Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (23.5.1927)
- Article
- Bericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden am 13. und 14. März 1927 in Fürth
- Date
- 1927-05-23
- Page
- Seite 147 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2727810-2727836-2727842-2731270--01986-2731365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 147 dem Reich der Materie in das Reich der Ideen hinüberführe. All das, was wir hier schaffen wollen, ist doch nur das Kleid, nur die äußere Form für den geistigen Kern, den zu hegen und zu pflegen wir uns die größte Mühe geben. Unser Judentum ist vor allem Idee und Geist. Die Idee und den Geist zu fördern und zu stärken, das war von Anfang an, seitdem das Judentum existiert, die Aufgabe all der führenden und leitenden Männer. Ich möchte sagen, daß in diesem Sinne sogar das Lehrhaus in Israel eigentlich älter gewesen ist als das Gotteshaus, daß man eher zusammenkam, um den Geist der Lehre zu hegen und zu pflegen, als man zusammenkam, um zu beten. Die Erhaltung der jüdischen Idee und des jüdischen Geistes war immer Sache der Gesamtheit. Darum war auch von Anfang an die Pflege der Wissenschaft im Judentum ganz selbstverständlich. Das war der Zentralpunkt des jüdischen Geistes und des jüdischen Lebens. Die Wissenschaft hatte aber auch noch einen anderen Segen. Sie war immer etwas Einigendes im Judentum. Alle Richtungen haben sich in der Wissenschaft geeinigt. Das war von jeher so. Wenn auch Methode und Ziel verschieden waren, so war doch die Tendenz die gleiche und die Erkenntnis von der Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeiten im Judentum war gleichmäßig auf alle Parteien verteilt und ist es bis heute geblieben. Alle Richtungen im Judentum einigen sich noch immer in der wissenschaftlichen Arbeit, sie wollen alle die Lehre erhalten und entwickeln. Das ist das Ziel aller derer, die in den verschiedenen Richtungen des Judentums arbeiten, und das ist heute noch notwendiger als früher. Die Wissenschaft ist viel bedeutsamer geworden als bisher. Sie hat nicht bloß für die innere Entwicklung zu arbeiten, sondern auch für die Stellung des Judentums nach außen. Die Wissenschaft fördert unser inneres Leben, sie ist aber auch unser einziges Rüstzeug nach außen. Wie wir uns apologetisch verhalten sollen gegenüber den Angriffen von außen, wie wir unsere Sittenlehre als hochstehend, unsere Religionsgesetze als einwandfrei begründen wollen, wie wir all die Fragen, die uns wesentlich als Juden im Leben berühren, beurteilen sollen, das zu entscheiden ist nur möglich auf Grund wissenschaftlicher Forschung. Wir haben keine Autorität, die uns Vorschriften und Anleitung geben könnte, außer der Wissenschaft. Deshalb ist es notwendig, daß heute die Wissenschaft einen ganz besonders starken Rückhalt an denjenigen Männern findet, die praktisch für das Judentum arbeiten: sie müssen zu allererst Verständnis für die Ideen und den Geist des Judentums besitzen. Das darf man hier in diesem Kreise gewiß voraussetzen. Mit diesen praktischen Bedürfnissen hängt es auch zusammen, daß in der modernen jüdischen Wissenschaft die geschichtlichen Forschungen einen so außerordentlich großen Raum einnehmen. Das ist auffällig in der Geschichte der jüdischen Wissenschaft. In früheren Jahrhunderten ist die geschichtliche Darstellung des Judentums und die Kenntnis seiner historischen Bedeutung ziemlich in den Hintergrund getreten. Heute spielt die Erforschung der jüdischen Geschichte eine besonders große Rolle. Das hängt mit der äußeren Stellung des Judentums zusammen. Wir müssen aus der Geschichte den Beweis erbringen, daß wir genau so wie alle anderen Gemeinschaften auf historischem Boden gewachsen sind, und zwar auch in der Heimat, in der wir uns befinden. Wenn wir die Berechtigung unserer Heimatsiedelung Nachweisen wollen, können wir sie nur aus der Geschichte begründen. Darum ist die Pflege der Geschichte und speziell der Heimatgeschichte mit eine der Aufgaben der ganzen jüdischen Gemeinschaft, eine Aufgabe, die nach innen ebenso den Geist und den Zusammenhalt fördert, wie sie nach außen unsere Existenzberechtigung aus den geschichtlichen Zusammenhängen erweist. Da ist es auch interessant, daß in der modernen Zeit die Familienforschung so stark in den Vordergrund getreten ist. Familienforschung will getrieben sein nicht bloß um die Neugierde des einzelnen zu befriedigen, sondern um die großen Zusammenhänge mit dem Heimatböden äußerlich festzulegen; das ist der besondere Sinn der Familienforschung. Bei uns in Bayern liegt auf diesen Gebieten noch vieles im Argen. Die historische Schaffensfreude fängt jetzt erst in Bayern an sich zu regen. Wir haben bisher davon sehr wenig verspürt. Wenn wir uns nach der Geschichte der Juden Bayerns in der alten Zeit umsehen, wenn wir an die mittelalterlichen Jahrhunderte denken, in denen es so große blühende Gemeinden im Lande gegeben hat, wo z. B. Nürnberg maßgebend gewesen ist für ganz Süddeutschland, Gemeinden, in denen Männer als Gelehrte wirkten, die in der Geschichte des deutschen Judentums eine ganz besonders große Rolle spielten, wie z. B. R. Meir aus Rothenburg, so ist es für uns ein beschämendes Gefühl, daß wir keine rechten Darstellungen darüber besitzen. Es gibt von kaum einer einzigen Gemeinde in Bayern eine wirklich wertvolle Geschichte, eine wirklich wissenschaftliche Darstellung ihres inneren und äußeren Lebens. So mutet es eigenartig an, daß wir z. B. in Nürnberg wohl schon für die neue, nicht aber für die alte Geschichte wissenschaftliche Darbietungen haben. Hier gilt es nun einzusetzen, und zwar so rasch als möglich; denn wir stehen vor der Gefahr, wenn wir nicht rasch zugreifen, daß uns unendlich viel wissenschaftlich außerordentlich wertvolles Material durch die Auflösung der Gemeinden und durch die bedauerliche Verständnislosigkeit in den kleinen Gemeinden verloren geht. In diesen Gemeinden hat kaum jemand eine Ahnung von dem Wert und der Bedeutung der Schätze, die sie besitzen. Im allgemeinen sind solche Schätze kulturhistorischer, künstlerischer, auch bibliographischer Art. Wenn wir anfangen uns um diese Dinge zu bekümmern, sind sie häufig schon verschenkt und verkauft. Es ist also allerhöchste Zeit, wenn wir für die geschichtliche Forschung etwas tun wollen, ans Werk zu gehen. Hier besteht nicht nur ein ideelles, sondern auch ein praktisches Interesse des Verbandes. Denn der Verband kann unmöglich dulden, daß mit den Gemeinden auch die wissenschaftlich wertvollen Schätze zugrundegehen. Kaum daß wir uns gerührt haben, kommen denn auch schon von allen Seiten Hilferufe an uns, auch Wünsche aus Gelehrtenkreisen regen sich schon. Wir hören von jüdischen Gelehrten, die bereit sind, uns ihre Werke zur Veröffentlichung zu geben, von christlichen Universitätsprofessoren, daß sie längst ihren Studenten jüdisch-historische Themata gegeben hätten, wenn sie gewußt hätten, wo sie zur Veröffentlichung untergebracht werden können. Aus dem Reich wird uns die Freude darüber ausgedrückt, daß wir als erste von Verbands wegen an diese Dinge Herangehen wollen. Daß die jüdischen Kunstschätze zu ihrem Rechte kommen sollen, erweckt lebhaftes Interesse. Die Gesellschaft für Familiensorschung in München erwartet von uns Hilfe, um ihre Tätigkeit praktisch beginnen und von München aus über das ganze Land ausdehnen zu können; sie wünscht, daß auch in den übrigen Gemeinden Bayerns sich Gruppen für die Familienforschung bilden. Für all diese Arbeiten brauchen wir nicht nur die Gelehrten, sondern wir sind auf die freiwillige Mithilfe der sämtlichen Gemeinden angewiesen. Insbesondere müssen die Vorsteher und Lehrer der Gemeinden uns helfend zur Seite stehen. Unsere Arbeiten denken wir uns folgendermaßen. Wir wollen zunächst einmal alle Akten, die in den staatlichen Archiven ruhen, Zusammentragen und veröffentlichen, und zwar in Form von Regesten und Registern. Ebenso wollen wir versuchen, daß die Gemeindearchive in gleicher Weise registriert werden. Alles Material muß vom Verband aus gesammelt werden. Gewöhnlich sind ja diese Dinge irgendwo auf dem Speicher oder in einem Privathause untergebracht. Wir wollen, was nicht weniger wichtig ist, die alten Friedhöfe aufnehmen, damit auch diese wertvollen Monumente nicht ganz in Grund und Boden versinken. Alle Kunstgegenstände möchten wir photographieren oder gar sammeln. Das Germanische Museum in Nürnberg und die übrigen Landesmuseen werden uns gerne Räume hierfür zur Verfügung stellen. Dann wollen wir an die Herausgabe des Materials gehen, das gesamte Material wissenschaftlich bearbeiten lassen und besonders immer dabei Nachweisen, wie wir Juden in Bayern seit Jahrhunderten angesiedelt und verwachsen sind mit dem Lande, daß wir ein Heimatrecht am bayerischen Boden haben. Bereits sind uns eine Reihe von Arbeiten zur Verfügung gestellt worden. Wir sind in der Lage, schon in den nächsten Monaten einige wissenschaftliche Werke über die Heimatgeschichte der Juden in Bayern und der einzelnen Gemeinden zu veröffentlichen. Dabei ist es für uns wichtig, noch einem anderen Mißstand entgegenzutreten. Hier und da hat es in Bayern Männer gegeben, die geschichtliches Material in kleinerem Umfang veröffentlicht haben, aber das Material ist zerstreut. Wir wollen deshalb einen Sammelplatz schaffen, eine in zwanglosen Ausgaben erscheinende wissenschaftliche Zeitschrift, in der wir alles Kleinmaterial fortan zusammenholen und in der wir dann auch größere Abhandlungen bringen werden. Wir möchten, daß sich diese Zeitschrift zu einer Zeitschrift der Geschichte der Juden in ganz Süddeutschland herausbildet, denn es ist unmöglich, die Geschichte in Bayern zu bearbeiten, wenn man nicht auch andere Ortschaften beizieht, die Geschichte der Juden macht ja an den Grenzen Bayerns nicht halt. In diesen Arbeiten, die wir jetzt bereits beginnen, möchten