Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-05-23 · 5 (23.5.1927) · p. Seite 150

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
5 (23.5.1927)
Article
Bericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden am 13. und 14. März 1927 in Fürth
Date
1927-05-23
Page
Seite 150 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2727810-2727836-2727842-2731270--01989-2731368
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

150 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 betont haben, fest auf dem Standpunkt, daß in einer Zeit des Niedergangs mehr als je die Schule dazu berufen ist, Deutschtum und Religion zu fördern. Und daran halten wir fest. Wir dürfen unser Auge vor den veränderten Verhältnissen aber nicht verschließen. Sie wissen, daß durch das Schulgesetz die Simultanschule dem alten Sinn und Wesen nach aufgehoben worden ist, wenn auch der Name beibehalten wurde. Es besteht ebensowenig in Nürnberg und Fürth wie andersvo eine Simultanschule im alten Sinne. Ich will keine Vorwürfe für die Vergangenheit erheben. Wir müssen aber ernstlich erwägen, was wir nunmehr zu tun haben. Inzwischen ist ein Landeslehrplan als Rahmengesetz erschienen, von dem wir Lehrer sagen, daß er einen gewaltigen kulturellen Fortschritt bedeutet. Ich will mich hier nicht in Einzelheiten verlieren. Aber auf eines möchte ich Hinweisen. Für die Entfaltung der Persönlichkeit des einzelnen Lehrers ist die größte Freiheit gegeben, verbunden mit der größten Verantwortlichkeit. Und in dieser Lehrordnung für die bayerischen Volksschulen lautet § VII, Ziss. 6 folgendermaßen: „In Bekenntnisschulen sollen diejenigen Unterrichtsgebiete und Unterrichtsaufgaben besonders ausgeweitet und ausgewertet sowie aufeinander bezogen werden, die zur Erziehung im Geiste des Bekenntnisses Gelegenheit bieten. Wichtig für die Erziehung von Menschen, die aus ihrem Glauben leben, ist, daß das Lehrgut in diesem Sinn in werterfüllten Lehrerpersönlichkeiten lebendig ist und so auch in den jugendlichen Seelen Leben entzündet." Was dieser Paragraph bedeutet, ist ganz klar, und wir begrüßen es, daß er in diesem Gesetz enthalten ist. Stellen Sie sich aber anderseits die Situation der jüdischen Kinder vor. Hierzu kommt noch die Verschärfung, die durch die Einführung des konfessionellen Lesebuchs eintritt. Wir müssen meiner Meinung nach zu diesen Dingen Stellung nehmen, und uns fragen, was hier zu tun ist. Vielleicht könnte hierfür eine Kommission gebildet werden. Der Verband hat die Aufgabe, und ich betrachte es als eine seiner vornehmsten Aufgaben, mitzuwirken an der Erziehung des Nachwuchses. Wir wollen es ruhig aussprechen, daß auch der vermehrte Religionsunterricht nicht in der Lage ist, den Schüler in dem Ausmaße religiös zu erfassen, wie es im allgemeinen Unterricht geschehen kann. Es wäre endlich an der Zeit, daß unsere größeren Gemeinden einmal die Scheu vor den sogenannten Konfessionsschulen überwinden. Es ist durchaus nicht so, daß wir etwas zu fürchten brauchen. Wir werden in der nächsten Zeit das neue Schulgesetz bekommen. Wenn wir nicht rechtzeitig dafür forgen, daß wir unsere Rechte wahren, dann werden wir hier genau so zu kurz kommen, wie bei den Zuschüssen des Staates für die Zwecke unseres Bekenntnisses. Wenn wir schon auf materiellem Gebiete benachteiligt find, so wollen wir doch auf geistigem Gebiete dafür sorgen, daß unsere Belange Berücksichtigung finden. Hier muß der Verband voll auf dem Posten sein und durch Verhandlungen mit den Behörden und gesetzgebenden Faktoren auf die Gestaltung der Gesetzgebung in einem auch der jüdischen Kindererziehung gerecht werdenden Sinne Einfluß zu nehmen versuchen. Denn auf unserer Jugend beruht unsere Zukunft. Lehrer Oppenheimer (Laudenbach) wendet sich dagegen, daß der Verband Groß- und Mittelgemeinden einerseits und Zuschußgemeinden anderseits unterscheidet. Zuschußgemeinden dürfen nicht Gemeinden geminderten Rechtes fein. Damit die unterschiedliche Behandlung aufhört, rege ich an zu prüfen, ob nicht eine Erhöhung der Landesverbandsumlagen und dafür eine Ermäßigung der örtlichen Umlagen vorgenommen werden sollte. Diese Verschiebung im Verhältnis der beiden Umlagenteile soll ermöglichen, daß die Beamtengehälter in allen Verbandsgemeinden vom Verband getragen werden, wie ja auch die Beamten der christlichen Kirchen aus einer Kasse besoldet werden. Damit wäre die Einheit im Verbände hergestellt. Ich möchte noch eine weitere Anregung geben. Es ist heute wiederholt der Geburtenrückgang beklagt worden. Der Verband sollte Erhebungen veranstalten, um festzustellen, wie die Verhältnisse hinsichtlich der Kinderzahl in den einzelnen Gemeinden liegen. Ich bin überzeugt, daß sich dabei ergeben würde, daß die größere Kinderzahl in den kleineren Gemeinden vorhanden ist. Besonders begrüßen würde ich es, wenn der Verband kinderreiche Familien in irgendeiner Weise unterstützen würde. Das halte ich für ein Mittel, um praktische Beoölkerungspolitik zu treiben. RA. Dr. Landenberger (Nürnberg): Ich möchte im Aufträge des Jüdischen Turn- und Sportvereins Bar-Kochba in Nürnberg die Bitte an Sie richten, von den für die Turn- und Sportbewegung ausgesetzten Mitteln einen entsprechenden Teil diesem Verein zuzuwenden. Er zählt 470 Mitglieder und ist absolut neutral. Er nimmt in Bayern eine ganz überragende Stellung ein und genießt auch dank feiner Leistungen den besten Ruf in der allgemeinen Sportbewegung. Des weiteren hat mich die Bundesvorstandschaft des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten beauftragt, das von ihr gestellte Gesuch auf Gewährung von Mitteln für das geplante Siedlungswerk auf der heutigen Tagung zu vertreten. Ich möchte zunächst dem Herrn Präsidenten des Rats unseren Dank für das warmherzige Interesse, das er unseren Bestrebungen entgegenbringt, aussprechen und möchte weiter dafür danken, daß bereits ein Betrag in den Etat eingesetzt ist. Wenn Sie fragen, warum wir uns auf dieses Gebiet begeben haben, so sage ich Ihnen, die Generation der überlebenden Frontsoldaten hat dafür zu forgen, daß der Boden, für den 12 000 unserer Kameraden ihr Blut hingegeben haben, auch der deutschen Iudenheit in angemessenem Umfange Raum bietet. Daneben hat der Staat anerkannt, daß gerade die Kriegsteilnehmer einen bevorzugten Anspruch auf Ansiedlung auf eigener Scholle haben. Hiervon ausgehend haben wir weiter erwogen, daß es ein ungesunder Zustand ist, daß die Juden vom Lande abgedrängt worden sind und sind dazu gekommen, daß dieser Zustand beseitigt werden muß. Wir hoffen, durch die Ansiedlung auf dem Lande den Nachteilen des Stadtlebens, wie sie sich besonders im Rückgang der Geburtenziffer zeigen, in wirksamer Weise begegnen zu können. Es soll kein Sprung ins Dunkel gemacht werden, den es sind genug Juden da, die imstande sind, den Boden zu bebauen, erstens Leute, die bei der ungünstigen Lage der Landwirtschaft heute keine Stellung finden können. Ein zweiter Kreis von Leuten find die, die auf dem Lande wohnen und gezwungen sind, ihren Beruf bei der vorhandenen Konkurrenz aufzugeben und sich anschicken, in die Stadt zu ziehen. Auch diesen Leuten kann man durch die Ansiedlung Helsen. Sie sind das gegebene Material. Noch ein Gesichtspunkt. Wir find auch in allgemein politischer Beziehung der Ansicht, daß es zur Bekämpfung des Judenhasses sehr wertvoll wäre, Glaubensgenossen aufs Land zu bringen, die das bei den Bauern vorhandene Vorurteil zerstören können. Das ist ein ideelles Moment. Es gibt heute schon eine ziemlich beträchtliche Anzahl von jüdischen Landwirten in Deutschland. Aus deren Kreisen stammen unsere Sachverständigen und Mitarbeiter. Sie werden unterstützt durch Pros. Oppenheimer in Frankfurt a. M. Wir beabsichtigen die Sache in der Weise durchzuführen, daß wir zunächst ein Gut ankaufen und mit der Parzellierung und Schaffung von Siedlerstellen beginnen. Ich habe versucht, Ihnen kurz Art und Bedeutung unseres Unternehmens klarzumachen und bitte Sie dringend, es nicht bei dem Betrag von M. 2000.— bewenden zu lassen und uns schon jetzt M. 5000.— zu bewilligen. Die Bewilligung der von mir verlangten M. 5000.— würde für unser Werk von größter moralischer Bedeutung sein. Ich bin überzeugt, Sie unterstützen damit etwas, was für das bayerische und deutsche Judentum von bleibendem Wert sein wird. Auf Antrag von Justizrat Dr. Feuchtwanger (München) wird die Redezeit auf 5 Minuten beschränkt. Dr. Oettinger (Regensburg): Wegen der vorgerückten Stunde und der Begrenzung der Redezeit will ich auf die einzelnen Posten des Sozialetats nicht näher eingehen. Wir stehen einer Erhöhung der Zuwendung an den Frontbund sehr sympathisch gegenüber und sind mit der Bewilligung eines Betrages von M. 5000.— einverstanden. Das kann geschehen, ohne daß der Gesamtetat erhöht zu werden braucht.- Ich will Ihnen zeigen, woher wir die Mittel hierfür hernehmen könnten. Wir haben für die Förderung wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeiten, Posten V"b, c und d, insgesamt M. 19 000.— eingesetzt. Hier könnten meines Erachtens leicht M. 500.— eingespart werden. Dann haben wir den Posten „Verband" gesetzestreuer jüdischer Jugendvereine Bayerns" mit M. 500.—. Wir sind nicht damit einverstanden, daß irgendwelche Zuwendungen an Jugendvereine oder Sportvereine gemacht werden, die nicht neutral sind, so daß dieser Betrag in Wegfall kommen könnte. Ferner bin ich der Ansicht, daß der Posten „Pro-Falascha-Comitö" mit M. 1000.— gestrichen und der Posten „4 Anstalten des DIGB" um M. 1000.—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.