Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Jüdische Siedlung in der Heimat
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 219 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gememdezeitung 219 deutung und ein gewaltiger Fortschritt — auch in Rücksicht der Gemeindegründe, die vollen Rechte der Gemeindeglieder besitzen. Das königliche Edikt wollte die „rezipierten Juden" seßhaft machen und der Landwirtschaft, Handel oder einem Handwerk zusühren, um «damit die Juden von „ihren bisherigen, ebenso unzureichenden als gemeinschädlichen Erwerbsarten abzuleiten, damit der gegenwärtig bestehende Schächerhandel sobald immer möglich, ganz abgeftellt werde". Erwerb von Grund und Boden zu Handelszwecken war nur in Ausnahmefällen (bei Konkurs oder Zwangsversteigerung) erlaubt. Auf Grund dieses Ediktes habm «die rezipierten Juden in Bayern vielfach ländlichen Grundbesitz erworben. Wo die Mittel nur irgendwie zur Verfügung standen, kauften sich die Juden bäuerliche Anwesen und wurden seßhaft. Der Zuzug in die Städte und damit die Aufgabe des ländlichen Grundbesitzes setzte erst wieder nach der Reichsgründung mit dem industriellen Aufschwünge Deutschlands ein. Der Weltkrieg hat dann die Existenzbedingungen des deutschen Volkes wesentlich verändert und uns gezwungen, die inneren Hilfsquellen des Landes auf das Vollkommenste zu entwikkeln. Das galt in erster Linie vom landwirtschaftlichen Böden. Die Siedlungsfrage und die innere Kolonisation gewannen für Deutschland eine überragende Bedeutung. Bereits im Jahre 1919 kam das Reichssiedlungsgesetz, das die Länder verpflichtete, gemeinnützige Siedlungsunternehmungen zu gründen, wo sie nicht schon bestanden, um Neusiedlungen zu schaffen und bestehende Kleinbetriebe zu heben. Die Siedlungsfrage, schon lange Jahre hindurch Gegenstand wiffenschastlicher Erörterungen, erhielt eine große praktische Bedeutung für Deutschland. Die Erhaltung und Mehrung der bäuerlichen und gärtnerischen Betriebe bildet seit dieser Zett den ständigen BeratungSgegenftand von Regierung und Reichstag. Große Mittel sind vom Reichstage wiederholt zur Verfügung gestellt worden. In Bayern hat die Bayerische SiedlungS- und Landbank (Verwaltungsabteilung München, Kanalstraße 29) unter Aufsicht des Staatsminifters des Innern die Siedlungsaufgaben zu erfüllen. Die Siedlungsbank hat im Jahre 1924 u. a. 114 und im Jahre 1925 116 Neusiedlungen erstellt und auf dem Wege der Anliegersiedlung, wie auch sonst viel Gutes und Nützliches auf dem Lande geschaffen. Ein Mischer Volksgenosse hat eine Neusiedlung bisher nicht beansprucht, auch scheint in jüdischen Kreisen die Möglichkeit, durch Vermittlung der Siedlungsbank eine Siedlungsgelegenheit zu erhalten, nicht allgemein bekannt zu sein. Die heimatliche Siedlungsfrage hat erst in neuerer Zeit, infolge der vom Bund Jüdischer Frontsoldaten eingeleiteten Agitation, in weiteren Kreisen Beachtung gefunden. Unsere Jugend hat, soweit sie sich für Siedlungsfragen interessierte, in der Hauptsache wohl nur mit der Mischen Siedlungsfrage in Palästina sich beschäftigt und darüber die eigene Heimat vergessen, jedenfalls der Frage bisher nicht die große Bedeutung beigemeffen, die sie verdient. Die Siedlungsfrage hätte aber für die deutschen Juden schon wegen ihrer bevölkerungspolitischen Aufgabe eine erhöhte Bedeutung; denn nur dann, wenn es gelingt, einen Teil unserer jüdischen Volksgenossen dem platten Lande und der Landwirtschaft wieder zuzuführen, und wenn eS weiter gelingt, die noch vorhandene jüdische ländliche Bevölkerung auf ihrem Besitze zu erhalten, wird eine Änderung in der Abnahme der bodenständigen bayerischen jüdischen Bevölkerung zu erwarten sein. Die städtische Bevölkerung wird diese Aufgaben nicht erfüllen können. Die führenden Stellen unserer Gemeinschaft und vor allem auch die Lehrer unserer Jugend sollten daher diesem Probleme größtes Interesse entgegenbringen und bei der Berufsberatung von Eltern und Jugend darauf hinwirken, daß sich unsere Jugend mehr und mehr wieder dem bäuerlichen und gärtnerischen Berufe, sei es im Hauptberufe, sei es auch in Verbindung mit einem Handwerk, zuwendet. Dazu zwingt die fortgesetzte Abnahme unserer bodenständigen jüdischen Bevölkerung. Wo sind heute auf dem Lande die jüdischen Familien noch zu treffen, bei denen man eine größere Zahl von gesunden, kräftigen Kindern findet, wo etwa zu Zeiten des Peffachfestes, wie früher, eine stattliche Zahl Kinder mit den Eltern beim Seder sitzen? In meiner schwäbischen Heimatgemeinde gab es vor zwei Jahrzehnten mehrere solcher bodenständiger Familien, die alle ländliche Anwesen bewirtschafteten und bei denen der Vater das Anwesen schon vom Großvater her übernommen hatte. In vielen anderen Gemeinden war das ebenso. Die schönsten Erinnerungen unserer Jugendzeit sind verknüpft mit diesen heimatlichen Betrieben, sei es, daß man als Kind in den heimischen Ställen und Scheunen herumtummelte oder bei Bebauung der Felder oder bei Einbringung der Ernte mithelfen durfte. Und wie sieht es heute mit der Schülerzahl in den jüdischen- Volksschulen unserer Land- {JJfCatiryw/afysfrasse i- (2J}tunehen ij*szitidlc «acß 9llaji Aeit ütiet 50 (iffcin^tttetuna tdcMauäed uRcqmulkfi cicfjc Sjuntan^e