Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (23.5.1927)
- Article
- Die Sittenlehre des Judentums
- Date
- 1927-05-23
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
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140 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 nur könnten, die nichts im Leben als wirklich gut anzuerkennen vermögen, oder wenigstens nicht zu vermögen vorgeben — erklären als höchstes Strebensziel des Menschen, als höchstes Glück die Verneinung des Willens, des Wunsches zum Leben, so daß schließlich wohl noch der Selbstmord als die höchste, erstrebenswerte Lebensweisheit gefeiert werden muß. Einerlei aber, wie diese Auffassungen im einzelnen lauten — sie können noch vermehrt werden! — in ihrem Grundgedanken gehen sie darauf hinaus, als wünschenswertes Ziel deö Lebens und Strebens der Menschen die Glückseligkeit zu feiern, sie sind eudämoniftisch, zielen auf die Beglückung des Menschen ab. Die Ethik des Judentums geht gleichfalls von der Bestimmung des höchsten Gutes aus: 213 na ms* iS 1'^n „Man hat dir verkündet, Menschensohn, was gut ist!", worin du das höchste Gut zu erkennen Haft. Es wird aber auch zugleich betont, daß die Ethik des Judentums eine religiöse Grundlage hat: iaa cm 'n nai „Man hat dir verkündet, was der E w. i g e von dir verlangt" hinsichtlich der Erftrebung des höchsten Gutes. Das höchste Gut ist also die Erfüllung dessen, was Gott von uns fordert, und in dem Bewußtsein der Erfüllung dessen, was die Gottheit von uns fordert, ist das höchste Lebensglück zu erblicken. Das ist schon ein herrlicher Grundsatz, ein vortrefflicher Grundgedanke der jüdischen Ethik und Moral. Das höchste Gut des Lebens ist das Bewußtsein, daß wir den göttlichen Willen erfüllen, daß wir das tun, was Gott von uns fordert, ist das Bewußtsein der Gleichheit unseres Willens mit dem Willen Gottes, ist das Bewußtsein, daß wir das Gute um Gottes willen tun, d. h. um seiner selbst willen tun. Die Thora und die Propheten des Judentums begnügen sich aber mit solch allgemeinen Lehren nicht und sagen uns auch, was denn der Wille Gottes im einzelnen ist: 1'nSn dj? mdS j?ixm non ronm 3LVn nwj? dn '2 Wahrlich, nichts anderes verlangt Gott „als Gerechtigkeit zu üben, Wohltätigkeit zu lieben und in Demut zu wandeln vor deinem Gott". Diese Grundbestimmung der jüdischen Ethik, wie sie hier der Prophet Michah gibt, erlangt aber noch eine ganz besondere Bedeutung und einen ganz besonderen Nachdruck, wenn wir den Zusammenhang betrachten, in dem Michah dieses höchste Gut beschreibt. Der Prophet läßt das Volk fragen, wodurch es denn Gott wohlgefällig sein könne, was es tun müsse, um Gott zu befriedigen; es fragt: „Womit soll ich den vor Gott hintreten, womit soll ich mich bücken vor dem Gott der Höhe? Soll ich vor ihn hintreten mit Ganzopfern, mit einjährigen Rindern?" „Hat Gott vielleicht Wohlgefallen an Tausenden von Rindern, an Myriaden Sttömen Ols? Soll ich ihm meinen Erstgeborenen für meine Sünde geben, die Frucht meines Leibes für die Sünde meiner Seele?" Nein, antwortet der Prophet: „Man hat dir verkündet, Menschensohn, was gut ist und was der Ewige von dir fordert, wahrlich nur zu üben Gerechtigkeit, zu lieben Wohltätigkeit und demütig zu wandeln vor deinem Gott!" Nicht Opfergaben, zumal ohne den rechten Gedanken dargebracht, nicht Geschenke, noch so groß und noch so wertvoll, vermögen Gottes Wohlgefallen zu begründen, vermögen Sühne und Verzeihung zu gewähren; ja, nicht einmal die feierlichste Hingabe des Liebsten und Teuersten, das Opfer der Kinder, wie es die Heiden wohl meinten, vermögen einen Eindruck hervorzurufen. Wohlgefallen vor Gott findet nur ein auf Demut, Gerechtigkeit und Menschenliebe aufgebautes sittliches Leben. In ihm hast du das höchste Gut zu erblicken, in ihm da6 Ideal deines Sttebens zu erkennen. Dein Willen und dein Streben decken sich alsdann mit dem Willen und Streben Gottes, in dessen Wegen du wandeln sollst. Und eines ist dabei noch besonders hervorhebenswert. Der Prophet richtet sein Wort nicht an Israel allein. Er spricht in erhabenem Universalismus, in göttlicher Weitherzigkeit nicht Israel an, nein, er spricht den Menschen an. „Man hat dir, o Mensch, verkündet, was gut ist und was Gott von dir fordert!" Die Ethik des Judentums ist keine national engherzige; sie wendet sich an die gesamte Menschheit. Noch ein Grundgedanke wird uns ohne weiteres als vollständig klar aus diesem Worte herausleuchten. Im Judentum kann Glückseligkeit nicht in passiver Empfindung gelegen sein, kann das höchste Gut, das höchste, erstrebenswerteste Gut nicht im Genießen — und sei es auch das reinste und edelste Genießen - eingeschlossen sein, sondern es liegt im aktuellen Streben und Arbeiten, im sittlichen Handeln selber. Nur in der tätigen Verhaltungsweise, im selbstlosen Tun und Schaffen, das uns zum Bewußtsein gibt, im Sinne des göttlichen Ebenbildes zu handeln, ist das Glück einzig und allein gelegen. Damit können wir denn auch ein scheinbares widerspruchsvolles Wort in den Sprüchen der Väter auf das vortrefflichste erklären. Es heißt dort: „Schöner ist eine Stunde, verbracht in Buße und guten Werken in dieser Welt, als alles Leben der zukünftigen Welt, und schöner ist eine Stunde des reinen seelischen Ergötzens in der zukünftigen Welt, als alles Leben in dieser Welt." (IV, 22.) Gewiß nur in dieser Welt vermögen wir uns aktiv zu betätigen; hier gilt es, zu streben, zu schaffen, zu arbeiten im Sinne der Gerechtigkeit und Menschenliebe, in demütiger -Gesinnung. In jenem Leben gibt es kein Handeln mehr; es gibt nur ein Genießen, also passives Verhalten. Der gute Mensch will sich aber tätig verhalten im Sinne der Ideale und genießt im Bewußtsein seines tätigen Verhaltens das reinste Glück, das nicht überboten werden kann von den Freuden passiven Genießens in der Zukunft. Freilich, wenn wir das äußere Leben dieser Welt betrachten, die Güter derselben, die den passiven Genuß ermöglichen, die sinnlichen Freuden und greifbaren Schätze des Hieniedens, dann müssen wir sagen, daß auch nur eine einzige Stunde der reinen Gemütsruhe und Seelenfriedens jener Welt den ganzen Inhalt der äußeren Lebensgüter dieser Erde voll und ganz aufwiegt. Der passive Genuß der zukünftigen ist himmelhoch verschieden von dem passiven Genuß dieser Welt; aber der Genuß des aktiven Verhaltens im Sinne des Guten in dieser Welt überwiegt das passive Genießen der zukünftigen Welt. Meine Andächtigen! Ich meine, voll innerer Ergriffenheit, voll erhabener Scheu und aufrichtiger Bewunderung müßten wir einer Lehre gegenüberftehen, die so das Leben des Menschen und seinen Pflichtenkreis umschreibt, die in dieser Weffe bestimmt den Sinn des Lebens und seines höchsten Gutes, die durch solche Ideale glücklich gestalten will das Leben der menschlichen Gesellschaft. Wer dieses Wort begreift, wird weit davon ent-