Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (3.12.1926)
- Article
- Die Jahrhundertfeier der Universität München
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 309 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 309 ältere Parallele bietet — auch eine organische Ergänzung in einer Art von Volkshochschule. In hochschulartiger Form ist das Studium unserer Gemeinschaft bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben, ein Studium, das zwar von den heiligen Vorschriften ausgeht, aber von ihnen aus weit in andere Wissens- und Studiengebiete hineingreift, wie denn das Talmudftudium zum mindesten die Neligionsphilosophie und die Rechtswissenschaft in sich begreift. In ähnlicher Weise wie ja auch fast alle heutigen Universitäten letzten Endes irgendwie aus der philosophischen und theologischen Fakultät hervorgegangen sind. So sind Studium und geistiges Streben in unserer Gemeinschaft immer weiter gefördert worden; so konnte es kommen, daß Männer, die tagsüber ihrem armseligen Geschäft nachgingen, abends ihre Erholung beim Studium schwierigster Geistesarbeit fanden, daß die Erscheinung des Analphabetentums bei uns schon frühzeitig kaum mehr bekannt war, daß in unserer Gemeinschaft eine absolute Hochachtung von jeder Art geistiger Betätigung selbstverständlich war. — So wird es uns auch begreiflich, daß die Jünglinge Israels in jener Zeit, die die Mauern des Ghettos zerbrochen hat, mit Begeisterung in die akademischen Lehrhallen gingen. Der heutige Tag gibt uns ja auch Anlaß, uns dessen zu erinnern, daß gerade im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts viele unserer Glaubensgenossen mit brennendem Eifer der Universität zuftrömten. Sie und ihre Nachfolger haben des ihnen anvertauten Gutes treu gewaltet, haben den Quell der allgemeinen Bildung, der von den Universitäten ausging, auch in unsere Gemeinschaft geleitet. Nicht lange hat es gedauert, daß aus den Schülern selber Lehrer wurden, daß auch aus unserer Gemeinschaft Männer hervorgegangen sind, die auf Lehrstühlen der Universitäten wie anderwärts so auch hier Zierden der deutschen Wissenschaft geworden sind. — Auch dafür wollen wir im Rückblick auf die letzten 100 Jahre dem danken, „der die Zeiten ändert". — Welche Änderungen haben wir nicht in diesem Zeitraum zu verzeichnen, der doch für die lange Geschichte unserer Gemeinschaft wahrlich gar nicht einmal so groß genannt werden kann. Vor hundert Jahren, kaum eben erst berechtigt, die Universität zu besuchen und ihre Segnungen zu genießen, — heute, wie wir stolz bekennen dürfen, viele von aller Welt gefeierte Gelehrte auch aus unserer Gemeinschaft. „Gott war uns gnädig, hat uns gesegnet und das Licht seiner Erkenntnis strahlen lassen." Der wahre Jude, das mag uns die kurze Betrachtung unserer religiösen Lehren und unserer Geschichte gesagt haben, ist auch stets zugleich ein wahrer Jünger der Wissenschaft. Ein wahrer Jünger der Wissenschaft; was heißt das? Das heißt, er ist sich dessen bewußt, daß Erkenntnisftreben und Wissenschaft Anforderungen an ihn stellen, die über das bloße Forschen hinausgehen. Sind Gottes Attribute die Urbilder menschlicher Sittlichkeit, so muß der Wahrheit Gottes die Wahrhaftigkeit des Menschen entsprechen; ist nach dem vorhin genannten Worte des Talmuds „Emes", die Wahrheit das Siegel Gottes, so sollte das Siegel des Menschen „Emunoh" sein, das Wort vom gleichen Stamme, die Treue, die Festigkeit, der Charakter. — Wer in der Bildung bei der Bildung des Geistes stehen bleibt und nicht zur Bildung des Charakters sortschreitet, der ist in der Vorhalle des Tempels stehen geblieben. „Haft du Thora, aber nicht Gottesfurcht", sagt der Talmud, und wir dürfen es wohl sinngemäß wiedergeben: „hast Du Wissen, aber keinen Charakter", „dann gleichst Du einem Manne, dem man wohl die Schlüssel zum äußeren Tor gegeben hat, aber nicht die zum inneren Tor." (Sabbat 30k»). Wie dieser Charakter im einzelnen sich draußen im Leben bewähren soll, das kann hier nicht gezeigt werden; wie er aber in der Wissenschaft und in der Forschung selbst sich erweisen muß, das darf wohl auch noch an einem talmudischen Satze ausgesprochen werden. „Mache die Lehre nicht zum Spaten, um damit zu graben, nicht zur Krone, um dich damit zu schmücken." (Aboth.) Dient die Wissenschaft dem bloßen Nutzen, so ist ihre Würde ebenso verletzt, wie wenn der Mensch durch sie seiner Eitelkeit Genüge tun will. Der psychologische Feinblick des Talmuds hat die Gefahr wohl erkannt, die unsere menschlichen Affekte für die erhabene Reinheit der Wissenschaft bedeuten. Er kennt die Gefahr des geistigen Hochmuts, der auch und gerade große Geister manchmal erliegen, und so prägt er dem Menschen, der wahrhaft weise sein, der wahrhaft dem Ideal des Wissens und Erkennens leben will, noch die Lehre ein. „Der Schmuck der Weisheit ist Bescheidenheit" (Der. erez. s. V). Dienet mir, so ruft die Wissenschaft uns zu, dient mir ohne Aussicht auf Lohn und Erfolg, dient mir in aller Demut und Bescheidenheit. Dann seid ihr wahre, von Gottes Geist erfüllte Jünger der Wissenschaft, dann wird euch Studium und Erkenntnis die Gesinnung läutern. Die Bildung des Geistes muß ihre Prüfung bestehen in der Bildung des Charakters. Vorurteil, Hochmut und Ungerechtigkeit entweihen den Tempel der Wissenschaft. — Wenn wir — was zu verschweigen die Pflicht der Wahrhaftigkeit uns verbietet — in dieser festlichen Stunde nicht ohne Bitterkeit daran denken müssen, daß unsere akademische Jugend ob ihrer Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft in Ehrenrechten des Studenten verkürzt werden soll, so schmerzt uns das um unserer Gemeinschaft und um unserer Jugend willen; vor allem aber wegen der durch solche Ungerechtigkeit verletzten Würde des Gedankens der Forschung. Wir dürfen aber den Trost empfinden, daß die Unehre, die man uns damit antun will, wahrlich nicht an uns hängen bleibt. Wir wissen, daß das Geistesleben, als dessen Erben wir uns fühlen dürfen, uns das Bild einer Hochschule zu hell und rein zeichnet, als es uns durch einzelne solcher verzerrten Züge entstellt werden könnte. Wir hoffen vielmehr zuversichtlich, daß eine alma mater alle ihre Jünger mit gleicher Liebe umfassen und die Widerstrebenden zu besserer Einsicht erziehen wird. Die Wahrheit ist etwas Göttliches. Oft ist deswegen ihr Weg verborgen und langsam, wie alles göttliche, das verborgen wirkt und langsam seine Früchte reifen läßt; aber wir wissen, die Wahrheit kommt ans Licht. An der Universität, deren Jubiläum wir feiern, hat ein Mann gelehrt, der von 1827 bis 1890 eine ihrer größten Zierden war — ein Mann, der, als vor etwa 50 Jahren der Judenhaß wieder sein Haupt erhob, furchtlos von der hohen Warte feines Katheders herab für Wahrheit und Recht zeugte, Ignaz Döllinger. In jenem Vortrag: „Die Juden von Europa" vom Jahre 1881, den er mit den Worten begann: „Das Schicksal des jüdischen Volkes ist vielleicht das erschütterndste Drama der Weltgeschichte", sagt er zum Schluß: „Eines ist, was die heutige antisemitisch sich nennende Agitation nicht vergessen sollte: Haß und Verachtung sind Gefühle, traurig und unerquicklich für den, der sie hegt, peinigend und erbitternd für den davon Betroffenen. Schlimm, wenn, um biblisch zu reden, ein Abgrund den anderen anruft. Unser Wahlspruch sei und bleibe das Wort: Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." — Wenn das Bild auch nur eines solchen Mannes vor unseren Augen steht, - aber ihm stehen, Gott sei es gedankt, Geistesverwandte zur Seite — dann versinkt die Gegenwart mit ihrem