Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Genossenschaftliche Siedlung
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 217 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 217 Grundstück auszuschalten, so daß keine Geldbewegung nötig ist. Die Gebäude behalten ihren Wert, die Betriebswirtschaft leidet kaum, wenn überhaupt. Zeit geht keine verloren, und zunächst wird auch nur wenig Fruchtland für Wege und Raine seiner Bestimmung entzogen. Im Gegenteil: technisch ist das Verfahren auch aus dem Grunde dem alten weit vorzuziehen, weil hier die Leitung und die Kandidaten der Ansiedlung jeden Quadratmeter des Landes aus eigener Erfahrung auf das Geuauefte kennen und derart imstande sind, die Siedlungsftellen auf das Zweckmäßigste zurechtzuschneiden. Und, wie schon gesagt, hier werden auch die kapitallosen Landarbeiter „siedlungsfähig" gemacht. Solange noch ein lebensfähiges Rest- oder Zentralgut besteht - und das wird in der Mehrzahl der Fälle voraussichtlich niemals verschwinden — dient es den einzelnen Ansiedlern in der verschiedensten, aber immer sehr wirksamen Weise. Sie können ihre überschüssige Arbeitskraft gegen guten Lohn und Gewinnanteil im Zentralbetrieb verwerten, haben in ihm einen außerordentlich potenten Genossen in ihren selbständigen wirtschaftlichen Vereinigungen ftir Einkauf, Absatz usw., einen Nachbarn, der auf der Höhe der Technik steht und immer bereit ist, sie an seinen Vorteilen teilnehmen zu lassen, und in dem Beamten einen immer anwesenden technisch hochstehenden „Wanderlehrer". Hier stehen Groß- und Kleinbetrieb nicht nur nebeneinander und verwirklichen damit die von allen Autoritäten als die beste anerkannte Verteilung des Ackerlandes, sondern sie wirken auch mit — und fiireinander. Die Kleinsiedler sind durch ein „genossenschaftliches Korsett" vor fast allen Wechselfällen ihrer Existenz geschützt. Das letzte Ziel der Aktion ist, auf dem Gelände des Gutes selbst soviel wie möglich auch Konsumenten landwirtschaftlicher Produkte in Gestalt von Handwerkern, Lehrern, Heilpersonal, Kleinrentnern usw. anzusetzen, um die Zwischenhandelskoften zu ersparen, indem man den Produzenten mit dem Konsumenten in unmittelbare Verbindung bringt. Beide teilen sich in die sogenannte Preisschere; jener verkauft über, und dieser kauft dennoch unter dem Marktpreise. Es ist hier nicht der Ort, um den Plan der Ansiedlung, der sie allmählich von der „Anteilwirtschaft" zur landwirtschaftlichen Arbeiterproduktivgenossenschaft und Siedlungsgenossenschaft entwickelt, des Näheren darzuftellen. Hier muß es genügen zu sagen, daß der Versuch in Bärenklau alle Erwartungen erfüllt hat, die man angesichts der Kürze der Zeit und ihrer ganz besonders schweren Belastung durch Inflation und Deflation und die PreiSkataftrophe der letzten Jahre hegen durfte. Das erste gesteckte Ziel ist erreicht: die neue Methode der inneren Kolonisation ist in einem Modellversuch erprobt und als der alten Methode weit überlegen dargetan. Es ist jetzt Sache der öffentlichen Meinung, die Fortsetzung der Aktion mit größeren Mitteln zu fordern, und der öffentlichen Gewalten, sie auf größerer Stufenleiter durchzuführen, um so mehr als die Finanznot unseres Landes es verbietet, die sehr kostspieligen Methoden der Vorkriegszeit noch anzuwenden. Jeder neue Versuch bedeutet einen entscheidenden Schritt vorwärts zu dem großen Ziel, das uns gesteckt ist, der Erlösung Deutschlands und dariiber hinaus der Menschheit selbst von jenem letzten Rest des alten Gewalt- und Eroberungsftaates, der unsere soziale Krankheit verursacht. Eine spätere Zeit wird es der deutschen Iudenheit danken, wenn sie sich mit an die Spitze dieser heilsamen Bewegung stellt. Sie kann aber auch ihr Sonderziel, die Versorgung der schon vorhandenen jüdischen Landwirte und Gärtner und die so sehr wünschenswerte Umschichtung eines Teils der jüdischen Jugend kaum anders als auf dem Wege der genossenschaftlichen Ansiedlung erreichen. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß man nicht hier und da einem einzelnen dazu verhelfen sollte, sich in günstiger Lage isoliert völlig selbständig zu machen. Aber schon religiöse Gründe fordern im allgemeinen, daß man jüdische Gärtner und Landwirte in größeren Gruppen ansetzt; das geschieht am besten und billigsten durch Aussiedlung aus einem Großgut. Und vor allem ist es nur hier möglich, den jungen Nachwuchs gründlich für seinen gewählten Beruf auszubilden und ihm seinen Besitz so zuzuschneiden, daß ihm Enttäuschungen erspart bleiben. Nur im Großbetrieb ist es dem geschulten Leiter möglich, die jungen ansiedlungsluftigen Lehrlinge während der Ausbildungszeit selbst auf ihre Eignung zu dem Beruf zu prüfen und die ungeeigneten Elemente rechtzeitig auSzuscheiden. Was bann übrig bleibt und zur selbständigen Ansiedlung gelangt, werden Menschen von erprobtem Können und Wollen sein und sie werden im Verbände ihrer Religionsgenossen ihre religiösen und geselligen Bedürfnisse selbst für den unwahrscheinlichen Fall voll befriedigen können, daß die Nachbarn sich ihnen gegenüber feindselig verhalten. Die Geldmittel, die zur Begründung eines solchen Modellversuchs erforderlich sind, sind nicht groß: etwa 200 000 RM. für die Anzahlung auf ein Gut von etwa 2000 Morgen gleich 500 Hektar Mittelbodens und etwa 100 000 RM. Betriebskapital. Dies Geld wird, wenn bei der Auswahl des Objekts mit Sachverstand verfahren wird, sehr sicher stehen und sich nach Ablauf weniger Schonjahre gewiß entsprechend verzinsen. Ein Großbetrieb, dessen Arbeiter am Ertrage stark beteiligt sind, hat alle Aussicht, dank dem größeren Fleiß und der größeren Sorgfalt seiner Belegschaft, wesentlich besser abzuschneiden als eine Tl-ieatinersfraße 7i Graf - Arco - Palais Neue Modelle KosfUme - Kleider Mänfel - Pelze Vornehmste Maß-Anfertigung