Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (23.5.1927)
- Article
- Hebräische Büchereien im Gebiete des heutigen Bayern
- Date
- 1927-05-23
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
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136 Bam-rlschc Israelitische Gcmeindczeilung Nr. 5 halb oder ganz totzuschlagen. Der Streit Widmanftett-ers mit Gumppenberg, der geistliche und weltliche Gerichte in Rom, Bologna und München beschäftigte, beleuchtet manche interessante Einzelheiten, die uns sonst gewiß verborgen geblieben wären. Auch für den Geschichtsforscher gilt das Sprichwort: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Wir erfahren z. B., daß Widmanftetter von Gumppenberg zum Duell herausgefordert wurde, daß Widmanftetter aber die Herausforderung nicht annahm. Seine Weigerung wurde ihm aber übelgenommen und sogar als Majestätsbeleidigung ausgelegt. Es bedurfte einflußreichster Verwendung für. Widmanftetter, sogar eines Briefes der bayerischen Herzoge an das Trientiner Konzil, um die unangenehmen Folgen, die Widmanftetter aus seinem Standpunkte in der Frage des Zweikampfes erwachsen wären, von ihm fernzuhalten. Anderseits erkennen wir aus dieser Haltung WidmanstetterS, der mit der Waffe in der Hand an vielen Kriegszügen teilgenommen hatte und später vom Kaiser in den Ritterftand erhoben wurde, wie unvoreingenommen er gesellschaftlichen Vorurteilen seiner oder auch unserer Zeit gegenüber stand. Dasselbe Bild ergibt für unS der „Vorwurf" GumppenbergS, daß. Widmanftetter von Juden abftamme und mit Juden in Verbindung stehe — für uns heute ein Beitrag eigener Art zum Probleme der Gleichförmigkeit des Geschehens und des menschlichen Denkens. In dem Streite blieb Widmanftetter insofern Sieger, als die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sein Ansehen und die Gunst, die er bei seinen fürstlichen Auftraggebern und Brotherren genoß, nicht beeinträchtigten. Im Jahre 154! nahm er im Aufträge des Herzogs Ludwig von Bayern am Reichstage in Regensburg teil. In einem Buche seiner Bibliothek bemerkt er, daß er bei dieser Gelegenheit die Fahne des 1532 zu Mantua auf Befehl Kaiser Karls verbrannten jüdischen Messias Salomo Molch o gesehen habe, dessen Person neuerdings durch Mar Brods Roman „David Reubeni" — so hieß bekanntlich der ältere Genosse des portugiesischen Messiasschwärmers Molcho — weiteren Kreisen in Erinnerung gebracht wurde. In Regensburg traf Widmanftetter auch Andreas M a - s i u s , nach zeitgenössischem Urteil neben Widmanftetter und Gerard, dem getauften Juden Bernhard Veltvyk aus Ravenstein, den größten Philosophen seiner Zeit, der an ihn in einer nicht näher angegebenen Angelegenheit einen auf uns gekommenen hebräischen Brief richtete. Das hier in Abb. Nr. 2 wiedergegebene Schreiben zeigt trotz mancher darin enthaltenen Härten, wie vertraut die hebräische Sprache den Hebraisten des 16. Jahrhunderts gewesen ist und wie willkommen sie hier und da wegen ihrer doch geringen Verbreitung als Geheimsprache gewesen sein mag. Der interessante Brief, der in Anrede und Phraseologie durchaus rabbinischen Stil trägt, lautet in deutscher Übersetzung: Geehrter Herr, ich war bereits dreimal in deinem Hause, um von dir alles über die vorgestern zwischen uns vereinbarte Sache zu erfahren. Du bist nach deiner freundlichen Gesinnung gegen mich verfahren. Ich habe dich aber nicht zu Hause angetroffen und heute kann ich zufolge ärztlichen Verbots nicht dorthin kommen. Ich bitte dich daher inständig, mir alles kur; mitzuteilen und auch ein passendes Stündchen zu einer Unterredung im Laufe des morgigen Tages, worauf ich großen Wert lege, anzugeben. Da die ganze Sache in deinen Händen liegt, bitte ich dich ergebenst, mir in all diesem zur Seite zu stehen, denn von dir hängt mein ganzer Erfolg ab. Ich schreibe dies alles auf hebräisch, damit niemand diesen meinen Plan erfährt, wie auch du ihn aus Gründen, die ich dir mit Gottes Hilfe mündlich mitteilen werde, niemand aufdecken sollst. Ich kann jetzt nicht ausführlicher sein. Gott erfülle jedes Verlangen deines Herzens nach deinem Wunsche und nach dem Wunsche deines ergebenen in Eile schreibenden Andreas M a s i u s , meines Herrn, des Bischofs von Konstanz und deiner Wohlgeboren Diener. Trotz seiner vielseitigen Inanspruchnahme — er war im Jahre 1552 in den Dienst König Ferdinands, des Bruders Karls V. getreten - faßte Widmanftetter den Plan, die syrischen und arabischen Studien in der abendländischen Kirche in Aufnahme zu bringen. Mit Hilfe des mesopotamischen Priesters Moses von Marden und unter finanzieller Unterstützung König Ferdinands vollendete er im Jahre 1555 in Wien den ersten syrischen Druck des Neuen Testaments. Es war dies das erste in Wien hergeftellte orientalische Druckwerk. Ihm ließ Widmanftetter im nächsten Jahre eine syrische Grammatik mit hebräischer und lateinischer Umschrift und lateinischer Übersetzung folgen. Im selben Jahre wurde Widmanftetter endlich auf sein Ersuchen in das Domkapitel in Regens bürg ausgenommen. Regensburg war die letzte Station im bewegten Leben des Gelehrten und Diplomaten Widmanftetter. Er starb schon im Jahre 1557 und wurde in Regensburg, wo sein Grabstein noch heute erhalten ist, bestattet. Bereits während seines ersten Aufenthaltes in Italien hatte Widmanftetter Gelegenheit genommen, sich hebräische Bücher anzuschaffen. Neben Handschriften kamen für den Liebhaber hebräischer Bücher damals viele Erstdrucke als Kaufobjekte in Betracht. Während nämlich die wichtigsten Werke der lateinischen Literatur in der Zeit, da Widmanftetter nach Italien kam, bereits gedruckt Vorlagen, die meisten sogar in mehreren Auflagen, waren die Graeziften und Hebraisten zu jener Zeit noch vollauf damit beschäftigt, die Geiftesschätze zweier Jahrtausende mittels der Druckerpreffe von ihrer Gebundenheit an das geschriebene Blatt zu befreien und der ihrer harrenden Allgemeinheit zugänglich zu machen. Gerade in Italien, besonders in Oberitalien, dem klassischen Lande des hebräischen Buchdrucks, konnte Widmanftetter am ehesten hebräische Bücherbestände anlegen. Hebräische Buchdruckereien, die sich meist in christlichen Händen befanden, blühten vor allem in Venedig, dann in Bologna, Fano, Rimini, Rom, Cremona, Ferrara, Sabionetta, besonders aber in Mantua. Aus all diesen Offizinen treffen wir in der Widmanftetterschen Bibliothek befterhaltene Exemplare. Auch die den italienischen Drucken an Vortrefflichkeit allerdings weit nachstehenden Konftantinopler und sonstige Drucke sammelte Widmanftetter. Bei der sachgemäßen Zusammenstellung seiner hebräischen Bibliothek waren ihm seine gelehrten Bekanntschaften, besonders der schon genannte Elia Levita, der in Venedig, dem Zentrum des hebräischen Buchhandels, wohnte, behilflich. Zudem sorgten die Drucker sicher schon dafür, daß der zahlungsfähige vornehme Ausländer, der ihnen als Bibliophile wohlbekannt war, von allen Neuerscheinungen in Kenntnis gesetzt wurde. Für den Einband sind hauptsächlich zwei Typen feftzuftellen, loses Hornpergament und Schweinsleder über Holz. Beide