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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-05-23 · 5 (23.5.1927) · p. Seite 149

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
5 (23.5.1927)
Article
Bericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden am 13. und 14. März 1927 in Fürth
Date
1927-05-23
Page
Seite 149 (sequence 8)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 149 Nun zu den sozialen Leistungen. Ich bedauere nur, daß die Zeit für die Aussprache so kurz ist, daß diese nicht in dem erwünschten Umfange erfolgen kann. Vielleicht läßt es sich ermöglichen, künftig für die Aussprache über den Etat mehr Zeit vorzusehen. Ich möchte hier wiederum unsere Anerkennung für die Leistungen des Verbandes aussprechen und daran einen kleinen Wunsch meiner Fraktion knüpfen. Es wird viel über das Durchwandererunwesen geklagt. Eine Lösung wird darin erblickt, wenn man die Durchwanderer der Arbeit zuführt. Wir halten das für eine dringende sozialethische Aufgabe und würden es begrüßen, wenn das Wohlfahrtsamt des Verbandes, wie geplant, die dafür erforderliche Arbeitsnachweisstelle einrichtet. Anläßlich der Bezirkswohlfahrtstagung in Fürth ist der Wunsch auf Einrichtung von Darlehenskassen ausgesprochen worden. Es ist vollkommen überflüssig, über die Notwendigkeit der Errichtung von Darlehenskassen zu sprechen. Es wäre zu erwägen, ob nicht in den einzelnen Kreisen unter Beihilfe des Verbandes Darlehenskassen geschaffen werden könnten. Der Verband müßte zunächst eine gewisse Summe vorstrecken, mit der die Darlehenskassen für den Anfang arbeiten könnten. Natürlich muß die Sicherstellung der hierzu gewährten Verbandsmittel verlangt werden. Wer weiß, ob in der Zeit wirtschaftlicher Depression nicht so mancher Zusammenbruch durch die Hilfe der Darlehenskassen hätte vermieden werden können. Schließlich möchte ich nicht verfehlen, unserer Sympathie für die Einstellung eines Postens für Siedlungszwecke Ausdruck zu geben. Nunmehr komme ich zum letzten Punkt; das ist die Verwaltung. Hier finde ich mich in Übereinstimmung mit meinem liberalen Vorredner. Auch die konservative Fraktion legt Wert daraus, das Material für die Vorlagen der Tagung früher als bisher zu erhalten. Ohne im Besitz der erforderlichen Unterlagen zu fein, ist es sehr schwer, in den Fraktionssitzungen Stellung zu den einzelnen Beratungsgegenständen zu nehmen und fruchtbare Vorarbeit zu leisten. Ich möchte deshalb bitten, die Vorlagen an die Tagung einschließlich des spezifizierten Etats den Abgeordneten rechtzeitig zuzustellen. Ferner bitten wir, den Mitgliedern der Tagung Abschrift der Protokolle der Rats- und Ausschußsitzungen regelmäßig zu übersenden. Auch das würde unsere Mitarbeit erleichtern. Zum Schlüsse möchte ich darum bitten, daß die große jüdische Presse vom Büro des Verbandes mehr als bisher mit Material versehen wird. Unser Verband kann stolz auf seine Leistungen sein. Ich erinnere Sie nur an die große Tat der Schaffung des Beamtenrechts, durch das die materielle und ideelle Stellung der Beamten fundiert und gesichert ist und durch das wir die Berufsfreudigkeit der Beamten gestärkt und auch dem religiösen Leben der Gemeinden einen neuen starken Impuls verliehen haben. Ich erinnere ferner an die großen Bewilligungen für jüdische Zwecke, mit denen unser Verband an der Spitze aller Landesverbände steht. Unsere für das ganze Reich mustergültigen Leistungen müssen durch die große jüdische Presse der ganzen deutschen Öffentlichkeit bekannt werden. Schließlich haben wir noch den Wunsch, daß in den Bewilligungsausschuß, der ausschließlich aus Mitgliedern des Rats besteht, auch Tagungsmitglieder abgeordnet werden. Der Tagung soll das Recht gegeben werden, Mitglieder in den Bewilligungsausschuß zu entsenden. Unser Antrag soll selbstverständlich nicht ein Mißtrauensvotum gegen die Mitglieder des Bewilligungsausschusses sein. Für seine Einbringung sind ausschließlich grundsätzliche Erwägungen maßgebend. Ich möchte meine Ausführungen nicht beenden, ohne als Vertreter der konservativen Partei Stellung zu der schmerzlichsten Frage, zu der Schächtfrage genommen zu haben. Nicht Worte der Bitterkeit und Empörung wollen wir an diesem Ort und in dieser Stunde aussprechen, wir wollen nur dem tiefen Schmerz und der tiefen Trauer darüber Ausdruck geben, daß der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden im 20. Jahrhundert überhaupt genötigt ist, solche Eingriffe in die verfassungsmäßig gewährleistete Gewissensfreiheit und Freiheit der Religionsübung abzuwehren. Das Judentum braucht derartige Angriffe letzten Endes nicht zu fürchten, wenn wir alle treu zur Tradition stehen und erfüllt sind von religiöser Standhaftigkeit, wenn wir vor allem aufblicken zu demjenigen, von dem es heißt, „Der alte Hüter Israels, er schlummert und schläft nicht". Er schläft auch heute nicht. Dann wird es nicht schwer werden, auch dieses Angriffs Herr zu werden, wie wir auch so manchen Sturm in der jüdischen Geschichte überdauert haben. Dr. Bamberger (Nürnberg): Auch unsere Fraktion ist in der angenehmen Lage, der Verbandsleitung das Vertrauen auszusprechen. Es bedarf nicht vieler Worte darüber. Jedes Wort würde nur abschwächend wirken. Ebenso kann ich für meine Fraktion erklären, daß wir den Haushaltplan in dem Umfange, wie er uns vorgelegt worden ist, gern annehmen, wenn wir auch Wünsche für die Änderung einzelner Positionen gehabt hätten. Ich gebe meiner großen Freude Ausdruck, daß der Verband sein Augenmerk auf die Berufsumschichtung der jüdischen Bevölkerung richten will. Wir begrüßen es, daß unsere Jugend aus der unfruchtbaren Überfüllung der höheren Schulen herausgezogen werden soll und daß man sie dem Handwerk und der Landwirtschaft zusühren will. Es sind das durchaus kein neuen Versuche in Deutschland. Cs ist dies schon früher wiederholt unternommen worden, aber freilich, heute, im Zeitalter der Heimstättenbewegung und Bodenreform, gestalten sich diese Dinge ganz anders. Die Frage gehört mit zu den schwersten Problemen. Wir dürfen uns nicht der Tatsache verschließen, daß die Rentabilität der Landwirtschaft heute durchaus nicht gesichert ist. Die Verantwortung ist daher außerordentlich groß. Aber wir dürfen Vertrauen zu unserer Jugend haben. Ich erinnere hierbei daran, daß unsere Jugend vielfach Vorbildliches in Landwirtschaft und Handwerk geleistet hat. Wir haben deshalb auch schon im Vorjahre Stipendien an junge Leute zur Ausbildung in diesen Berufen gewährt. Von unserem Standpunkt bestehen keine Bedenken dagegen, wenn diese Leute nach Palästina wandern. Ich glaube auch aussprechen zu können, daß die Erfahrungen, die man mit der Berufsumschichtung der Juden durch Ansiedlung in Palästina gemacht hat, aus uns hier befruchtend zurückwirken. Wir begrüßen es ferner mit Freude, daß nicht durch den neuen Verband der süddeutschen Länder eine neue Mainlinie errichtet werden will, daß wir ihn vielmehr nur als Basis benützen wollen, um mit dem Norden in Fühlung zu treten. Wir verkennen auch nicht den Nutzen der Zusammenarbeit der süddeutschen Verbände auf den verschiedensten in Frage kommenden Gebieten. Wir scheuen uns auch nicht zu erklären, mögen Außenstehende auch noch so sehr über unsere Jnternationaltät sprechen, daß wir es begrüßen würden, wenr in vielen Fragen ein Zusammenschluß der gesamten Judenheit zu gemeinsamer Abwehr herbeigeführt werden könnte — ebenso wie auch die Katholiken und Protestanten auf der ganzen Welt Zusammenarbeiten —; denn der Antisemitismus ist auch eine internationale Frage geworden. Ich komme nunmehr zu einem anderen Punkt, das ist die Ostjudenfrage. Bei der Beratung der Mustersatzungen für die Gemeinden wird darüber eingehend zu reden sein. Heute will ich nur so viel sagen: es besteht kein Zweifel, daß, wenn nicht schon seit 20 Jahren die jüdische Bevölkerung in Deutschland durch Zuwanderung von Ostjuden gestärkt worden wäre, der Rückgang in der Zahl der jüdischen Bevölkerung noch viel stärker in Erscheinung getreten wäre. Hierbei möchte ich auf eines Hinweisen. Die sogenannten staatenlosen Juden sind in einer außerordentlichen Notlage. Das gilt namentlich für die Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind. Was soll aus ihnen in Zukunft werden. Es ist ja schon eine Besserung erreicht worden. Der Verband sollte aber das Problem im Auge behalten und in jeder Weife fördern. Es darf nicht Vorkommen, wie das in Nürnberg der Fall war, daß ein bestens qualifizierter Schüler des Gymnasiums von allen deutschen Staaten die Zustimmung zur Einbürgerung bekommen hat und nur von Bayern abegelehnt wurde. Gerade in Fürth muß man für diese Dinge Verständnis finden. Es ist, glaube ich, schon heute daraus hingewiesen worden, wie viele Juden einst aus Wien nach Fürth gekommen sind. Ebenso ist heute wiederholt die Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit, die Heimats- und Vaterlandsliebe der Fürther Juden rühmend hervorgehoben worden. Ich bin daher überzeugt, daß aus den ostjüdifchen Kindern, die wir heute zu erziehen haben, ebenfalls tüchtige Menschen werden und daß wir für diesen Zuwachs in Bayern nur dankbar sein können. Ich fordere mit allem Nachdruck, daß sich der Verband für die Interessen dieser Glaubensgenossen einsetzt. Wir dürfen aber auch selbst keine Ausnahmegesetzgebung für die Ostjuden schaffen, denn wenn wir das tun, geben wir denen recht, die sagen, daß wir selbst ja die Ostjuden zu Juden zweiter Klasse stempeln. Zum Schluß will ich noch einen Punkt erörtern, das ist die jüdische Schulsrage. Ich erinnere an den für Preußen geschaffenen Bölitzschen Entwurf. Ich will hierbei im voraus eine Bemerkung machen, um jedes Mißverständnis auszuschließen. Wir stehen, was wir schon einmal bei einer Besprechung in München

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