Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Bericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden am 13. und 14. März 1927 in Fürth
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 199 (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Einwände erhoben. Er sagte u. a. folgendes: Die Berufung auf das demokratische Prinzip ist unrichtig. Denn wenn sich die Städte zu einem Zweckverband zusammenschliehen, so brauchen sie auch keine Vertretung, die aus den Urwahlen hervorgeht. Aber einen Organismus brauchen sie. Sie könnten mit demselben Recht sagen, die deutschen Bundesstaaten, die sich zum Deutschen Reich zusammengeschlossen haben, brauchen keinen Reichstag. Auch die von Herrn Dr. Hammel in finanzieller Beziehung gemachten Einwände halte ich nicht für begründet. Die Forderung nach einer aus ' Urwahlen hervorgegangenen Reichstagung ist übrigens durchaus keine Prinzipienreiterei. Der Schwerpunkt der eigentlichen organisatorischen Arbeiten wird bei den Landesverbänden liegen. Die Reichstagung wird also nur selten, und nur wenn es sich um grundsätzliche Fragen handelt, zusammentreten, und da ist es außerordentlich wesentlich, daß die oberste Vertretung der deutschen Judenheit die höchste moralische Autorität besitzt, die sie besitzen kann. Täuschen wir uns nicht, daß eine aus direkten Wahlen hervorgegangene Körperschaft doch eine ganz andere Autorität besitzt als eine aus indirekten Wahlen hervorgegangene. Ich verkenne keineswegs den Wert der im stillen geleisteten Arbeit. Es läßt sich viel dafür sagen, daß man durch die im stillen geleistete Arbeit mehr erreicht, als durch die Rednertribüne. Aber wir stehen doch nun einmal alle auf dem Boden der Demokratie. Eine aus indirekten Wahlen hervorgeganene Körperschaft wird die Neigung haben, die Arbeit im stillen zu erledigen. Hier, wo es sich um die Wirkung nach außen handelt, da können sie die Rednertribüne am allerwenigsten entbehren. Darüber sind wir uns doch alle einig, nicht nur die jüdische Volkspartei, daß für das deutsche Judentum eine viel stoßkräftigere und energischere Vertretung erwünscht ist, als sie heute möglich ist. Das scheint mit der wesentlichste Gesichtspunkt zu sein. Ich möchte zum Schluß den Wunsch aussprechen, nachdem wir uns im übrigen zusammengefunden haben, daß der Reichsverband mit einer derartigen Reichstagung versehen wird. Auf Anfrage von RA. Dr. Silberschmidt (Bad Kissingen) erklärt Dr. Nußbaum, daß er eine Abstimmung über diese Forderung nicht wünsche. RA. Dr. Silberschmidt (Bad Kissingen): Ich stelle fest, daß die von den Parteien eingereichte Erklärung einstimmig angenommen ist. OLGR. Dr. Neumeyer (München): Ich bitte den Herrn Vorredner, es nicht als Unfreundlichkeit zu betrachten, wenn ich auf die einzelnen Punkte nicht näher eingehe. Es würde dies viel zu lange Zeit in Anspruch nehmen. Alle diese Momente haben uns schon beschäftigt und sind in der eingehendsten Weise erörtert worden. Ich möchte nur einen Punkt sofort richtig stellen, daß die Satzungen der Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Verbände bisher nicht bekanntgegeben wurden. Heute zum erstenmal erfährt die Öffentlichkeit von diesen Satzungen. Es war Vereinbarung der süddeutschen Länder, daß sie bis zur Beratung der Landeskirchenversammlungen nicht bekanntgegeben würden. Die bayerische Tagung ist die erste Organisation, die von diesen Satzungen Kenntnis erhält. Weiter darf ich wohl das eine sagen: Es ist in der Presse wiederholt von einem bayerischen Judentum gesprochen worden, es ist von der Mainlinie gesprochen worden, die errichtet werden soll gegen Norddeutschland. Da wird doch der Sinn der ganzen Sache verkannt. Wir kennen kein bayerisches Judentum in diesem Sinne, wir kennen nur eine große jüdische Religionsgemeinschaft. Cs handelt sich hier um die Methode, wie die jüdischen Belange in Deutschland am besten betreut werden können, es handelt sich nicht um das Ziel, das Ziel ist uns allen gemeinsam. Können Sie sich für uns in Bayern einen anderen Weg denken, die jüdischen Interessen wirksam zu vertreten, als den über unseren Landesverband. Ich darf Ihnen noch eines sagen und das war uns ein wertvolles Ergebnis bei den mühsamen und aufreibenden Verhandlungen, die wir viele Wochen hindurch in dieser Sache geführt haben. Was uns wieder die Freude und Genugtuung über unsere Arbeit gegeben hat, das ist das Ansehen und die Bedeutung, die unserm Landesverband im ganzen Reich und darüber hinaus zugemessen wird. — Das ist offen von allen Seiten anerkannt worden. — Und daher rührt der Einfluß, den unsere kleine Gemeinschaft in diesen großen deutschen Belangen hat, weil in der ganzen jüdischen Welt zugegeben wird, daß wir in Bayern gut gearbeitet haben. Diese Meinung hat sich auch nicht geändert durch die formelle und taktische Behandlung, welche die Sache gefunden hat. Wenn die von uns entworfene Verfassung des Reichsverbandes im Preußenverband abgelehnt worden ist, so sind das mehr äußere Dinge. Wir sind genau unterrichtet, wie sich die Sache zugetragen hat. Unser Einfluß auf diesem Gebiete im Reich ist dadurch kein geringerer geworden. Aber ich glaube, wir haben unsere Schuldigkeit getan, wir haben keinen Anlaß, zunächst irgendwelche weiteren Schritte zu unternehmen. Ich habe mir das gestern schon auszuführen gestattet. Die Arbeit, die wir dabei geleistet haben, hat die Befriedung der religiösen Richtungen mit sich gebracht. Das wird, eine Grundlage sein, auf der künftig jede Reichsorganisation aufgebaut werden wird. Wir können nun ruhig warten. Aus rein praktischen Gründen haben wir uns mit denen vereinigt, die uns am nächsten stehen, mit den süddeutschen Verbänden. Ich darf wohl sagen, mit den Ländern, in denen schon seit vielen Jahrzehnten eine vorzügliche Arbeit geleistet worden ist und die mit führend in Deutschland die jüdischen Belange sichern. Und da möchte ich insebesondere die badische Organisation nennen, die ganz ausgezeichnet gearbeitet hat und die fruchtbarsten Ideen für die weitere Ausgestaltung einer Reichsverfassung zur Verfügung gestellt hat. Ich möchte auf diese Verbände Hinweisen, die schon seit mehr als 100 Jahren Landeskirchen sind und über wertvolle Erfahrungen verfügen. Und wenn diese Organisationen uns als gleichberechtigt mit ihnen anerkennen und sich freuen, mit uns zusammenzuarbeiten, so liegt darin eine Befriedigung, die wir als junge Organisation empfinden dürfen. Ich danke Ihnen, daß Sie einmütig unsere Stellungnahme und unser Vorgehen gebilligt haben, daß Sie die Satzungen der Arbeitsgemeinschaft der Süddeutschen Verbände angenommen haben. Das wird uns den Mut und die Kraft geben, so weiter zu arbeiten, wie wir es bisher zu tun uns bemüht haben, zum Segen nicht nur der bayerischen Judenheit, sondern unserer religiösen Gemeinschaft im großen deutschen Vaterlande. RA. Dr. Silberschmidt (Bad Kissingen): Es ist eine Resolution der drei Parteien eingereicht worden: „Die Tagung des Verbandes billigt einmütig die Stellungnahme des Rats und der Verbandsleitung in der Schächtfrage und gibt sich der bestimmten Erwartung hin, daß diese Frage einer befriedigenden, die Gewissensfreiheit der religiösen Gemeinschaft berücksichtigenden Lösung entgegengeführt wird." Ich glaube, daß es sich erübrigt, noch einmal eine formelle Abstimmung hierüber vorzunehmen. Ich darf daher die Resolution an den Herren Präsidenten des Rats hinübergeben. OLGR. Dr. Neumeyer (München): Ich kann die Stimme nicht mehr so hoch erheben wie vorher, als wir von unserer Wirksamkeit für den deutschen Reichsverband gesprochen haben. Es ist eine überaus schmerzliche Sache, die uns alle tief berührt, gleichviel welcher Richtung wir angehören. In einer Einheitsfront treten wir für die Schächtfrage ein. Die Resolution bestärkt uns in unserem Bestreben, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um diese Angelegenheit einer befriedigenden, die Gewissensfreiheit berücksichtigenden Lösung entgegenzusühren. Welchen Erfolg das haben wird, können wir heute noch nicht sagen. Ich muß wiederholen, was ich gestern schon gesagt habe. Wir werden auf das gewissenhafteste bestrebt sein, jeden einzelnen Umstand zu verwerten im Interesse der Aufrechterhaltung unserer religiösen Einrichtungen. Es ist möglich, daß wir vorübergehend unterliegen werden. Allein wir dürfen das Vertrauen nicht verlieren und ich wiederhole es, unser Optimismus und Idealismus werden endlich den Sieg davontragen. RA. Dr. Silberschmidt (Bad Kissingen): Herr Oberbürgermeister Dr. Wild hat die Liebenswürdigkeit gehabt, den Tagungsmitgliedern zum Andenken an die Fürther Tagung ein Exemplar des Sonderheftes „Fürth" der Zeitschrift „Bayerland" zu überreichen. Wir sprechen ihm hierfür unseren verbindlichsten Dank aus und bitten die Verbandsleitung unseren Dank weiterzugeben. Wir find nunmehr am Ende der diesjährigen Tagung angelangt. Wir wollen die Arbeiten, die wir geleistet haben, diesmal wie immer nicht mit dem Zollstab messen. Wir dürfen sie messen nach dem inneren Gehalt. Wenn es nicht gelungen ist, die Mustersatzung zur Beratung und Annahme zu bringen, so ist eben der Entschluß, davon abzusehen, ein Beweis dafür, daß die Tagung nicht arbeiten will wie eine geistlose Maschine, sondern daß sie auch den Mut hat zu sagen, eine Arbeit, die wir dem Lande widmen, ist noch nicht so weit gediehen, daß wir sie aus den Händen