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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-05-23 · 5 (23.5.1927) · p. Seite 141

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
5 (23.5.1927)
Article
Die Sittenlehre des Judentums
Date
1927-05-23
Page
Seite 141 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeirung 141 fernt sein, in den Geboten der Thorah nur unangenehm empfundene Schranken für seinen Willen zu sehen, er wird dankbar anerkennen, daß die Gebote Gottes seine besten Freunde sind, weil sie die Pfadfinder und Pfadweiser sind zur Erreichung deö höchstens Gutes und des höchsten Glückes. Wer so seine Thorah begreift, der wird auch den Stolz empfinden, ein Sohn der Thorah, eine Tochter der Thorah zu heißen und einem Stamme anzugehören, in besten Lehren sich das erhabenste und reinste Denken, Fühlen und Wollen ausprägt. „Gerechtigkeitspflege, Menschenliebe, Demut sind der Ausdruck des höchsten Gutes und des höchsten Glückes!" Oder wenn wir das anders ausdrücken wollen, in der Verbindung des Zadik, des Chosid und des Onow in der Verbindung des Gerechten, des Menschenfreundes und des Bescheidenen in einer Person sehen wir das menschliche Lebensideal verkörpert. „Gerechtigkeit!" Ein vielsagendes Wort! Wie wenig die Gerechtigkeit noch heimisch ist im Menschenkreise, zeigt uns die Häufigkeit des Verbrechens, zeigt uns der unumgänglich notwendige Zwang der staatlichen Gesetze. Aber selbst wenn die Menschen Gerechtigkeit üben würden, brauchte das Ideal des Judentums und des Propheten noch nicht erreicht zu sein. Parallel zu unseren äußeren Handlungen geht im Innern der Seele die Gesinnung, und erst sie stempelt die Tat mit dem Merkmal der Göttlichkeit. Bist du gerecht aus Zwang oder bist du gerecht mit dem Bewußtsein, daß du damit den Willen Gottes erfüllst, mit dem Bewußtsein des StrebenS, deine Tat der göttlichen anzugleichen? Wir müffen überhaupt vielmehr nach den Beweggründen unserer Handlungen forschen. Äußere Korrektheit ist noch lange nicht gleichbedeutend mit dem Inhalte des Ideals. Ja das Herz, die Seele mit ihrem geheimnisvollen Inhalt! Du brauchst nicht Dieb, Räuber, Mörder und Ehebrecher zu sein und dennoch bist du nicht gerecht. Du schiebst den Handlungen deines Nebenmenschen falsche Beweggründe unter. Du willst nicht glauben, daß dein Bruder ehrlich handelt, daß er aus reinen, selbstlosen Beweggründen ein Gerechter, ein Menschenfreund, ein Frommer ist. Wenn er dich pflichtbewußt tadelt, so hältst du das für Bosheit; wenn er Wohltätigkeit übt, so schiebst du ihm Streberei unter; wenn er fromm ist, stempelt dein Mund ihn zu einem Heuchler. Meine Andächtigen! Wenn die ungerechten Gedanken ebenso erreichbar und faßbar wären, wie die ungerechten Taten, und wenn alle ungerechten Worte, die wir sprechen, gleichfalls vor das Tribunal des irdischen Richters kämen, wahrlich, die menschliche Gesellschaft brauchte nur fort und fort BesierungShäuser und Strafanstalten zu bauen, um alle Sünder und Verbrecher unterzubringen. Ja, meine Andächtigen, treffen wir nicht Menschen, die so wenig sittlich denken und fühlen, daß sie selbst bei äußerer Korrektheit unbewußt den Gerechten Haffen, sich nicht wohl fühlen in seiner Nähe, seinen Blick nicht aushalten können, wie denn auch, wie bekannt, das Raubtier vielfach den menschlichen Blick nicht auszuhalten vermag? Es ist nicht jeder Mensch ein gerechter Mensch, der bloß noch nicht dem Arm des Strafrichters verfallen ist. Gewiß, meine Andächtigen, wir betrachten schon immer den Zadik, den Gerechten als ein Ideal. Aber das Ideal wird überboten durch den Chosid, durch den Menschenfreund ... „Gerechtigkeit und Menschenliebe" bezeichnet der Prophet als höchstes Gut und höchstes Glück. Ihr seid gewöhnt, das Wort chosid als „fromm" zu begreifen. Gewiß, wir begreifen unter dem chosid den Frommen; aber der Sprachableitung gemäß und dem Prophetenwort gemäß ist der chosid der Liebevolle, der Wohltätige, der Menschenfreund. Der Sprachgebrauch hat unbewußt den Menschenfreund und den Frommen identifiziert und er hat sicher damit das Richtige getroffen. Das Bewußtsein also, ein Menschenfreund zu sein, ein Menschenfreund im Sinne Gottes, bedeutet höchstes Gut und höchstes Glück. Aber, meine Andächtigen, wiederum kann auch hier äußerlich korrektes Verhalten mit wenig lobenswerten Empfindungen parallel gehen. Mehr als die Tat gilt auch hier die Gesinnung. Nicht nur, daß die Tat begleitet sein muß von einem freundlichen Gesicht, dem äußeren Ausdruck der menschenfreundlich gestimmten Seele. Nein, wir verlangen und behaupten viel mehr. Die Wohltätigkeit muß von uns geliebt werden. ... „Liebe der Wohltätigkeit!" verlangt Gott von dir. Wir müffen die Wohltätigkeit voll Liebe und Begeisterung üben, wir dürfen sie nicht als etwas Lästiges empfinden, als etwas Unangenehmes, Unvermeidliches, mit dem wir uns eben abfinden müffen. Wer so denkt, hat noch nie den Reiz der Menschenliebe empfunden und kann unmöglich in Wohltätigkeit das höchste Gut und darum das höchste Glück erblicken. Mit der Gabe ein Stück seiner Seele geben, das ist ein Ideal, das ist das Ideal. Und sollen wir denn nur Menschenfreunde sein den Armen gegenüber und nicht auch gegenüber den begünstigten Kindern des Glücks? Verlangen nicht auch sie von uns Menschenliebe in neidlosem Verhalten, in Höflichkeit, Wohlwollen und brüderlicher Gesinnung? Und wie weit sind wir, meine Andächtigen, oft genug von der Erfüllung dieser Forderung entfernt? Wie viele Menschen, die sich den Armen gegenüber würdig verhalten, bewähren sich den Glücklichen unter den Menschen gegenüber durchaus nicht als Anhänger des von der Thorah geforderten Ideals! Wie vielen ist fremdes Glück ein Dorn im Auge! Wie viele betrachten fremdes Glück als eine Minderung des eigenen, ja direkt wie ein Attentat auf ihr eigenes Wohlbefinden! Wir könnten gar manches nach dieser Richtung aus der herrlichen Gottesnatur lernen. Der Vogel singt und ist floh und er ist um so froher und singt um so freudiger, wenn die anderen wohlgesättigt und befriedigt in seinen Sang miteinftimmen. Den Menschen aber trübt oft genug fremdes Glück die eigene Freude und schadenfroh sehen sie ihre Glücksempfindungen verstärkt durch flemdes Leid. Wer darum ein Menschenfreund sein will und im Bewußtsein seiner Menschenfreundlichkeit das höchste Gut gewinnen und das höchste Glück genießen will, der muß den Born des Wohlwollens in seinem Herzen besitzen und aus ihm unausgesetzt hervorsprudeln lassen, um dieses herrliche Naß zu weihen seinen Menschenbrüdern. ... „Demütig mußt du wandeln mit deinem Gott!" Das ist das Dritte, was der Prophet verlangt. Das Judentum kennt nur eine religiöse Moral, keine von der Religion losgelöste Sittenlehre. Es hat recht. Wahrlich, meine Andächtigen, nur auf dem Untergrund der starken, festen und ewig unzerstörbaren Beziehung zur Gottheit ist das Gebäude der Sittlichkeit allein zu dauerndem Bestände aufgerichtet. Sei gerecht und menschenfreundlich! Denn Gott verlangt es. Sie gerecht und menschenfreundlich! Denn du erfüllst damit den Willen Gottes. Bescheiden aber und anspruchslos mußt du das tun. Nicht darf Stolz deine Seele erfüllen und Hochmut deine Brust gewaltig blähen. Du mußt deine Gerechtigkeit und Men-

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