Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 4 (15.4.1927)
- Article
- Bericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden am 13. und 14. März 1927 in Fürth
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 105 (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 105 aus Würde der Freiheit und der Persönlichkeit, auf Pflege unbe- - sachlicher Gerechtigkeit, auf die Begründung sozialen Friedens, auf den Schutz des Sklaven wie des Fremdlings, auf die Heiligung des Lebens und der Arbeit, fo hat sie das große Verdienst durch die Einführung des Sabbats und der Feierzeiten, der Fron des Lebens einen wohltuenden Einschlag gegeben zu haben, durch die Feierklänge^ die das Dasein im Symbol, im Gleichnis, im Feiertagsgewand der Kunst hinausheben aus den Niederungen des Alltags zu den Höhen des Ideals und zur Andacht und Frömmigkeit des Herzens, zum Einklang der Geister im häuslichen Kreise der Familie stimmungsvoll emporgetragen. Diese einzigartige Welt sabbatlichen Friedens, umhegt von der Autorität des Gesetzes, hat zu allen Zeiten die Sturmwellen der Sorge und des im Profanen, im bloß Weltlichen sich verflachenden, verstimmenden Sinnen von den Bezirken Israels ferngehalten und bis in die Gegenwart dazu beigetragen, in allen Kreisen Lebensfrische und Schaffensfreude, Zukunftswillen und Glaubenstreue, Mut und Hoffnung zu stählen. Uber den Buchstaben des Gesetzes aber ist der Geist weit hinausgewachsen, der bei dem Worte nicht stehenble>ibt, sondern bei der Überlieferung der Väter sich anschmiegend das Gebot verjüngt und befruchtet und dienstbar macht dem ursprünglichen Willen des Gesetzgebers. Kein Dienst des Ewigen aber ist denkbar ohne das Gotteswort, das seinen Weg finde>t in die Gemeinde, in die Versammlung der um das Panier des „Schema Jisroel" gescharten Gläubigen, eine religiöse Institution, die noch Wilhelm Bousset in einem sonst vielumstrittenen Werk als einzigartige Form volkstümlicher, wirksamer, religiöser Belehrung gefeiert hat. In der Tat, welche Kräfte, welche Antriebe schlummern schon in dieser uns vertrauten und gewohnten Übung, die im Mittelpunkte unseres religiösen Dienstes steht, wer will sagen, wie viele Anregungen, wie viele, schöpferische Gedanken, wie viel Ergriffenheit und Erschütterung von dem uralten Worte, von der feierlich getragenen Melodie des Vortrags von der Gedankentiefe der Erklärung durch Übersetzer oder Redner ausgegangen ist, wie stark die Gewissenhaftigkeit religiös veranlagter Menschen davon berührt worden ist und wie viele eigenwillige, selbst bis zur Originalität gesteigerte Religiosität, von dieser einen Tatsache gefördert worden ist. Die Thora, dem Leben zugewandt und der Weltfremdheit nicht geneigt, hat dank de,r sich stets erneuernden Treue und Liebe ihrer Jünger niemals das Verständnis der Sprache eingebüht, in der sie zu uns redet. Weil sie den ganzen Menschen zu ihrem Dienste fordert, darum mußte sie eingehen in die Weiten des Lebens, die, sich von den einfachen und schlichten Lebensbedingungen gar weit entfernten. Im Blickfeld ihres Zieles liegt die Formung der religiösen Persönlichkeit, die getragen, die durchdrungen ist von dem einheitlichen Lebensstil der Thora, liegt die Durchwirkung der Gemeinschaft und ihrer Lebensäuße? rungen mit dem Geiste des religiösen Denkens. Darum konnte es im Bezirk des geistigen Lens der religiösen Gemeinschaft nie einen Abschluß geben, darum folgte auf den Meister der Zug der Meister, darum erwachte früh die Regsamkeit des religiösen Denkens, das Streben Lehre und Leben im Einklang zu erhalten, die alten Formen und Forderungen in Anlehnung an die Überlieferung zu verjüngen, darum erwachte früh der Kampf der Geister, der sich bei Zeiten übte in der Ziselierung der scharfgeschliffenen Begriffe und doch in den hochgehenden Wogen der Dialektik das Bewußtsein lebendig erhielt, im Dienste des lebendigen Gottes zu stehen, im Dienste der Heiligung des Willens der Thora. Mit Recht hat darum Baeck davon gesprochen, daß „jede Zeit ihre eigene Bibel erwarb." Die Bibel mit ihren Gleichnissen und Bildern, mit ihren Gestalten und Gesetzen, mit ihrer einzigartigen religiösen Welt, will nicht bloß die Schicksale und die konträren Stimmungen der Menschenseele widerspiegeln, die in allen Epochen an ihre Erscheinungsform und Ausdrucksweisen anklingen, sie hat zu allen Zeiten die Erkenntnis gefordert und gesteigert, die das wissenschaftliche Denken geweckt und bis zu bemerkenswerter klassischer Höhenlage emporgeführt hat. So stark ist zu gewissen Zeiten die wissenschaftliche Forschung, daß ein gefeierter Lehrer im Ernst die Stimmung und die Geistesrichtung der Epoche in die feierliche Formel gießen konnte, die freilich nicht unbestritten bleiben mochte: „Lo am haarez chafsid." Der Unwissende, der nicht vom Hauche des Geistes Berührte, kann im Umkreis der Thorafrömmigkeit und der Thoragesinnung nicht wahrhaft fromm sein. Die Ausschließlichkeit dieses Rationalismus konnte nicht hindern, daß die Durchführung dieses Gedankens auf Widerspruch stieß, die Reaktion erzeugte und wie nach einem unumstößlichen Naturgesetz die Deutsche Lebens-u. Aussteuer-Yersicherungs- Aktiengesellschaft in München Rindermarkt 10 Gegründet von der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft hervorgegangen a. d. Gisela-Verein,Lebens¬ und Aussteuer -Versicherungs-Anstalt a. G. Gegründet 1880 zeigt neue Wege ln der Ansstener-Versicherung Rührige Mitarbeiter allerorts gesucht mannigfachen Formen und Erscheinungen des religösen Irrationalismus auslöste. Die Vielgestaltigkeit geistigen Lebens und religiösen Denkens, die die Einheitlichkeit der Gemeinschaft fast nie in Frage stellte, hat die Frische und die Wucht des uralten Wortes, die Empfänglichkeit der Herzen und die kraftvolle Freude am Waffengang des Geistes gewahrt, den der Werdegang jüdischer Gelehrsamkeit und jüdischer Weisheit kennzeichnet und bis zum ergreifenden Entsagen den Lehrsaal und die stille Studierstube gehütet hat. Wenn wir von jenen Zeiten absehen, in denen die Welt sich verengte, das Schicksal grausam sich verkettete und Härte und Fron den uralten Geist der kraftvollen Beweglichkeit des Denkens einschnürten, so hat die Freiheit und die Weite der Erforschung und der wissenschaftlichen Erkenntnis der Thora die edelsten Blüten am Baum der Entfaltung der Geschichte und der von dem bloß Formalen losgelösten Bildung und wahrhaft gesättigten Kultur hervorgebracht Von dem kühnen Wurf der Lehre, von dem himmelanstrebenden Bau der Theorie bis zu ihrer Verlebendigung im Gleichmaß der Tage, in der Wiederkehr der Pflicht, bis zu ihrer Bewährung und Erprobung in den Härten des Schicksals, in den brausenden Stürmen der Geschichte konnte es nur einen Schritt geben: „Der Ort auf dem du stehest, ist heiliger Boden." Diese Parole büeb geheiligte Weisung, die keine Erfahrung lokern konnte. Die peinliche Gewissenhaftigkeit, die das Urbild heiligen Dienstes schon in der ältesten Zeit durchströmt, die den Satz des alten römischen Rechtslehrers: ,Minima non curat praetor" (um das Geringe, das Kleine kümmert sich der Praetor nicht), nicht anerkennt, die. andächtige Aufgeschlossenheit der Seelen, die um die heiligen Stimmungen sich rankt und windet, die an die hell leuchtende Weisheit der Väter sich hingebende Kraft des Denkens, sie hat das im Profanen, im Weltlichen sich auswirkende Leben geweiht und geheiligt, sie hat es geschützt und gewahrt vor der Sünde gegen den Geist, sie hat ihm seinen Ernst und seine Höhe, seine Ruhe und Sicherheit, seine Freiheit und seinen Frieden gegeben. Sie hat es erhoben zu einem Wandel in sittlicher Pflicht, zu einem Gebot der Ehre und Gewissenhaftigkeit, selbst im Kleinen und Geringen noch, zu jener Andacht des Dienstes, zu jener Intensität