Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (23.5.1927)
- Article
- Die Sittenlehre des Judentums
- Date
- 1927-05-23
- Page
- Seite 142 (sequence 4)
- Language
- German
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142 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 schenliebe, deine fromme Tat als selbstverständlich betrachten, indem du Gott die Ehre gibst: „Haft du viel Thorah gelernt, so tue dir nichts zugute darauf, denn dazu bist du geboren!" Indem du deine Gerechtigkeit und Menschenliebe als Forderung Gottes betrachtest, vor dem du in Demut das Knie zu beugen Haft, darf dir die Erfüllung derselben gar keine Schwierigkeiten machen: „Mein Herz, sieh an den Baum in seiner Blütenpracht. — Es wird ihm gar nicht schwer, was ihn so herrlich macht. Aus seinem Innern scheint — er braucht sich nicht zu zwingen — ein Strom von Luft und Licht und Liebe zu entspringen." „Mit Mühe ringt er nicht, das Einzelne zu gebären, das Ganze lebt und wirkt, er läßt es gewähren; du sollst deine Pflicht, wie er die seine tun — dann wärest du so licht und bist so trübe nun!" So leicht sollte es auch uns sein, so sollten auch wir unserer Pflicht nach der Seite der Gerechtigkeit und Menschenliebe genügen, es sollte uns die Pflicht selbstverständlich sein, keine Mühe machen. Gott die Ehre zu geben, die Abhängigkeit von ihm zu fühlen und demgemäß zu handeln ohne Prunken und ohne Aufsehen, ohne jeden selbstsüchtigen Hintergedanken, das ist der Sittlichkeit höchste Forderung, wie sie das Judentum stellt. „Seid nicht wie Knechte, die ihrem Herrn dienen in der Absicht, Lohn zu empfangen!" Nein, tue das Gute, weil Gott es will, weil du glücklich bist, daß dein Willen sich deckt mit dem Willen Gottes. Tue das Gute, weil du weißt, daß du die Mittel dazu, die Anleitung dazu von Gott empfangen hast, von ihm, den du bescheiden und demütig als deines Lebens Meister, als deines Schicksals Hort, als deines Willens Gebieter und deines Glückes Schmied bettachten mußt. Wer Gott die Ehre gibt, der gibt sie auch den Menschen, wer Gott die Ehre versagt, der besitzt auch nicht die rechte Sittlichkeit. Meine Andächtigen! Wenn wir das Bewußtsein haben dürften, daß eine solche Ausführung auf Grund des Prophetenwortes die Herzen anregen werde zu wahrer Gerechtigkeit und begeisterter Menschenliebe, zu Demut und Bescheidenheit und selbstverständlich, anspruchsloser Pflichterfüllung; wenn wir das Bewußtsein haben dürften, daß die Erkenntnis der hohen Auffassung des Judentums vom Leben und seinem Inhalt, von Pflicht und Gewissen einen Eindruck machen werden in den Herzen der gläubigen Gemeinde, fürwahr wir würden die Stunde segnen, in der wir uns zum Dolmetsch machten für das wunderbare Prophetenwort: „Man hat dir verkündet, Menschensohn, was gut ist und was der Ewige von dir fordert. Nichts als Gerechtigkeit zu betätigen, Wohltätigkeit zu lieben und bescheiden zu wandeln vor deinem Gott!" Amen! vericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes vaverischer israelitischer Semeinden am 13. und 14. März 1927 in §ürth (Fortsetzung) ObstLGR. Prof. Dr. S i l b e r s ch m i d t (München) eröffnet um 4.30 Uhr nachmittags die in den großen Weißengartensaal einberufene Sitzung der Tagung und verliest zunächst ein Schreiben der Kuüusgemeinde Bamberg vom 12. März 1927, mit dem die Gemeinde Bamberg für die im Jahre 1928 stattfindende Versammlung des Rats und der Tagung nach Bamberg einlädt. Ich entnehme Ihrem Beifall Ihre Zustimmung, der Einladung Folge zu leisten und gebe meiner Freude Ausdruck, daß wir im nächsten Jahre in Bamberg zusammentreten können. Wir werden diesen Beschluß der Tagung der Gemeinde übermitteln. Die Kultusgemeinde Straubing sendet der Tagung die besten Glückwünsche für einen gedeihlichen Verlauf der Verhandlungen. Entschuldigt haben sich die Tagungsmitglieder Jakob Fränkel (München), Julius Lehmann (Neustadt a. d. A.), David Horn (München), RA. Ernst Feilchenfeld (Nürnberg), Levi (Landau) sowie das Mitglied des Rats RA. Dr. Eugen Strauß (Augsburg), der durch einen Trauerfall am Erscheinen verhindert ist. Wir tteten nunmehr in den ersten Punkt der Tagesordnung unserer heutigen Nachmittagssitzung ein. Ich bitte unseren verdienten Schatzmeister uns seinen Bericht über die Finanzen des Verbandes zu erstatten. Rvsenzweig (Nürnberg): Meine Damen und Herren! Als ich Ihnen im vorigen Jahre den Etat vorlegte, habe ich ausgeführt, daß damit gerechnet werden könne, daß die Ziffern, die wir auf der Einnahmeseite eingesetzt haben, erreicht werden. Tatsächlich sind sie weit überschritten worden. Aber ich bitte sich daran zu erinnern, daß damals ganz allgemein über die trostlose wirtschaftliche Lage geklagt wurde. Daher war es geboten, die Einnahmen mit besonderer Vorsicht einzusetzen. Diese Überraschung zum Guten darf uns deshalb nicht dazu verleiten, von einem Skeptizismus, der sich im vorigen Jahr nicht als berechtigt erwiesen hat, in einen viel gefährlicheren Optimismus zu verfallen, der sicher nicht angebracht ist. Bevor ich auf den Etat selbst eingehe, will ich Ihnen ganz kurz über das abgelaufene Etatsjahr berichten. Ich kann mich kurz fassen, im Hinblick auf den eingehenden Bericht, den uns Herr OLGR. Dr. Neumeyer heute Mittag erstattet hat. Zum Titel Landes wohlfahrtsfond s möchte ich erwähnen, daß dieser Betrag eigentlich schon im Vorjahr dem ordentlichen Rat hätte entzogen und zur Bildung eines eigenen Fonds hätte verwendet werden sollen. Der Name Landeswohlfahrtsfonds ist bei der Beratung ziemlich zufällig entstanden. Es soll ein Fonds sein, aus dem wir Anstalten und Gemeinden Darlehen geben können, die mäßig verzinst werden sollen. Außerdem ist dieser Fonds dazu bestimmt, in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine Ausbalanzierung des Haushaltsplans des Verbandes zu ermöglichen. Die Darlehen, die Sie in der vorjährigen Rechnung gefunden haben und die Sie auch im Voranschlag sehen, gehören nicht in die laufende Rechnung. Sie sind auf den Landeswohlfahrtsfonds zu übernehmen. Ich werde auch einen Antrag hierzu stellen. Die Jahresrechnung ist geprüft und in Ordnung befunden worden. Ich bitte daher um ihre Genehmigung. Ich komme nunmehr zum Voranschlag. Auch hier möchte ich nur die wichtigsten Posten erläutern. Zunächst die Einnahmeseite: Der S t a a t s z u s ch u ß mit M. 50 000.— nach Abzug des Anteils für die Pfalz ist unverändert geblieben. Zu dem Posten Darlehensrückzahlungen habe ich bereits gesagt, daß sie eigentlich nicht in die laufende Rechnung gehören. Was die Umlagen betrifft, so ist heute bereits darauf hingewiesen worden, daß die Finanzämter künftig Aufstellungen liefern werden, aus denen auch die Rückstände ersichtlich sind. Bisher war das nicht möglich. Wir in Nürnberg verwalten die Umlagen selbst und da kann ich Ihnen sagen, daß etwa 40 000 M. für den Verband zu erwarten sein werden. Für die Einnahmen aus der Einkommen-, Vermögens-, Grund- und Haussteuer sind natürlich die neuen Bewertungsvorschriften von großer Wichtigkeit. Ich rechne mit höheren Steuererträgnissen. Trifft meine Annahme zu, so werden Nach-