Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Jüdische Siedlung in der Heimat
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 221 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 221 dem bäuerlichen und gärtnerischen Berufe, allenfalls verbunden mit Handwerksausübung, auf heimatlichem Boden zuwendet, statt wie bisher nur in die Städte zu streben. Das erfordert freilich eine gewisse geistige Umstellung bei Eltern und Kindern. Das erfordert auch eine ganz andere Einschätzung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse im landwirtschaftlichen und gärtnerischen Berufe. Heute bedarf auch der kleine Landwirt einer ganz anderen Vorbildung wie früher. In ganz anderem Maße als bisher muß auch der kleine Landwirt heute lernen und sich mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung vertraut machen. Mit der Beibehaltung einer geiftesträgen Tradition sollte es auch für den kleineren Landwirt vorbei sein. Das landwirtschaftliche Unterrichtswesen spielt heute eine große Rolle. Organisation, Talent und geistiger Regsamkeit im landwirtschaftlichen Berufe ist heute weitester Spielraum gegeben. Ohne Uberhebung darf hier ausgesprochen werden, daß es auch für unsere heimische Landwirtschaft nicht von Nachteil wäre, wenn ein Teil der jüdischen Intelligenz, die heute sich in Handel und Industrie findet, unserer heimischen Landwirtschaft nutzbar gemacht werden könnte. Mit Recht bemerkt Prof. Dr. Gering von der Berliner Universität in seinen Erläuterungen zum Reichssiedlungsgesetze, daß die entscheidenden Fortschritte im Landbaue gar nicht in der Mechanisierung des Betriebes und der hier wenig anwendbaren Arbeitszerlegung liegen, sondern in der vertieften Erkenntnis von den Lebensbedingungen der Pflanzen und Tiere und in der vollendeten Anpassung des ganzen Betriebssystems und jeder einzelnen Arheitsverrichtung an die Forderungen des organischen Lebens. Eine gewiß hohe geistige und sittliche Aufgabe für eine arbeitssame und fortschrittlich gesinnte Jugend! Daneben ist freilich auch harte und oft nicht sehr lohnende Arbeit zu leisten; die gewohnte kaufmännische Rentabilitätsberechnung läßt sich nicht sofort auf bäuerliche Verhältnisse übertragen. Ebenso bedarf langer Lehrzeit und jahrelanger Erfahrung, wer ein Gut, und sei es noch so klein, mit Erfolg bewirtschaften will. Mann und Frau müssen zusammenstchen, und es muß auch die Frau bäuerliche Arbeit kennen und verrichten wollen. Eine Siedlungsstelle kann nur erhalten, wer die Landwirtschaft gründlich versteht und so mit Nutzen für sich selbst und die Gesamtheit einen selbständigen Betrieb übernehmen kann. Aus den Kreisen der städtischen Bevölkerung werden nur verhältnismäßig wenige dazu ohne weiteres imstande sein. Sie werden gut tun, wenn sie sich zunächst als landwirtschaftliche Arbeiter anftellen lassen, wie dies beispielsweise die Einwanderer in Nordamerika oder Argentinien zu tun pflegen. Für diese Leute wird die Arbeitersiedlung oder die Beschäftigung auf einem größeren Siedlungsgute, mit der Aussicht, dann später an der Peripherie eine Siedlung zu erlangen, so wie es in der Werbeschrift des Bundes Jüdischer Frontsoldaten empfohlen wird, in Betracht kommen. Die weit höhere volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung käme aber der eigentlichen Bauernkolonisation zu. Hier wäre vor allem erforderlich, daß d i e Kreise unserer Jugend, die schon auf den elterlichen Anwesen die bäuerliche Arbeit erlernen können, dazu auch herangezogen werden und daß dies nicht Dienstboten überlassen bleibt, während die Söhne mit dem Vater zum Handel fahren und die Töchter nur Hausarbeit verrichten oder glauben, daß sie eine höhere soziale Stufe erringen könnten, wenn sie in die Städte gehen und bei kärglichem Gehalt an der Schreibmaschine sitzen, statt sich landwirtschaftlicher Arbeit zuzuwenden, in der Erwartung, später einmal einen entsprechenden Wirkungskreis auf einem Landgute zu finden. Vor allem d i e ländliche Jugend, die mit dem bäuerlichen Betriebe aufwächst oder ihn doch von Jugend auf kennt, muß bestimmt werden, dast sie sich dem bäuerlichen oder gärtnerischen Wirkungskreise zuwendet und nicht etwa glaubt, eine höhere soziale Stufe und damit auch bessere Existenzbedingungen zu finden, wenn sie raschmöglichft nach den Städten strebt, um dort unter erschwerten Verhältnissen in abhängiger Stellung zeitlebens zu arbeiten. Um wieviel befriedigender wäre da die freilich oft harte Arbeit im bäuerlichen Betriebe, in Gottes freier Natur, besonders dann, wenn in späterer Zeit die Möglichkeit gegeben ist, das elterliche Gut zu übernehmen oder soziale Unabhängigkeit durch späteren Erwerb eines selbständigen Bauerngutes oder gärtnerischen Betriebes zu erlangen. Die Jugend, die sich solchen Berufen zuwendet, muß genügsam und bescheiden sein und darf nicht schon mit dem Rechenftifte in der Hand die Lehrzeit beginnen und sofort wissen wollen, welches Kapital man anfammeln könne, wenn dieser Beruf erwählt, oder aber welcher gewinnbringende Handel nebenher betrieben werden könne. Der bäuerliche oder gärtnerische Beruf erfordert, daß man ihm seine ganze Persönlichkeit widmet und in dem Berufe voll aufgeht. Die Jugend, die den Beruf erwählt, darf nicht davor zurückschrecken, als Dienstbote in bäuerlichen Betrieben zu beginnen, um dabei zu lernen. Die Auswahl des landwirtschaftlichen Berufes in der Absicht, den Beruf dann nur als Nebengewerbe zu betreiben und als Hauptberuf den Handel auszuüben, würde weder den hier geschilderten ethischen noch auch sozialpolitischen Zwecken genügen, auch nicht zu der erstrebten Seßhaftmachung führen. OJorXellcm.