Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Genossenschaftliche Siedlung
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
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216 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 tion, weil sie sich doch wieder städtischen Erwerben zuwenden müssen, um leben zu können. Das aber ist nicht nur ein idividuell schweres Geschick, weil diese Männer fast durchaus aus echten» innerem Beruf sich der Scholle zugewendet haben, sondern das ist auch vom allgemein jüdischen Standpunkt aus schwer zu beklagen. Denn wir haben leider wie bekannt mit einer fortschreitenden Schwächung der leiblichen und geistigen Konstitutionskraft der deutschen Juden zu rechnen, der es auf keine andere Weise Abhilfe zu schaffen möglich ist als eben durch Rückkehr wenigstens eines Teils unserer Glaubensgenossen zur Kraft spendenden Mutter Erde. Diese Dinge haben sich in der letzten Zeit, und namentlich als Folge des verlorenen Krieges, noch verschlimmert. Das deutsche Judentum hat sich bisher durch den Nachwuchs der kleinen Städte, der immer noch in einer gewissen Weise im Boden verwurzelt war, einigermaßen bei der alten Kraft der Seele und des Leibes erhalten. Aber die kleinen Städte sind immer weniger imstande, ihre jüdische Bevölkerung festzuhalten. Der Handel, von rem sie bisher größtenteils lebte, gleitet immer mehr in die Hände von Genossenschaften über, die fast niemals Juden als Beamte einstellen, und auch den schmalen Rest dieses Betätigungsfeldes engt ihnen der Antisemitismus immer mehr ein, der mit sozialpsychologischer Notwendigkeit sich seit dem Kriege unendlich verschärfen mußte. Nicht nur, weil das geschlagene Volk einen „Sündenbock" braucht, sondern vor allem aus dem Grunde, weil den jüngeren Söhnen der Großgrundbesitzerklasse die beiden Auswege zum Teil gesperrt worden sind, auf denen sie sich bisher versorgen konnten. Die Zahl der Offiziersftellen in Heer und Marine ist gewaltig eingeschrumpft, und die Stellungen als höhere Beamte nehmen heute auch andere, bisher im wesentlichen ausgeschlossene Kreise des Volkes, namentlich die Katholiken, für sich in Anspruch. So wird der Wettbewerb und mit ihm der Antisemitsmus notwendigerweise immer stärker. Wenn wir noch anführen, daß es auch in der Großindustrie von Tag zu Tag schwieriger wird, jüdische Kaufleute und Akademiker gegen den geschlossenen Widerstand der christlichen Kollegen unterzubringen, so ist es klar, daß sich die Lage der deutschen Iudenheit traurig gestalten muß, wenn es nicht gelingt, ihren Nachwuchs in immer wachsendem Maße dem einzigen Erwerbszweige zuzuführen, in dem es keine eigentliche Konkurrenz gibt: der Landwirtschaft und ihren Nebenzweigen. Auch darin liegt, nebenbei gesagt, ein gewaltiges Moment der „Abwehr"; denn überall in der Welt leben christliche und jüdische Bauern und Gärtner in ftiedlicher, ja freundschaftlicher Nachbarschaft, nicht nur neben-, sondern miteinander. Nun hat Deutschland seit genau 40 Jahren eine kräftige Politik der inneren Kolonisation bereits betrieben, am stärksten das kleine, von seinen Junkern hart gerittene Mecklenburg, aber auch Preußen, das mit gewaltigem Aufwande von Mitteln Güter angekauft, parzelliert und an Bauern aufgeteilt hat. Aber diese Methode, wenngleich sie technisch als vortrefflich geglückt bezeichnet werden muß, ist doch mit sehr schweren ökonomischen Schäden belastet und hat vor allem in sozialpolitischer Hinsicht ihren Hauptzweck verfehlt. Ökonomisch: Das Verfahren kostet sehr viel Geld; denn die hier notwendige Regulierung der Hypotheken erfordert beträchtliche Zwischenkredite, die nur mit Kosten beschafft werden können; und die Gebäude eines Großgutes werden bei der Aufteilung sehr stark entwertet. Das Verfahren kostet ferner viel Land für die Zufahrtswege zu den zahlreichen kleineren Parzellen; wenn man rechnet, daß auf einem Großgut auch nur 40 Bauern angesiedelt werden und jeder nur fünf Parzellen von Ackerboden verschiedener Bonität und Wiesen erhält, so versteht man, wieviel Fruchtboden es verschlingt, um alle diese Parzellen durch Raine von genügender Breite voneinander zu trennen, und vor allem, um zu jedem Einzelstück den unentbehrlichen Zufahrtsweg zu schaffen'. Und schließlich kostet das Verfahren viel Zeit; es dauert doch in der Regel wenigstens drei Jahre, bis die Aufteilung vollendet ist; und in dieser Zeit sind regelmäßig sehr große Zuschüsse zu den Betriebskosten erforderlich, die zusammen mit den übrigen Besiedlungskosten auf den Preis der einzelnen Vauernstellen aufgeschlagen werden müssen und den Boden bis zur Untragbarkeit belasten. Schlimmer aber ist, daß das Verfahren sozialpolitisch versagen mußte. Die Aufgabe war und ist, den Landarbeiter mit der Scholle zu verwurzeln. Der Landarbeiter aber wurde praktisch bei diesem Verfahren ausgeschlossen und erst recht zur Abwanderung gezwungen. Denn „siedlungsfähig" war hier nur ein Mann, der mehrere tausend Mark eigenes Vermögen in der Hand hatte, um die Anzahlung zu leisten. Somit kam die Aktion nur (westdeutschen) Kleinbauern, die ihr Gütchen verkauft hatten, und mit einem stattlichen Erbteil abgefundenen jüngeren Bauernsöhnen zugute. Um den sozialpolitischen Zweck der Maßnahme zu erreichen, ist es also schon vom deutschen Standpunkt aus erforderlich, eine neue Methode der Siedlung zu finden, die den Landarbeiter ergreift und womöglich auch jene schweren ökonomischen Mängel nicht besitzt. Eine solche Methode habe ich bereits vor einem vollen Menschenalter aus theoretischen Erwägungen heraus empfohlen und jetzt seit sieben Jahren in einem ersten, vollkommen geglückten Versuch auf der Siedlung Bärenklau nordwestlich von Berlin praktisch durchgeführt. Sie besteht darin, ein Großgut zum Zweck der Siedlung zu erwerben, aber nicht mit einem Schlage aufzuteilen, sondern zunächst als Großbetrieb weiterzuführen und nach Möglichkeit technisch zu entwickeln, mit dem letzten Ziele, die darauf ansässigen und eventuell von außen zugezogenen Landarbeiter allmählich zur selbständigen Ansiedlung emporzuführen. Um die Landarbeiter technisch und finanziell für diese Selbständigkeit vorzubereiten, erhalten sie nach den erprobten Methoden der „Gewinnbeteiligung" über ihren tarifmäßigen Lohn hinaus einen sehr starken Anteil am Reingewinn des Unternehmens, aus dem sie Ersparnisse machen können; sie werden fernerhin dadurch zur genossenschaftlichen Zusammenarbeit methodisch erzogen, daß man sie in kleine Wirtschastsgenoffenschaften glledert, die ihrer eigenen Verwaltung unterstellt sind, und werden schließlich auch technisch dadurch weilergebildet, daß der leitende Beamte ihnen die theoretischen Gründe für sein praktisches Verfahren erklärt. Die Ansiedlung erfolgt dann durch allmähliche Ausschaltung der SiedlungSgrundftücke aus dem Wirtschaftsplan, was ohne Erschütterung der Gesamtwirtschaft möglich ist. Obgleich Bärenklau von dem preußischen Staat, der das Gut zur Verfügung gestellt hat, gezwungen wurde, große Teile seines besten Bodens an eine Anzahl von außen kommenden Ostflüchtlingen usw. abzugeben, ist es dennoch gelungen, binnen wenigen Jahren aus dem völlig verwahrlosten Objekt einen als solchen anerkannten Musterbetrieb zu gestalten. Dieses Verfahren hat keine der Mängel, an denen die alte Methode litt. Die Hypothekengläubiger haben nicht hineinzureden, da die Abgabe von Land' nur in der Gestalt der Erbpacht oder Erbmiele erfolgt, um jede Spekulation mit dem