Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Jüdische Siedlung in der Heimat
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 222 (sequence 5)
- Language
- German
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222 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Soweit wir in Bayern bereits bäuerliche Betriebe haben, die sich in jüdischen Händen befinden, sollten die Eltern alles aufbieten, um Grund und Boden ihrer Familie zu erhalten und den Betrieb so ausbauen, daß ein Nachfolger auf dem Gute auch ohne Handel leben kann. Bei diesen Ausführungen soll nicht verkannt werden, daß auch die Erlangung eines nur kleinen bäuerlichen Gutes zum Zwecke der Siedlung das Vorhandensein von Kapital voraussetzt und daß es hieran den Siedlungslustigen oft fehlen wird. Denen, die sich zunächst als Dienstboten verdingen, wird es auch nicht immer gelingen, die zum späteren Erwerbe eines kleinen Siedlungsgutes erforderlichen Kapitalien anzusammeln, wenn auch die bäuerlichen Lohnverhältnisse sich im zunehmenden Maße in der Nachkriegszeit gebessert haben. Hier hätte die Hilfe des Staates und unserer Gemeinschaft einzusetzen. Wir gehen übrigens davon aus, daß es nicht bloß ein Vorrecht der völlig mittellosen Jugend sein sollte, sich künftig mehr bäuerlichen und gärtnerischen Berufen zu widmen, sondern, daß auch solche Kreise sich diesem Berufszweige zuwenden, in denen der Vater bei Erwerb eines Landgutes mithelfen kann. Der Erwerb von mittleren und größeren Bauerngütern wäre besonders erwünscht, weil auf diesen Gütern eine ausreichende Existenz von vornherein gegeben ist und weil hier wieder andere Teile unserer Jugend als Dienstboten Unterkommen könnten. In diesem Zusammenhänge mag auch daran erinnert werden, daß gerade in Bayern zahlreiche kleinbäuerliche Existenzen durch jüdische Güterhändler ermöglicht wurden, als diese vor Erlaß des Güterzertrümmerungsgesetzes die Restgüter bei Austeilung von Grundbesitz an landwirtschaftliche Dienstboten oder Söldnerökinder gegen geringe Anzahlung abgaben. Es ist weiter nicht abzusehen, warum die jüdischen Bevölkerungskreise von den weitgehenden staatlichen Hilfsmitteln und Unterstützungen nicht auch Gebrauch machen sollten. Und warum sollte bei der großen Bedeutung dieser heimatlichen Siedlungsfrage nicht auch ein Teil der Mittel, die heute ausländischen Siedlungszwecken zufließen, nicht auch für die Erhaltung unseres bodenständigen Volkstums auf heimatlicher Scholle aufgewandt werden können? Unsere heimische Landwirtschaft mit ihren hohen volkswirtschaftlichen Aufgaben bietet allen denen, die sich ihr zuwenden, mindestens die gleiche Betätigungsmöglichkeit, wie die sonstigen heute von unserer Jugend mehr bevorzugten Berufe. Ein kräftiger, gesunder und seßhafter Menschenschlag könnte wieder auf heimatlichem Boden heranwachsen und eine neue Kraftquelle unserer jüdischen Gemeinschaft bilden. Die Erinnerung daran, daß zwei oder gar drei Generationen einer Familie ein Gut bewirtschafteten, das die Familie nähren konnte und daß dieses Gut vom Vater oder schon vom Großvater aufgeteilt und aufgegeben wurde, ist für die nachfolgende Generation schmerzlich; denn die eigentliche Heimat der Familie ist damit aufgegeben worden. Und mit welcher Wehmut mögen einzelne in den Städten noch lebende Väter heute zurückdenken an die Zeit, da sie noch auf dem vom Vater ererbten Gute saßen, bis sie es aufgaben, um in die Städte zu ziehen, in der Annahme, daß sie dort ein besseres Fortkommen finden würden. Die Inflation hat ihnen erst vor Augen geführt, wie ganz anders es um sie stünde, wenn sie das vom Vater ererbte Gut der Familie erhalten hätten und seßhaft geblieben wären. Die Bedeutung der heimatlichen Siedlungsfrage für unsere jüdische Volksgemeinschaft kann nicht hoch genug gewertet werden; bevöllerungspolitisch wie auch vom sozialen Standpunkte aus ist sie von allergrößter Bedeutung. Es wäre schon viel erreicht, wenn der Frage in unseren Volkskreisen das gleiche Interesse entgegengebracht würde, als der Siedlung in anderen Ländern. Es ist notwendig, daß die leitenden Stellen unserer Gemeinschaft, die Vorstände der Gemeinden und vor allem auch die Erzieher und Berater unserer Jugend die Wichtigkeit der Frage erkennen und auf unsere Jugend einwirken, daß auch sie sich mit den hier behandelten Fragen beschäftigt, sich von alten Vorurteilen freimacht und dem landwirtschaftlichen Berufe und damit der heimatlichen Siedlungsftage ihr Interesse zuwendet. Dann wird es einer bescheidenen und fleißigen Jugend auch gelingen, wieder einen entsprechenden Anteil an unserem heimatlichen Boden zu erlangen und damit den Irrtum vorausgegangener Generationen auszugleichen zum Segen der kommenden Generationen wie auch zum Nutzen unseres deutschen Vaterlandes. Die jüdische Siedlung in veuischland ein Sebot der Stunde Von Dr. Alfred Werner, 1. Vorsitzenden des Landesverbandes Bayern des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten Die Geschichte kennt Parallelen, aber keine Wiederholung. Die Gelegenheiten, die sie bietet, sind einmalig. Von allen Sünden der Menschheit wiegen darum die Unterlassungssünden am schwersten. Sie sind unwiderruflich, niemals zu sühnen. Niemals in der Geschichte war die Iudenheit in gleicher Lage wie im heutigen Mittel- und Westeuropa, zumal in Deutschland. Vergleichbare Situationen weift die jüdische Geschichte allerdings auf. In gewissem Sinne unserer Lage ähnlich war die der Juden in der Mitte deö zweiten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung in Ägypten und Kyrene, zumal die der alexandrinischen Gemeinde. Die Juden dieser Epoche erfreuten sich voller politischer Rechtsgleichheit mit den griechischen Bewohnern. Diese staatsbürgerliche Gleichstellung wahrten sie als ein kostbarstes Gut. Sie war ihnen die Grundlage hoher Kulturleiftungen. Ihr allgemeiner Bildungszuftand war hoch, ihr Anteil an der griechischen Wissenschaft der Zeit bedeutend, ihre Betätigung in Handel und Schiffahrt umfangreich und für das ganze Land wichtig. Aber sie waren nicht einseitig intellektualiftisch. Sie pflegten auch das Kunstgewerbe und ebenso das Handwerk. Auch als Handwerker leisteten sie Wertvolles. Die Geschichtsschreiber heben besonders hervor, daß die ägyptischen Juden dieser Periode ftuchtbar waren und sich von Tag zu Tag vermehrten. Eine ähnliche Parallele zu unserer Lage ergäbe die spanische Glanzzeit. Sie mag unausgesprochen bleiben. Denn das, worauf eö ankommt, der Unterschied zwischen beiden Fällen und dem unsrigen, liegt auf der Hand. Unser Leben ist fast ausschließlich ein städtisches, meist ein großstädtisches, unsere Berufstätigkeit die des Kaufmanns, Juristen, Arztes, Gelehrten. Die Ausnahmen kommen fast nicht in Betracht. Diese Einseitigkeit unseres Lebens ist für unsere jüdische Gesamtheit ein Krebsschaden, für unsere Gegner ein bedeutsamer Angriffspunkt. Hand in Hand mit dem Hetzbetrieb des großstädtischen Erwerbs-