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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-05-23 · 5 (23.5.1927) · p. Seite 145

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
5 (23.5.1927)
Article
Bericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden am 13. und 14. März 1927 in Fürth
Date
1927-05-23
Page
Seite 145 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 145 dem Wunsche schließen, daß diese lebendigen Kräfte durch ihre Mitarbeit dem Verbände auch in diesem Geschäftsjahr wie bisher seine wertvollste Stütze geben. ObstLGR. Prof. Dr. S i lbe r s ch m i d t (München): Bevor wir in der Aussprache sortfahren, dürfte es zweckmäßig sein, das Referat des Herrn Justizrat Dr. Straus über die sozialen Aufgaben des Verbandes zu hören. Justizrat Dr. Straus (München): Der Ihnen vorliegende Sozialetat des Verbandes schließt mit einer Gesamtsumme der Ausgaben in Höhe von 140 000 M. ab. Ich darf Ihnen zunächst noch eine kleine Ergänzung der Einnahmenseite des Gesamtetats durch einen Ausgleichsposten der Pfalz in Höhe von M. 3400.— in Vorschlag bringen. Die hierdurch eintretende entsprechende Erhöhung der Ausgabenziffer nehme ich für den Sozialetat in Anspruch. Unter Ausgaben für soziale Zwecke verstehen wir nicht nur die eigentlichen sozialen Zwecke, sondern Wohlfahrtszwecke im weitesten Sinne, unter Einschluß der Aufwendungen für Bildungsanstalten. Der Gesamtwohlfahrtsetat, um dessen Bewilligung ich Sie bitte, ist wesentlich höher als der des Vorjahres. Wir hatten im vergangenen Jahr einen Voranschlag von M. 96 000.— und haben etwa M. 100 700.— ausgegeben. Wir schlagen Ihnen diesmal vor eine Gesamtausgabe von M. 143 400.—, die folgenden Zwecken zukommen sollen: Wohltätigkeitsan st alten, die vom Verband erhalten oder unterstützt werden. Erhalten vom Verband wird nur eine einzige Anstalt, das Siechenheim in Würzburg. Der Verband hat vor zwei Jahren die Gründung eines Landesheims für alte und gebrechliche kranke Leute beschlossen. Es bestand hier eine Lücke in den Wohlfahrtseinrichtungen des Landes, die von allen Gemeinden gleichmäßig stark empfunden wurde. Unser Verband hat nun mit der Kranken- und Pfründnerhaus- Stiftung in Würzburg eine Vereinbarung getroffen, wonach ein Teil des Sliftungsgebäudes — ein gesonderter Bau — für die Zwecke des Siechenheims zur Verfügung gestellt wurde. Die Verwaltung und Verpflegung der Insassen geschieht durch die Kranken- und Pfründnerhaus-Stiftung, die dafür eine Vergütung in Höhe ihrer Selbstkosten zu beanspruchen hat. Es ist bereits heute vormittag erwähnt worden, daß wir mit der Anstalt restlos zufrieden sind. Die Insassen fühlen sich glücklich. Die Leute haben einen schönen Lebensabend. Eine jüngst vorgenommene Besichtigung des Heimes hat uns gezeigt, daß die Herren der Würzburger Verwaltung hier ein gutes und schönes Werk vollbracht haben. Ich möchte auch an dieser Stelle den herzlichsten Dank des Verbandes dafür aussprechen, daß die Angelegenheit in so mustergültiger Weise erledigt wurde. Der einzige kleine Haken ist, daß die Sache etwas zu teuer ist, und wir haben die Herren ersucht, sie möchten ihre Rechnungen noch einmal dahin nachprüfen, ob nicht eine Ermäßigung der Verpflegssätze eintreten kann. Wir haben in den Etat eine Ziffer eingesetzt, bei der wir schon damit rechnen, daß wir an den Verpflegskosten etwas abstreichen können. In der Anstalt waren 18 Pfleglinge ausgenommen. Es sind lauter alte und kranke Leute, und die Sterblichkeit unter ihnen ist natürlich eine große. Es sind im Vorjahre 4 Insassen gestorben. Wir haben in der Zwischenzeit einen weiteren Pflegling ausgenommen und wir denken, daß das Heim in nächster Zeit voll besetzt sein wird. Wir haben das Bewußtsein, daß mit dieser einzigen Anstalt, die der Verband selbst errichtet hat und erhält, ein wichtiges soziales Werk innerhalb unseres Landes geschaffen wurde. Im übrigen ist es Pflicht des Verbandes, die im Lande bestehenden An st alten, die infolge der Inflation ihr Vermögen vollständig oder zum größten Teil verloren haben, zu unterstützen, damit sie in die Lage versetzt werden, ihren Aufgaben gerecht zu werden. Als erste Anstalt nenne ich hier die älteste und angesehenste jüdische Wohlsahrtsanstalt Bayerns, das ist die W a i - senanstalt in Fürth. Ich beantrage wie im Vorjahre M. 10 000.— unter ganz besonderer Anerkennung der Leistungen dieser Anstalt zu bewilligen. — Der Kinderheilstätte in Bad Kissingen, die den erholungsbedürftigen Kindern des ganzen Landes zugute kommt, beantrage ich M. 2000.—, den gleichen Betrag wie im Vorjahre, zuzuwenden. Das Jüdische Land heim Wolfrats- Hausen, das ursprünglich im wesentlichen der Fürsorge für erholungsbedürftige Kinder des Mittelstandes gewidmet war, außerhalb der Ferienzeit aber hauptsächlich mittellose Kinder aufnimmt, soll (wie im Vorjahr) M. 3000.— erhalten. Ich mache hierbei darauf aufmerksam, daß der Verband an alle diese Zuwendungen die Bedingung knüpft, daß in Höhe der Zuwendungen der Verband Pfleglinge den Anstalten zu den üblichen Sätzen überweisen kann. — Das Kurhospiz Bad Kissingen hat in diesem Jahr ein neues Haus erworben und muß dieses Haus seinen Zwecken anpassen. Ich beantrage in diesem Jahr dem Kurhospiz neben dem Zuschuß von M. 2000.— wie im Vorjahr, einen außerordentlichen Zuschuß von M. 2000.— zuzuwenden. — Das Kinderheim des Vereins Jugendhilfe in München, das im Vorjahr für sein neues Heim M. 5000.— erhielt, hat sich als eine segensreiche Institution bewährt, in der Kinder aus dem ganzen Lande, insbesondere aus Kleingemeinden ausgenommen werden, die zu Hause nicht richtig erzogen werden können. Ich bitte, im lausenden Jahr für den Betrieb des Heims M. 2000.— zu bewilligen. — Für das Landesheim in Würzburg sind M. 159000.— im Etat vorgesehen: ich hoffe aber, daß wir mit weniger auskommen können. Unter den Zuwendungen für Anstalten erscheint im Etat auch der Beitrag des Verbandes an den Fürsorgeverein für Geisteskranke in Aschaffenburg-Lohr. Es ist in dieser staatlichen Heil- und Pflegeanstalt eine Einrichtung getroffen, die es den strenggläubigen jüdischen Insassen ermöglicht, rituelle Verpflegung zu erhalten. Hierfür sind im Vorjahr M. 700.— bewilligt worden. Auf Antrag von Rabbiner Dr. Stein (Schweinfurt) soll der Betrag in diesem Jahr auf M. 1100.— erhöht werden. Die Gesamtsumme für Zuwendungen an Anstalten beträgt somit M. 38 000.— Hinsichtlich der Bewilligungen für Zwecke der offenen Fürsorge haben wir schon aus der Münchener Tagung die Grundsätze sestgelegt, nach denen der Landesverband in Fällen der Einzelfürsorge einzugreifen hat. Hiernach soll die Einzelfürsorge im allgemeinen Sache der örtlichen Organisationen bleiben. Soweit die öffentliche Wohlfahrtspflege nach dem Gesetz einzugreifen hat, soll diese in erster Linie in Anspruch genommen werden. Die jüdischen Wohlfahrtsstellen sollen die Sorge da übernehmen, wo die öffentliche Wohlfahrtspflege nicht eingreifen kann oder nicht zureicht. Lediglich da, wo die örtliche öffentliche und jüdische Fürsorge versagt und auch der Bezirk nicht helfen kann, soll der Verband eingreifen. Solche Fälle treten insbesondere auf dem Gebiete der Jugendfürsorge an den Verband heran, ferner bei Personen aus leistungsunfähigen Kleingemeinden, wo sich der Verband einer Hilfe nicht ganz entziehen kann. Im vorigen Jahr wurden hierfür M. 5000.— bewilligt. Wir haben diesen Betrag nicht erheblich überschritten. Wir glauben, daß wir auf diesem Gebiete manches gute Werk getan haben; wir dürfen aber auch die Bitte aussprechen, daß man an den Verband nur herankommt, wenn 'es unbedingt notwendig ist. Zu dem Posten „offene Fürsarge" sind auch zu rechnen die Notstandszuwendungen an Beamte, für die wir im Vorjahr M. 1200.— ausgegeben haben. Ich bitte also für diesen Posten M. 6500.—! für das laufende Jahr (gegenüber einem tatsächlichen Aufwand von M. 6300.— im Vorjahr) zu bewilligen. Ein weiteres Gebiet, dem die Sorge des Verbandes gilt, ist die Wanderarmenfürsorge. Diese Angelegenheit beschäftigt von jeher schon die jüdische Öffentlichkeit. Die Frage hat aber infolge der Verhältnisse der Kriegs- und Nachkriegszeit ein anderes Gesicht bekommen als früher. Im Kriege hatte das Wanderwesen überhaupt aufgehört. Nach dem Kriege hat dagegen die Wanderung einen ganz besonderen Impuls erhalten aus Ursachen allgemein politischer oder außenpolitischer Art. Es traten Wanderungen ein infolge der Verschiebung der Grenzen des Ostens und infolge der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung dort. Eine starke Einwanderung vom Osten nach dem Westen machte sich bemerkbar, die zwar in Bayern infolge der behördlichen Zuzugsverbote nur in Form der Durchwanderung in die Erscheinung trat, die aber im gesamten übrigen Deutschland eine große Rolle spielte. Als die Stabilisierung der Mark erfolgt war, ist ein großer Teil der in der Nachkriegszeit nach Deutschland Eingewanderten weitergewandert nach dem Westen. Gegenwärtig ist wiederum eine Rückwanderung von dort nach dem Osten bemerkbar. Diese Wanderungen sind ganz anderer Art als die Reisen des Gewohnheitsschnorrers, der von einem Ort zum andern zieht. Es handelte sich hierbei zumeist um Leute, die durch den Krieg ihrer Existenz beraubt waren und eine neue Existenz in anderen Ländern suchten, oft vergeblich. So ist dieses Schicksal der jüdischen Wanderer nichts anderes als ein Symbol für die Heimatlosigkeit der Juden im Osten. Wir müssen versuchen, diese sozialen Krankheitserscheinungen zu bekämpfen. Die Maßnahmen, die von den jüdischen Gemeinden seit jeher gegenüber den Wanderarmen ergriffen wurden, waren die, daß man Kassen schuf, aus denen die Durchwanderer unterstützt

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