Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (3.12.1926)
- Article
- Die Jahrhundertfeier der Universität München
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 308 (sequence 1)
- Language
- German
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308 Bauen sckc Isracliüsckc Gcmcindezeilung Nr. 12 Die Jahrhundertfeier der Universität München Der Festgotteödienft. Zu dem Fesigottesdienft in der Synagoge anläßlich der Jahrhundertfeier der Universität München war neben dem Vorstand und Mitgliedern der Gemeindevertretung auch ein großer Teil der jüdischen Dozenten der Universität erschienen. Unter anderen bemerkte man die Professoren Dr. Fasans, Dr. Neumeyer, Dr. Silberschmidt, Dr. Strich, Dr. Millstätter. Nach den einleitenden Gebeten nahm Rabbiner Dr. Baerwald das Wort zu einer eindrucksvollen Feftpredigt: Andächtige Feftgemeinde! Was muß es doch für eine große Zeit gewesen sein, jene Zeit vor ICO Jahren, in die der festliche Anlaß dieser Feier unsere Gedanken zurückträgt. Groß nennen wir sie nickt so sehr ob der Lage und des Kulturftandes Deutschlands, das sich damals in einem Übergang befand, als vielmehr im Hinblick auf unsere Heimatstadt, der ein stolzer Aufschwung beschieden war, als der hochsinnige Fürst den Thron bestieg, der vor ICO Jahren die Einweihungsfeier unserer alten Synagoge durch seine Gegenwart ehrte, jener Fürst, der in merkwürdiger Verbindung klassischer Neigung und romantischer Gefühle seiner Hauptstadt ein neues Gesicht zu geben anfing. — Es ist bezeichnend für den klaren Blick des Mannes, dessen Neigungen den bildenden Künsten vor allem galten, daß eine seiner ersten Regierungshandlungen die Verlegung der Hauptpflegeftätte der Bildung, der Universität, nach München gewesen ist. Eine wahrhaft königliche Tat, eine Tat, deren segensreiche Folgen unermeßlich sind. Wer vermochte zu sagen, ob jener Entschluß mehr der Stadt zum Segen gereichte, die so der Mittelpunkt auch des wissenschaftlichen Lebens werden konnte, oder der Universität, die hier sich ganz anders zu entfalten vermochte als in den kleinen Provinzftädten, in deren engen Verhältnissen sie früher untergebracht gewesen war; beide, Stadt und Universität, haben zweifellos die segensreichsten Folgen erfahren. So bedarf es denn gewiß keiner Rechtfertigung, daß die Erinnerung an dieses Ereignis festlich begangen wird und daß für den Segen, dessen wir uns dankbar erinnern, der Dank dem Schöpfer allen Segens auch im Gotteshause dargebracht wird. Dieses feierliche Bekenntnis des Dankes für die Segnung des Wissens und der Forschung, für die Betätigung der geistigen Kraft des Menschen kann auck in unserer Gemeinschaft nicht unterbleiben, in der Wahrheit und Erkenntnis allzeit als eine besondere Gnade des Himmels angesehen worden sind. Diesem Dank wollen wir Ausdruck leihen mit den Anfangsworten des 67. Psalmes, der heute als Feftlied gesungen wird: „Gott sei uns gnädig und segne uns; er lasse sein Antlitz uns leuchten." Das Leuchtenlassen von Gottes Antlitz gilt unseren Erklärer», wie im Prieftersegen so auch hier, als die Gnade des geistigen Lichts, der Erkenntnis. Es ist vielleicht eines der charakteristischsten Merkmale unserer Religion, welch hohe Schätzung sie der Erkenntnis, dem geistigen Vermögen des Menschen angedeihen läßt. So folgt ja im Sch'ma dem eigentlichen Bekenntnis und dem Grundgebot der Gottesliebe das Gebot, diese Grundwahrheiten und Grundpflichten den Kindern einzuschärfen, sie zu belehren; im biblischen und nachbiblischen Schrifttum ergeht ständig an uns die Mahnung: „Du sollst wissen, sollst erkennen". In unserem Hauptgebet haben wir nach den ersten hymnischen Anrufungen des Gottes der Vät:r, des Gottes der Allmacht und der Heiligkeit den Dank für das Erkenntnisvermögen und die Bitte um dessen Erhaltung. Wie aber jede ideale Eigenschaft des Menschen, wie jede Pflicht, jede Idee auf Gott zurückgeführt wird, so auch das Erkenntnisvermögen und die Pflicht uns seiner zu bedienen auf die Wahrheit Gottes. „Das Siegel Gottes ist die Wahrheit" sagt ein talmudischer Satz (Sabbath 55a). Wenn wir in der Naturerkenntnis wie in der ethischen nach Wahrheit streben und erkennen, daß wir auf keinem Gebiet zu voller Sicherheit gelangen, wenn wir sehen, daß unsere theoretische und ethische Erkenntnis Stückwerk bleiben, so ahnen wir, daß ein höheres Denken beides, ihren Zusammenhang, die Übereinstimmungen von beiden als Wahrheit erkennt. Diese Wahrheit aber, die, wie einer unserer neueren Religionsphilosophen (Cohen, Rel. d. Vern. S. 484) sagt, „die Übereinstimmung der theoretischen Kausalität mit der ethischen Teleologie" ist, ist das charakteristische Kennzeichen des Gottesbegriffs. Nur ihm kommt dieser Begriff zu. — „Die Wahrheit ist das Siegel Gottes." Talmud und Bibel werden nicht müde, die Wahrheit zu besingen, Gottes Weisheit zu verherrlichen, ganze Reihen von Lobeshymnen um sie zu schlingen, Legendenkränze um sie zu winden. Weisheit ist nicht nur Gottes Eigenschaft, sie ist auch der Plan, nach dem er die Welt gebaut. Unter den Ideen, die Rabbi Simon ben Gamliel als die Grundlagen der Welt bezeichnet, steht die Wahrheit neben Gerechtigkeit und Frieden (Aboth. I, 18). An uns ist darum, diese Ideen zu verwirklichen. Der Wahrheit nahekommen, weise werden, Erkenntnis gewinnen, das ist das wahre Ziel, das höchste Glück des Menschen. „Keiner ist arm, als wer arm ist an Erkenntnis" (Nedarim 41). Wie es das Grundgebot sittlichen Strebens ist, Gott nachzufolgen, in seinen Wegen zu wandeln, nach seinen Eigenschaften zu trachten, so müssen wir auch durch Streben nach Weisheit und Erkenntnis dem Urbild dessen nahekommen, dessen Siegel die Wahrheit ist. Das alles ist unserer Gemeinschaft niemals nur Theorie geblieben. Man könnte vielmehr sagen, daß für unsere Gemeinschaft das Streben nach geistigen Werten geradewegs eine Folge seiner religiösen Grundanschauung ist. Wenn Gotteserkenntnis die Pflicht ist, die der Gottesliebe gleichkommt, wenn das Ziel der prophetischen Zukunftsverkündigungen jene Zeit ist, in der „die Erde voll sein wird der Erkenntnis Gottes, wie Wasser den Meeresgrund bedecken", dann muß diese Religion, wollte sie sich selbst nicht untreu werden, die Erkenntnis im Leben gefördert haben; und in der Tat, — Unterricht und Schule, das sind ja Kulturgüter, die schon in uralter Zeit bei uns heimisch waren, Studium der Lehre und, von der Lehre ausgehend, auch des Lebens mit all seinen Erscheinungen, das war seit den Tagen der Propheten der Lebensinhalt unserer Gemeinschaft, die durch eben diese geistigen Güter auch nach dem Verlust von Tempel, Land und Staat eine Nation des Geistes geworden ist. — Nachdem die Einrichtung der Thoravorlesung, die ein jüdischer Ethiker (Lazarus, Ethik II, S. 11) eine im ganzen Altertum unerhörte Tatsache nennt, im Volk allgemein den Trieb zum Thoraftudium und zur Erkenntnis geweckt hatte, entstanden in Palästina und Babylon Hochschulen, die nicht nur die eigentlichen Gelehrten in ihren Bann zogen. Sie hatten — was für Bemühungen unserer Tage eine interessante, über 1^ Jahrtausende