Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (23.5.1927)
- Article
- Bericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden am 13. und 14. März 1927 in Fürth
- Date
- 1927-05-23
- Page
- Seite 148 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2727810-2727836-2727842-2731270--01987-2731366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
148 Bayerische Israelitische Gemeindezeirung Nr. 5 wir wieder vorbildlich für alle anderen Verbände in Deutschland wirken. Bisher hat nur die Wiener Gemeinde das Große geleistet, daß sie eine historische Kommission eingesetzt hat, die wissenschaftliche Werke in geradezu musterhafter Weise herausgibt. Wir wollen diesem Beispiel folgen und bewirken, daß diese Anregungen auch von den anderen Gemeindeverbänden übernommen werden. Sie sind denn auch bereits von einigen uns nahestehenden Verbänden gern und freudig ausgenommen worden. Hier haben wir Aufgaben, die aus dem rein geistigen ideellen Kreis heraus doch wieder praktischen und materiellen Nutzen in sich schließen. Nun zum Schluß noch die Bitte, daß Sie uns in all diesen Plänen kräftig unterstützen mögen. Ich meine damit nicht bloß die materielle Unterstützung, die ich für selbstverständlich erachte, sondern viel mehr die geistige, die ideelle Unterstützung. In unseren Gemeinden muß das Interesse für alle diese Dinge geweckt werden. Sie müssen begreifen, wie wichtig es ist zu wissen, auf welchem Boden wir in Bayern als Juden stehen. Im Talmud kommt einmal der Satz vor: „Weh denen, die da sehen und wissen nicht, was sie sehen, und weh denen, die da stehen und wissen nicht, wo sie stehen!" Dieses Wehe wollen wir nicht. Wir wollen die Dinge in ihrem Wert festhalten und sie nicht verloren gehen lassen. Hier in Fürth stehen wir in dieser Hinsicht auf dem allerbesten Boden. Fürth ist einst die Stätte der großen jüdischen Buchdruckereien gewesen. Sie haben die jüdische Welt mit ihren Werken versehen. Es gibt kaum eine Gemeinde in Süddeutschland, in der sich nicht ein Machsor aus Fürch findet. Wenn man diese Bücher aufschlägt, so ist es oft genug interessant, hinter dem Titel ein Verzeichnis der Männer und Frauen zu finden, die durch ihre Geldmittel die Drucklegung ermöglicht haben, die die Mäzen des betreffenden Buches gewesen sind. Und wenn man die letzte Seite aufschlägt, so steht häufig dort: An dem heiligen Werk des Druckes dieses Buches waren beteiligt N. N. als Drucker, N. N. als Setzer. Jeder einzelne, der nur ein paar Lettern beigetragen hatte, fühlte sich stolz als Mitarbeiter an dem heiligen Werke. Von dieser Erkenntnis, daß selbst die unscheinbarste Arbeit für die Wissenschaft ein heiliges Werk war, waren alle durchdrungen. Dieselbe Erkenntnis, daß die Pflege der Wissenschaft ein wichtiger Teil unseres ganzen heiligen Werkes ist, an dem wir hier alle arbeiten, bitten wir Sie aus der Fürther Tagung mit hinauszunehmen. Das ist der Wunsch der Mitglieder der historischen Kommission. ObstLGR. Prof. Dr. Silberschmidt (München) dankt Rabbiner Dr. Freudenchal für seine Ausführungen. Rabbiner Dr. Wohlgemuth (Kitzingen): Wenn ich in dem Etat, wie er uns hier vorlicgt, die Ausgaben für das Jahr 1926 und den Voranschlag für 1927 betrachte, so muß ich sagen, daß im vergangenen Berichtsjahr außerordentlich güte Arbeit geleistet worden ist und daß wir voll Vertrauen in die Zukunft schauen können. Wenn vorhin der Redner der liberalen Fraktion der Verbandsleitung den Dank seiner Freunde ausgesprochen hat, so darf ich im Namen der konservativen Fraktion der Verbandsleitung herzlichen Dank für die geleistete Arbeit zum Ausdruck bringen und gleichzeitig ihr versichern, daß wir zu ihr volles Vertrauen haben. Wir stehen in einer Zeit, die die Notwendigkeit der Zusammenfassung zersplitterter Einzelkräfte erkannt hat und die den Wert der Organisation zu schätzen versteht. Wie die einzelnen Gemeinden vom Verband getragen werden, so tragen sie anderseits wieder den Verband. Dabei dürfen aber auch die Arbeit und die Leistungen der einzelnen Gemeinden nicht zu niedrig eingeschätzt werden. Es ist vorhin gesagt worden, daß die Großgemeinden den Löwenanteil am Etat des Verbandes aufbringen, aber letzten Endes zahlt doch jeder Jude in Bayern feine 3 Prozent Landesumlagen, ob er in München, in Nürnberg oder ob er in Wiesenbronn lebt. Gerade die Leistungen der Glaubensgenossen in den kleineren Gemeinden müssen noch viel höher bewertet werden, da die Klein- und Mittelgemeinden einen sehr hohen örtlichen Umlagensatz haben. Z. B. erhebt Ansbach 25 Prozent, Kitzingen und Schweinfurt 20 Prozent; und die Angehörigen der Kleingemeinden werden noch viel stärker in Anspruch genommen. Ich komme nun zur Besprechung der einzelnen Titel des Etats. Ich möchte Ihnen hierbei einige Wünsche der konservativen Fraktion vortragen. 1. Besoldungszuschüsse. Es ist gesagt worden, daß die Notwendigkeit, einen Beamten anzustellen, nicht gegeben ist, wenn in einer Gemeinde nur 2 oder 3 Schulkinder wären. Aber der Lehrer in einer Kleingemeinde ist nicht nur Lehrer. Er ist auch Vorbeter und Schächter. Man kann sich nicht auf den Standpunkt stellen, daß bei einer bestimmten Zahl von Schulkindern Zuschüsse zur Besoldung eines eigenen Beamten nicht gewährt werden dürfen. Vielmehr muß hier die Zahl der Gemeindemitglieder entscheidend sein. Es gibt viele Gemeinden in Bayern, welche Beamte angestellt haben, die nicht Reichsdeutsche sind. In solchen Fällen ist eine Versicherung beim Versorgungsverband nicht möglich. Ich weiß sehr wohl, daß sich die Verbandsleitung mit dieser Sache befaßt. Aber auch wir haben die Angelegenheit in unseren Sitzungen behandelt und wir stellen hierzu folgenden Antrag: „Der Verband errichtet eine Versorgungskasse für die Gewährung von Ruhestands- und Hinterbliebenenbezügen zugunsten derjenigen Beamten, welche infolge ihrer Staatsangehörigkeit beim bayerischen Versorgungsverband nicht angemeldet werden können. Beiträge und Leistungen bemessen sich nach den jeweils geltenden Bestimmungen des Versorgungsoerbandes mit der einen Ausnahme, daß für die bei Errichtung vorhandenen Beamten, gleichviel ob in leistungsfähigen oder 'in Zuschußgemeinden, Nachzahlungen nicht erhoben werden. Eine der Höhe der betreffenden Eintrittsgelder entsprechende Summe wird zur Refundierung dieser Versorgungskasse aus dem Landeswohlfahrtsfonds entnommen. Im Einzelsalle kann auf die Zahlung von Beiträgen für eine versicherte Stelle insolange verzichtet werden, als die Gemeinde für die gleiche Stelle noch Umlagen an den Versorgungsverband zu entrichten hat." Ich komme nun zu dem Titel Bauzuschüsse. Ich begrüße es durchaus dankbar, daß für diese Zwecke höhere Mittel als im Vorjahr vorgesehen sind. Meine Fraktion spricht jedoch den Wunsch aus, den Posten, wenn möglich, um weitere M. 10 000.— auf M. 30 000.— zu erhöhen. Wir anerkennen durchaus die Leistungen des Verbandes auf dem Gebiete der Wiederherstellung von Gotteshäusern, Schulgebäuden, Ritualbädern und Friedhöfen. Aber es gilt die Schäden der Kriegs- und Inflationszeit gutzumachen. Gerade das Gotteshaus, die Schule und das Tauchbad sind Kristallisationspunkte des religiösen Lebens. Der Verband muß daher hier erhöhte Mittel bereitstellen. Ich denke dabei auch an zahlreiche Friedhöfe, die einsam und verwaist irgendwo liegen und deren Gemeinden sich bereits aufgelöst haben. Solche Friedhöfe haben mitunter nicht einmal eine Einfriedigung. Wir halten es für eine Ehrenpflicht des Verbandes, daß er dafür Sorge trägt, daß diese Friedhöfe mit einer Mauer versehen werden, die sie vor Schändung und Entehrung schützt. Ich gehe nunmehr zu dem Posten kulturelle Zwecke über. Wir anerkennen sehr dankbar, daß die Verbandszuschüsse für die Lehrerbildungsanstalt und andere Anstalten in diesem Jahr erhöht worden sind. Wir stehen indes auf dem Standpunkt, daß der Verband den Gesamtaufwand gewisser Anstalten, insbesondere der Lehrerbildungsanstalt sobald als möglich ganz auf sich nehmen muß. Denn schließlich sind die sogenannten Werbereisen der Leiter nicht würdig der hohen Aufgaben, denen diese Anstalten dienen. Den Posten Stipendien bitten wir zu erhöhen, denn wir halten den hier eingesetzten Betrag von M. 8000.— für zu gering. Der preußische Verband übernimmt für jeden Schüler, der die bayerische Lehrerbildungsanstalt oder Präparandie besucht, die gesamten Verpflegungskosten, wenn die Angehörigen hierzu nicht in der Lage sind. In ähnlicher Weise, verfahren auch die badische und württembergische Religionsgesellschaft. Ich verkenne nun nicht, daß unser bayerischer Verband außer den Stipendien Aufwendungen für die Anstalten in Höhe von M. 20 000.— bzw. M. 14 000.— macht. Er stellt sich damit zweifellos an die Spitze aller Landesverbände. Dennoch würde ich wünschen, wenn die Beträge für Stipendien erhöht und in gleichem Umfange gewährt würden, wie von den übrigen Landesverbänden. Es liegen 35 Neuanmeldungen von bayerischen Schülern vor, wovon eine große Anzahl unbemittelt ist. Die Verpflegungskosten für einen Schüler machen M. 650.— aus. Wir beantragen daher, den Stipendienfonds auf M. 12 000.— zu erhöhen. Ich brauche wohl nicht an das Wort erinnern: „Nehmt es genau mit den Söhnen der Armen, denn von ihnen geht das Thorawissen aus." Bei dem Titel kulturelle Leistungen möchte ich noch einen weiteren Wunsch aussprechen. Vielleicht könnte der Verband eine Vermittlungsstelle für Vorträge einrichten. Es tritt oft der Fall ein, daß die Abhaltung eines Vortrags gewünscht und ein Redner hierfür gesucht wird. Vielleicht könnte der Verband eine stets auf dem Laufenden zu haltende Liste herausgeben, in der Rabbiner, Lehrer und sonstige Persönlichkeiten nebst den Themen, für die sie sich zur Verfügung stellen, enthalten sind.