Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (15.7.1927)
- Article
- Genossenschaftliche Siedlung
- Date
- 1927-07-15
- Page
- Seite 215 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 215 grundeigentums, auf Schuldkonto geschrieben werden müsse. Hätte sie nicht bestanden, dann, so durfte man mit Fug schließen, hätte sich die Kaufkraft des Binnenmarktes fiir industrielle Produkte im gleichen Maße entfaltet wie die Produktivkrast der Industrie, und hätte das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt jederzeit so günstig für die Arbeiter gestanden, daß sie ihren vollen Anteil an der Steigerung der Reichtum schaffenden Kräfte erlangt hätten. Diese Behauptung wird durch die jüngste Entwicklung in den Vereinigten Staaten bestätigt, die ich Voraussagen konnte. In einem Aufsatz vom Jahre 1906 (er ist in der Sammlung meiner Reden und Aufsätze „Wege zur Gemeinschaft", S. 163 ff. neu abgedruckt) leitete ich die Schattenseiten der amerft kanischen Wirtschaftsentwicklung aus der Überschwemmung des dortigen Arbeitsmarktes durch europäische Landarbeiter ab: sind doch mehr als 25 Millionen Europäer, und zwar ganz vorwiegend aus Ländern des, Großgrundeigentums, während des 19. Jahrhunderts an der atlantischen Küste gelandet. Und ich sagte, eö würde genügen, die Einwanderung auch nur ein Jahrzehnt hindurch zu verhindern, um dem amerikanischen Kapitalismus ein völlig neues Gesicht zu verleihen. Die Bedingung ist erfüllt worden, und die Prophezeiung ist eingetroffen. Vom Ausbruch des Weltkrieges an hat fünf Jahre hindurch keine Einwanderung, sondern im Gegenteil eine starke Rückwanderung (europäischer Reservisten) stattgefunden, und seitdem hat man die überseeische Einwanderung in dem bekannten Maße abgedrosselt. (Leider nicht auch die Einwanderung über die Landgrenzen. Aus Mexiko strömen die völlig kulturlosen Peons zu Hund erllausenden ein.) Dennoch ist unter diesen günstigen Umständen der Durchschnittslohn der amerikanischen Arbeiter auf eine Höhe gestiegen, die weder die sogenannte bürgerliche, noch die marxistische Theorie auch nur versuchen können zu erklären, während sie mit der weinigen durchaus in Einklang steht. Der Arbeiter hat heute gut mittelbürgerliches, für deutsche Begriffe nahezu großbürgerliches Einkommen. Und dabei besteht eine Prosperität auch der Unternehmer, die das Wunder der Zeit ist, und die nun schon lange Jahre andauert und nach allen Zeichen weiter andauern wird. Alle Welt ist zufrieden: die Arbeiterschaft entfernt sich immer mehr von marxistisch-bolschewistischen Vorstellungen, und in der Unternehmerschaft ist das Schlagwort heute das „Service"; möglichste Erhöhung der Löhne bei möglichster Senkung der Produktpreise, um für das Gesamterzeugnis schlanken Absatz zu finden, den Produktionsapparat in seiner vollen Kraft ausnützen und regelmäßig stark verbessern zu können. Wir können für das durch unzählige Zwischenzollinien in lauter kleine Märkte zerfetzte Europa einen Aufschwung von der gigantischen Größe nicht erwarten, wie ihn das riesenhafte einheitliche Marktgebiet Amerikas erfahren hat. Aber wir können erwarten und dürfen Voraussagen, daß wir die Erscheinungen der gegenwärtigen schweren Krisis, namentlich der ungeheuerlichen Arbeitslosigkeit, überwinden und zu einer hohen Prosperität aufsteigen können, wenn es uns gelingt, gleichfalls die Masseneinwanderung von Landarbeitern auf unsere Arbeitsmärkte abzubremsen. Und dazu führt nur ein Weg: die innere Kolonisation, die S i e d l u n g. Aus diesen Betrachtungen geht hervor, daß der sein Vaterland liebende deutsche Jude, wenn er die Aktion des Frontkämpferbundes fördert, dazu mithilft, daß die Axt an die Hauptwurzel der deutschen Not gelegt wird. Aber er dient gleichzeitig auch den stärksten Interessen seine Judentums. Wir wollen hier nur kurz andeuten, daß die Siedlung sich unmittelbar richtet gegen die überwiegende wirtschaftliche und soziale Machtstellung einer winzigen Zahl von Menschen, nämlich gegen die schätzungsweise (eine Besitzstatistik haben die klugen Herren zu verhindern verstanden) etwa höchstens 12 000 Großbesitzer namentlich Oftelbiens. Diese Schicht aber ist es gerade, die der Hauptträger und Förderer des Antisemitismus ist, der uns das Leben vergällt und uns die Bürgerrechte verweigert. Es ist die alte Fabel vom Wolf und dem Schaf! Die wahren Urheber der sozialen Not klagen Unschuldige an! Durch nichts können wir wirksamer den Judenhaß bekämpfen, als indem wir dazu helfen, die Aufklärung über den wahren Schuldigen zu verbreiten; und das wieder können wir auf keine wirksamere Weise tun, als indem wir unsererseits an der Bemühung arbeiten, neue, schnellere und erfolgreichere Methoden der inneren Kolonisation zu entdecken. Das ist die beste Aktion der „Abwehr". Aber es gibt noch eine Anzahl anderer wichtiger Gründe, aus denen der deutsche Jude im Interesse seiner Gemeinschaft sich hier zu beteiligen hat. Wir haben in Deutschland eine große Anzahl voll ausgebildeter jüdischer Landwirte und Gärtner. Ihnen ist, wenn sie im Lande bleiben wollen und nicht über eigenes beträchtliches Vermögen verfügen, nur ein schmaler Notausgang geöffnet: die Anstellung als Gärtner auf jüdischen Friedhöfen. Das aber reicht bei weitem nicht aus, und so gehen diese auSgebildeten Kräfte entweder Deutschland verloren, indem sie zur Auswanderung gezwungen sind, oder verlieren ihre Qualifika- D eutsclie Lebensn. Aussteuer-V er sicher ungs- Aktiengesellschaft in München Rindermarkt 10 Gegründet von der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft hervorgegangen a. d. Gisela-V erein,Lebens¬ und Aussteuer -Versicherungs-Anstalt a. G. Gegründet 1880 zeigt neue Wege in der Ansstener-Tersichernng Rührige Mitarbeiter allerorts gesucht