Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Jüdische Siedlung in der Heimat
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 220 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2727836-2727844-2731600--02183-2731696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
220 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 gemeinden aus, soweit sich die Schulen überhaupt noch erhalten haben? Nicht minder wichtig ist die sozialpolitische Seite des Problems. Die Mische Bevölkerung ist in allen Kreisen, besonders in ihrer ländlichen Bevölkerung, soweit sie dem Handel oblag und Grundbesitz nicht mehr besaß, durch die Inflation besonders hart betroffen worden. Wer das heute feftftellen will, der braucht nur in seine ländliche Heimatgeminde zu gehen und dort Vergleiche zwischen den Vorkriegszeiten und den heutigen Verhältnissen anzustellen. Der auf dem Lande ansässige Handel hat sein Betriebskapital vollständig verloren. In früher wohlsituierten ländlichen Gemeinden findet sich heute ein großes Proletariat, das nicht mehr wie früher in der Lage ist, den Kindern eine ausreichende und gute Erziehung zu geben. So besteht die Gefahr, daß die Kinder einem Handelszweige zugeführt werden, der jetzt schon kaum die Möglichkeit zur ausreichenden Ernährung für die Familie bietet, oder daß sie ohne genügende Vorbildung in kaufmännische Berufe kommen und das jüdische Proletariat in den Städten vermehren. Abhilfe wäre möglich, wenn es gelingen sollte, diese Bevölkerungskreise dem Lande zu erhalten und der Landwirtschaft zuzuführen. Darüber hinaus wäre eine Rückwanderung der städtischen Bevölkerung auf das Land anzubahnen. Freilich darf hierbei kein ländliches Proletariat geschaffen werden, das in seinem neuen Wirkungskreise keine sichere Existenz finden würde. Die Rückwanderung könnte nur allmählich und nur dann erfolgen, wenn Vorbildung und wirtschaftliche Verhältnisse ein weiteres Fortkommen ermöglichen. Die Gründe, die beim Erlasse des Iudenediktes die Regierung veranlaßten, die bayerischen Juden in bäuerliche Verhältnisse zu bringen, gelten heute in verstärktem Maße. Es sollte verhindert werden, daß die ländliche Jugend ohne entsprechende Vorbildung und ohne Rückhalt zum Handel kommt, daß diese Leute dann ohne Betriebskapital und ohne die erforderlichen Kenntnisse in den dürftigsten Verhältnissen als Händler oder Schmuser (Nothandel nennt das Iudenedikt diese unerwünschte Beschäftigung) sich kümmerlich ernähren oder gar unser städtisches Proletariat vermehren. Gelingt es, diese Kreise dem bäuerlichen Berufe oder einem Handwerke zuzuführen, auch dann, wenn sie zunächst nur als Knechte und Mägde die harte bäuerliche Arbeit erlernen, dann wäre bevölkerungswie sozialpolitisch viel erreicht. Das Interesse der beteiligten Kreise wird um so größer sein, wenn die Möglichkeit besteht, in späterer Zeit die soziale Unabhängigkeit, die der Besitz eines solchen selbständigen Bauerngutes verleiht, zu erreichen oder gar Aussicht für den besitzlosen Mann geschaffen wird, durch Fleiß und Wirtschaftlichkeit zur selbständigen Stellung emporzufteigen. Können wir aber unserer Jugend ein derartiges Ziel in Aussicht stellen, dann wird die heimatliche Siedlungsfrage in ländlichen und in städtischen Kreisen ein ganz anderes Interesse erregen, als dies bisher der Fall war. Bestehen nun die Vorbedingungen für eine derartige Siedlungsmöglichkeit überhaupt? Siedlungsmöglichkeit ist in unserem deutschen Vaterlande noch vielfach gegeben. Dabei braucht man nicht bloß an Neusiedlungen auf Moor- und Ödlandflächen zu denken. Altkultivierte Gchiete unseres Landes bieten in ihrer Gesamtheit noch viel ausgiebigere Siedlungsgelegenheit. So kommen beispielsweise im rechtsrheinischen Bayern ohne Unterfranken und in dem württembergischen Jagst- und Donaukreise nur 84 Menschen auf den Quadratkilometer gegenüber einem Gesamtdurchschnitt von 120 Einwohnern auf den Quadratkilometer im Reichsgebiet (nnter Einrechnung der städtischen Bevölkerung) und gegenüber 40 - 80 Einwohnern auf den Quadratkilometer in großbäuerlichen Kreisen. Im Küsten- und Hinterlande der Nordsee, in den Vorländern der Alpen und einigen Teilen Mitteldeutschlands, vor allem aber im Lande der großen Güter, östlich der Elbe, fehlt es noch an Menschen. Die bisherige Zurückhaltung unserer Bevölkerung bei Ergreifen des bäuerlichen Berufes und gegen den Erwerb landwirtschaftlicher Anwesen zum Zwecke der eigenen Bewirtschaftung braucht nur aufgegeben zu werden. Von der Möglichkeit zum Erwerbe freiwerdender Anwesen, vor allem in den Gegenden, in denen bereits jüdische Gemeinden bestehen, braucht nur häufiger Gebrauch gemacht zu werden, ganz abgesehen von der Möglichkeit zur Gründung von jüdischen Neusiedlungen. Die staatlichen Institute mit ihren vielfachen Unterstützungsmöglichkeiten werden sich nicht dagegen sträuben^ auch unsere Glaubensgenossen bei gegebener Siedlungsmöglichkeit zu berücksichtigen, wenn sie sich nur persönlich eignen werdem Kein Zweifel, Siedlungsmöglichkeit wäre in der Heimat in ausreichendem Maße vorhanden. Schwieriger liegt die Frage der persönlichen Eignung. Hier gilt es vor allem, mit langjährigen Vorurteilen zu brechen und Eltern und Jugend die Überzeugung beizubringen, daß das Vorurteil gegen eine bäuerliche Beschäftigung für unsere heutigen Verhältnisse keine Geltung mehr beanspruchen kann, daß es im Gegenteil für unsere heutige Jugend wirtschaftlich vorteilhaft und erwünscht erscheint, wenn sie sich mehr und mehr Neuheiten m Herren- und Damen-Stoffen Feinste deutsche und englische Fabrikate