Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-07-15 · 7 (15.7.1927) · p. Seite 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
7 (15.7.1927)
Article
Genossenschaftliche Siedlung
Date
1927-07-15
Page
Seite 218 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2727836-2727844-2731599--02179-2731694
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

218 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 landläufige, mit Lohnarbeitern ausgeftattete Unternehmung. Und die einzelnen Siedler werden sehr leicht imstande sein, die Erbpacht aufzubringen, da ihnen ihr Land ganz unvergleichlich billiger überlasten werden kann, als es heute sogar den gemeinnützigen Siedlungsgesellschaften möglich ist, die ein viel kostspieligeres Verfahren mit unvergleichlich höheren Generalunkoften durchführen. Unsere Bärenklauer Siedler zahlen für die Bodeneinheit weniger als die Hälfte des Pachtzinses, den das bisherige Verfahren bedingte. Zum Schluß noch eine Warnung vor gewissen Mißverständnissen. Erstens: wir halten unser Verfahren nicht für das allein mögliche. Wir sind entschieden dafür, dort, wo die Bedingungen dazu gegeben sind, auch jüdische Einzelsiedler zuzulassen und namentlich schon verwurzelte Elemente durch Vergrößerung ihres Grundbesitzes zur mittelständischen Existenz zu heben. Wir sagen nicht: entweder oder, sondern: sowohl als auch. Und zweitens: niemand von uns jagt dem Traume nach, eine grandiose „BerufSumschichtung" der deutschen Iudenheit mit dem Ziele ins Auge zu fassen, sie zum größeren Teile aufs Land zu bringen. Das sind PhantaSmen! Es wird uns völlig genügen, wenn wir denjenigen unserer Glaubensgenossen, die bereits Gärtner und Landwirte sind, und denen, die es auf Grund sorgfältiger Ausbildung und Selbftprüfung werden wollen, den Weg zu eröffnen. Das Werk, das hier geleistet werden muß, übersteigt die Kräfte der deutschen Iudenheit in ungeheurem Maße; ausführen kann es nur die deutsche Volksgemeinschaft als Ganzes, und wir erwarten von den deutschen Juden nicht mehr, als daß sie sich führend daran beteiligen, zu ihrem Segen und zu dem des Vaterlandes. — jüdische Siedlung in der ßeimat Von Dr. Leo L e m l e (München) Die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Bayern geht im Vergleiche zur Gesamteinwohnerzahl seit Jahren fortgesetzt zurück. Während im Jahre 1875 bei einer Gesamteinwohnerzahl von 5 022 390 auf hundert Einwohner noch 1,02 Israeliten entfielen, war dieser Prozentsatz im Jahre 1925 bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 5 163 224 Einwohnern nur noch 0,66. Die Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Bayern, die beispielsweise im Jahre 1910 noch 67 419 betrug, ist nach der Volkszählung vom Jahre 1925 auf 49 145 zurückgegangen. Wir haben also nicht nur einen Rückgang der BevölkerungSzahl im Vergleiche zur Gesamtbevölkerung unseres Landes, sondern auch einen erheblichen Rückgang nach der Kopfzahl überhaupt. Die jüdischen Eheschließungen in Bayern, welche im Jahre 1913 noch 389 betrugen, sind 1925 auf 284 zurückgegangen. Die jüdische Geburtenzahl betrug im Jahre 1913 in den kreiSunmittelbaren Städten 418, iw Jahre 1925 war sie 460. Dagegen stehen in den ländlichen Gemeinden einer Geburtenzahl von 287 vom Jahre 1913 nur noch 127 Geburten im Jahre 1925 gegenüber. Die gesamte jüdische Geburtenzahl, die im Jahre 1913 noch 705 betrug, ist 1925 auf 587 zurückgegangen. Die ländlichen Geburten sind also um mehr als die Hälfte gesunken. Während die Gesamteinwohnerzahl unseres Landes wieder in stetiger Zunahme begriffen ist, geht die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Bayern fortgesetzt zurück, eine Erscheinung, die in den übrigen deutschen Ländern ähnlich liegt. Mit Recht wurde bei der diesjährigen Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden der Sorge um die Erhaltung unseres Volkstumes Ausdruck gegeben. Ursache dieser Bevölkerungsabnahme ist in erster Linie die einseitige Berufsschichtung der jüdischen Bevölkerung. Die bayerischen Juden gehören zum überwiegenden Teile dem Kaufmannsstand und akademischen Berufen an. Landwirte und Handwerker sind viel seltener. Dem entspricht die Verteilung auf Stadt und Land. Es fehlt der Jungbrunnen der bäuerlichen und ländlichen Bevölkerung für die bayerischen Juden. Dazu kommt die große soziale Not in unseren Volkskreisen als weitere Ursache für den Rückgang von Eheschließungen und Geburten. Im Jahre 1925 gehörten 32,6 Prozent der bayerischen Gesamtbevölkerung dem Berufe nach zur Land- und Forstwirtschaft. Dieser Prozentsatz blieb in Bayern seit Jahren ungefähr der gleiche. Die jüdische Bevölkerung hingegen ist im bäuerlichen Berufe nur im geringen Maße vertreten. Wirzählten im Jahre 1907 in Bayern nur 723 jüdische Glaubensgenossen, die als ihren Hauptberuf Land- und Forstwirtschaft angaben. Unter den einzelnen Kreisen waren Unterfranken mit der Zahl 445 und die Pfalz mit 149 jüdischen Landwirten am stärksten vertreten. Bei Anwendung des Prozentsatzes, der für die Gesamtbevölkerung festgeftellt ist, sollten rund 17 — 18 000 Juden der bäuerlichen Bevölkerung angehören. Die Abwanderung der bayerischen Juden vom Land in die Stadt hat in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zugenommen. Wer auf dem Lande geboren ist und einige Zeit zurückdenkt, wird sich an eine ganze Reihe jüdischer Familien seiner Heimatgemeinde erinnern können, die ländlichen Besitz hatten. Dieser Grundbesitz ist heute meist in andere Hände übergegangen, Besonders in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts haben zahlreiche Familien ihren Grundbesitz, auf dem die zweite oder schon die dritte Generation wirtschaftete, aufgegeben und zogen in die Städte. Auch die auf dem Lande zurückgebliebenen Familien haben ihren Grundbesitz vielfach zunächst verpachtet und dann abgeftoßen, nur dort, wo Nebenbetriebe (Vieh- oder Pferdehandel) vorhanden waren, blieb wenigstens der Wiesenbesitz ganz oder teilweise erhalten. Eine Ausnahme mögen noch einige fränkische Gebiete bilden. Ursache für diese wirtschaftliche Entwicklung war der traditionelle Zug unserer Vorfahren zum Handel, der zunehmende industrielle Auffchwung unseres Landes und die damit verbundene Möglichkeit, in Handel und Industrie eine aussi'chtsvollere Existenz zu finden als in bäuerlichen und ländlichen Betrieben. Das Iudenedikt vom 1. Juli 1813 hatte den bayerischen Juden nach den schweren Zeiten des Mittelalters unter König Maximilian Joseph den Erwerb von bäuerlichen Grundbesitz in weiterem Umfange ermöglicht und die Ansäffigmachung sogar zu fördern gesucht. Durch das Edikt wurde den Juden die dauernde Niederlassung nach Eintragung in die Iudenmatrikel unter anderem gestattet, wenn sie soviel an Grund und Boden zur eigenen Bearbeitung erkauften, daß eine Familie vom Feldbau, ohne daneben Handel zu treiben, sich gut ernähren konnte. Nur „rezipierte Familien" konnten nach dem Edikt das volle Eigentum an Grund und Boden erwerben, ihre Felder selbst bearbeiten oder durch jüdische oder christliche Dienstboten bearbeiten lassen. Die Verwendung ausländischer Juden war nicht gestattet. Ebenso war Pachtung von Feldgründen im Gegensatz zur Verpachtung erlaubt. Die den Landbau treibenden Juden sollten - und das war für die damalige Zeit von großer Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.