindung, der Hang, alles zu verstehen und zu entschuldigen, nur das Gesetz der Gesellschaft anzuerkennen. Die Erziehung muß diese Zustände erkennen und auf ihre Behebung sinnen, die Schäden rücksichtslos aufdecken und eine gesunde Atmosphäre für die Jugend zu schaffen suchen. Diese Aufgabe wollen die Landerziehungsheime lösen. Sie suchen den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen, den Menschen als Träger geistiger Werte im Leben, sie wollen seine natürlichen geistigen und körperlichen Anlagen harmonisch ausbilden und ihn mit dem Bewußtsein der Pflicht erfüllen, die eigenen Kräfte in den Dienst der Gesamtheit zu stellen. Die Schulen sollen ein Organismus sein, in welchem alle, Lehrer und Schüler, sich als Glied der Gemeinschaft fühlen, als dienende Glieder des Ganzen. Die ländliche Lage der Schule, die Einsamkeit des Reiches für sich schafft eine Welt, die abseits liegt vom Getriebe der Großstadt und anregt zur Selbstbesinnung. Den Mittelpunkt bildet ein landwirtschaftlicher oder gärtnerischer Betrieb, und dadurch wird die Verwurzelung mit dem Boden gefördert, die die Jugend dringend nötig hat. Die Schulen sind Gemeinwesen mit wirtschaftlicher und pädagogischer Autonomie. Der Begriff des Wirtschaftlichen soll aber nicht etwa im landläufigen (sinne verstanden werden. Das Wirtschaftliche ist nur die notwendige Grundlage des Gemeinschaftslebens, aber nicht dessen Zweck. Wie in einem Gemeinwesen alle, Kopf- und Handarbeiter, Zusammenwirken müssen, um das Ganze zu gestalten, wie das Gemeinwesen nur durch harmonische Zusammenarbeit bestehen kann, so soll es auch in diesen Schulen sein. Keiner soll sich zu gut dünken für irgendeine Arbeit, jeder soll dienen, wo es nötig ist, sei es bei der Landarbeit, im Garten oder in der Werkftätte, sei es bei der Reinigung des Hauses oder bei der Beaufsichtigung der kleinen Schüler. Der Lehrer ist nicht nur geistiger Berater, er ist Helfer überall, wo seine Hilfe nötig ist. Der Gedanke der sitt- I Erlesener Geschmack unsereiceKiame —--^„1 — Stets letzte Neuheiten ing Seidenstoffen, Wollstoffen MAX HINZELMANN —» ~ Hüten- Kleidern

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