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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-07-15 · 7 (15.7.1927) · p. Seite 214

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
7 (15.7.1927)
Article
Genossenschaftliche Siedlung
Date
1927-07-15
Page
Seite 214 (sequence 2)
Language
German
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214 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 war mir eine große Überraschung, als vor einiger Zeit kein Geringerer als der Exreichskanzler Luther öffentlich den von mir immer und immer wieder gepredigten Satz aussprach: „Die Siedlung ist nicht eine, sondern die Aufgabe der Gegenwart." Wie nämlich wirkt jener Feudalrest auf Wirtschaft und Politik der Kulturvölker? Und was würde seine Beseitigung bewirken? Im Jahre 1895 hat Freiherr von der Goltz, Professor der Agrarpolitik an der Universität Bonn und Leiter der Landwirtschaftlichen Hochschule Poppelsdorf, in einer Untersuchung über die Landarbeiter ein statistisches Gesetz entdeckt: einen Zusammenhang, der besteht zwischen der Verteilung des Grundeigentums und der Wanderung: „Mit dem Umfang des Großgrundbesitzes parallel und mit dem Umfang des bäuerlichen Besitzes in umgekehrter Richtung geht die Wanderung." Das Gesetz hat sich als nicht nur für Deutschland, sondern für alle „kapitalistischen" Länder und für die ganze kapitalistische Zeit unbedingt gültig erwiesen; es wirkt, wie Mar Weber einmal sagte, „mit einem seltenen statistischen Eigensinn". Während die Bezirke der Bauernwirtschaft ihren Nachwuchs zum allergrößten Teile feftzuhalten vermögen, indem sich hier die Betriebe verkleinern und gleichzeitig derart intensivieren, daß dennoch Roh- und Reinertrag wesentlich wachsen und der Wohlstand des Besitzers steigt, stoßen die Bezirke des Großgrundeigentums ihren Nachwuchs und oft mehr als ihren Nachwuchs aus, zwingen ihn zur Aus Wanderung ins Ausland oder zur A b Wanderung in die Induftriedistrikte des eigenen Landes. Das hat für die Großlandwirtschaft selbst eine vernichtende doppelte Folge gehabt. Erstens: haben die fast ungezählten Millionen von Landarbeitern, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts an nach den Vereinigten Staaten auswanderten, die Ackerfläche der Welt in einem so ungeheuren Maße vermehrt, daß die europäischen Getreidepreise geradezu in den Abgrund gerissen wurden. Das war die Ursache der heute noch fortwirkenden Agrarkrisis der siebziger Jahre. Und zweitens: fehlten dem Großgrundbesitz infolge der gleichen Bevölkerungsverlufte die Arbeitskräfte, mit deren Hilfe er allein der Krisis hätte begegnen können: durch entsprechende Intensivierung der Betriebe, namentlich in Gestalt einer hochentwickelten Viehwirtschast. ' Nicht minder traurig aber waren die Folgen für die städtische Entwicklung. Überall im Bezirk des Großgrundeigentums wuchs die Kaufkraft des Binnenmarktes für industrielle Produkte, wenn überhaupt, nur um sehr geringe Beträge. Auf der anderen Seite wurde die städtische Industrie dank der Verfügung über ungezählte ihr zuströmende Arbeitskräfte geradezu treibhausmäßig entwickelt. Ihr ungeheuer vermehrtes Produkt mußte sie, da der Binnenmarkt notwendigerweise versagen mußte, ins Ausland abzuftoßen versuchen. Der Kamps der kapitalistischen Staaten, der viel berufene „Imperialismus" unserer Zeit, zuletzt der unselige Weltkrieg waren die notwendige Folge. Besonders hart wurde die Arbeiterschaft betroffen. Die Verödung des platten Landes bedeutete Verminderung der Nachfrage nach industriellen Produkten und daher Arbeitskräften, während gleichzeitig die Überschwemmung des städtischen Arbeitsmarktes mit abgewanderten Landarbeitern die u ngeheuerfte Vermehrung des Angebots herbeiführte. Die Folge konnte nur sein Herabziehung der Löhne, günstigenfalls die schmerzlichste Behinderung ihres Aufstieges. Von diesen Zusammenhängen konnte weder der letzte große Theoretiker des Liberalismus, John Stuart Mill, noch Karl Marx das geringste wissen. Wie gesagt, wurde das Goltzsche Gesetz erst 1895 ausgesprochen, Mill aber starb 1875 und Marx 1885. Sie wären auch niemals imstande gewesen, es selbständig aufzufinden. Das Gesetz konnte nur in Deutschland entdeckt werden, weil nur in Deutschland die Bezirke des (westelbischen) Bauerntums und des (ostelbischen) Großgrundbesitzes geographisch getrennt sind, und es konnte kaum früher als 1895 aufgefunden werden, weil die Massenwanderung in Deutschland erst in den sechziger Jahren einsetzte, und zwei Jahrzehnte vergehen mußten, bis die statistischen Massenziffern die Deutung zuließen. Sobald das Gesetz aber erst einmal gefunden und als international gültig erwiesen war, war natürlich die Aufgabe gegeben, es in die Theorie einzubauen. Dieser Aufgabe ist mein Leben gewidmet gewesen, und es hat sich herausgeftellt, daß der Einbau einen Umbau, fast Neubau bedeutete. Ich kann hier nur mit den kürzesten Worten darauf eingehen. Das Ergebnis ist, daß, was bisher niemals recht beachtet worden ist, die Verkehrswirtschaft gezwungen war, sich innerhalb eines Rahmens und geradezu gegen Hindernisse zu entwickeln, die das Feudalwesen aufgerichtet hatte; und daß infolgedessen schwere Störungen eingetreten sind, die man allgemein unter den Begriff der „kapitalistischen Wirtschaft" zusammenfaßt. Wir dürfen heute sagen, daß alle Glanzseiten dieses ungeheuren Komplexes: die Fortschritte in der Beherrschung der Naturkräfte, die ungeheure Vermehrung des Reichtums durch verbesserte Technik usw. der Freiheit des Verkehrs zuzuschreiben sind, während die schlimmen Schattenseiten: die Krisen, der Imperialismus und vor allem die unbefriedigende Lage der Arbeiterschaft dem Fortbestand jenes Feudalreftes, der Bodensperre in der Rechtsform des massenhaften Groß- D HAUS MÜNCHEN Karlsplatz s DER QUALITÄTSSTOFFE N. STARK & Ol NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11

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