Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (8.6.1926)
- Article
- Hebräische und jüdische Elemente im Deutschen
- Date
- 1926-06-08
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
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162 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 9lr. 6 düng -ein als Bezeichnung des Versuchs und des NachahmenS treffen wir wieder in „lächeln, spötteln, jüdeln" u. s. f. Beim Mauscheln bemüht man sich krampfhaft, durch tölpelhafte Umstellung von Satzteilen und Änderung von Vokalen das Iudendeutsch vorzutäuschen. Statt des klanghaften und literaturfähigen Jiddisch entsteht aber dabei nur ein Kauderwelsch. Das Wort „mauscheln" ist also überhaupt kein durch den Gebrauch der Juden ins Deutsche übergegangenes, sondern ein von christlicher Seite geprägtes, allerdings auf den hebräischen Eigennamen Mousche zurückgehendes Wort. Noch heute wird das oben angefiihrte „Moßko" von jüdischen Nationalisten oder Zionisten im Osten als Schimpfname für jüdifche Affimilanten verwendet, womit die verwerfliche Unterwürfigkeit des Affimilanten gekennzeichnet werden soll. Weil wir aber bei den Schimpfwörtern halten: Meschugge nennt man nicht nur denjenigen, der im wirklichen Sinne des hebräischen meschuggo geistesgestört ist, sondern noch viel häufiger — entsprechend dem häufigeren Anlaß! - denjenigen, nun, zu dem man eben sagen kann: „Mensch, du bist total verrückt!", oder eben: „Du bist ja meschugge!" Ungefähr dieselbe Bedeutung wie das hebräische meschuggo hat das hebräische schoute, im Deutschen dagegen ist der Schote an und für sich ganz harmlos und gesund, er redet eben nur Stuß, d. i. „dummes Zeug". Ein schofler Mensch ist entsprechend der Ableitung vom Hebräischen schofeil, gleich „niedrig", ein „gemeiner Kerl", eine schofle eine „minderwertige" Ware. Und wenn man jemanden einen Kaffer schilt, so soll das wahrscheinlich so viel heißen wie „Bauer", abgeleitet vom hebräischen kophor „Dorf" oder dem thalmudischen kuphri, „Dorfbewohner". Die Begriffe schein und schaskenen, t. h. „essen und trinken", letztes, um es vorweg zu nehmen, von schoso, „trinken", abgeleitet, erfreuen sich zwar eines weitgehenden Verständnisses, aber diese aus dem Hebräischen stammenden Bezeichnungen sind doch nicht allgemein eingebürgert. Dafür hat die deutsche Sprache selbst genügend Ausdrücke zur Verfügung. Ich erwähne „acheln" nur, um festzustellen, daß dieses Wort nicht erst, wie Littmann meint, aus achilo, „das Essen, der Schmaus", abgeleitet werden muß, sondern direkt aus dem Tätigkeitswort ochal .stammt, obwohl hier an erster Stelle ein o steht. Die Form „acheln" zeigt die Abschwächung des erstsilbigen o zu a, wie sic eine große Menge mit deutscher Endung versehener hebräischer Verbälstämme aufweist. Die Angleichung an die mit a vokalisierten anderthalbsilbigen deutschen Verba, zum Beispiel „sagen", „machen", ist offenkundig. So entstehen außer „acheln" das bereits besprochene schachern aus sochar, pattem, „jemanden los werden," aus potar, „verabschieden", das weiter unten erwähnte massern, „anzeigen," aus mosar, gannefen aus gonav, „stehlen". Das letztgenannte Wort gehört der sogenannten Gaunersprache an, — Gauner ist jedenfalls nur eine Abart von Gannef, — die ein Problem für sich bildet. Die zahlreichen hebräischen Bestandteile der Gauner- und Zigeunersprache, des sogenannten chochmerloschen, d. h. „kluge, listige Sprache", aus dem hebräischen chochmo, „Weisheit" und loschoun, „Sprache", zusammengesetzt, sind auf das Zusammensein der herumreisenden Juden mit lichtscheuem Gesindel aller Art auf der Landstraße und in den Herbergen zurückzuführcn, wie übrigens -auch zahllose Verordnungen Juden in einem Atemzuge mit Bettlern, Landstreichern und Zigeunern nannten. Gegenüber den staatlichen Organen waren die aufgefangenen hebräischen Brocken den asozialen Elementen zunächst eine willkommene Geheimsprache, späterhin wurde daraus mehr Berufssprache. Was also ursprünglich Verständigungsmittel der herumziehenden Handelsjuden gewesen war, ging zunächst in den Sprachschatz, des trotz Mangels jeder äußeren Organisation doch einer inneren, der Schicksals- und Lebensgemeinschaft entspringenden Geschlossenheit nicht entbehrenden Standes der großen und kleinen Verbrecher und Sünder über. Und während, wie mir der Leiter der deutschen Zigeunerzentrale, Herr Regierungsrat K. von Merz in München, freundlichft mitteilt, in Deutschland selbst, im Gegensatz etwa zu Böhmen, Ungarn und dem Balkan, der Zigeunerjargon keine erhebliche Rolle utehr spielt, da die echten Zigeuner nur selten mehr anzutreffen sind, hat ihre Berufssprache, zugleich die Gaunersprache überhaupt, den Weg in weite Kreise genommen. Wie bekannt ist zum Beispiel der Ausdruck: Er weiß, wo Barthel den Most holt. Das bedeutet soviel, als er weiß, wo das „Stemmeisen" (von barsei, „Eisen") das „Geld" (Moos, vom hebräischen moous, „Münzen, Geld") holt. Schmiere stehen heißt soviel wie „auf Wache" stehen (hebräisch schemiro). Auch mogeln soll mit dem hebräischen mohal, „beschneiden, den Wein verschneiden", zusammenhängen. Doch dürfte das schwerlich auf dem Umwege über jüdisch-deutsche Mundart, höchstens direkt vom Hebräischen entnommen sein, da im Jüdisch-deutschen eine solche Verwendung des Wortes kaum nachzuweisen sein wird. Mosar bedeutet im Hebräischen „übergeben". Davon bildete man das heute so gebräuchliche massern, vermassern, d. h. „der Behörde übergeben, denunzieren." Der Kassiber, vom jüdischen kesiwenen, d. h. „schreiben", stammend, (hebräisch kosau) ist ein heimliches von einem Gefangenen verfertigtes oder an ihn gerichtetes „Schreiben". Im oberbayerischen Beißel, z. B. Weinbeißel, soviel wie „Spelunke", ist mit Recht eine Verkleinerungsform des hebräischen bajis, „Haus", erkannt worden. Der Baibus, eigentlich baälbafis, „Herr des Hauses, Familienvorstand, Meister, Herr," ist auch in die Sprache der Matrosen, die von einem Heuerbaas und einem Schlafbaas sprechen, übergegangen. Davon stammt auch das englische boss, was soviel wie „Herr, Meister", bedeutet und namentlich in Amerika fiir „Parteiführer" gebraucht wird. Der erste Teil des obengenannten „baal-bajis" kehrt in baldower, eigentlich baal-dowor, „Meister der Sache, Sachkundiger" und in dem dazu gehörigen Tätigkeitswort ausbaldowern, „sich Sachkenntnis verschaffen, auskundschaften", beides vekannte Wörter der Gaunersprache, wieder. Schemuo heißt „Botschaft, Nachricht". Wer viel müßige Neuigkeiten zu erzählen weiß, ist durchaus nicht immer eine Klatschbase, sondern nur;it oft ein männlicher Schmuser, wobei — die trockene Philologie kann nun einmal nicht ausgeschaltet werden - das s auf die Mehrzahl Schemuous, vulgär Schmues, zurückzuführen ist. Während aber der Schmuser in der Gaunersprache noch als der Mann eine Rolle spielt, der den Ladeninhaber in ein Gespräch verwickelt, damit der Genosse inzwischen stehlen kann, kommt der Schmus oder das Geschmus, soviel wie „Geschwätz, müßiges Gerede", auch bei anständigen Leuten vor. In vielen Gegenden bedeutet Schmus soviel wie „Vermittlung". Dieses Wort wurde auch im amtlichen Verkehr angewendet oder zugelassen. So klagte nach dem Mergentheimer Stadtgerichtsarchiv im Jahre 1797 ein Handelsmann auf Zahlung von „Schmusgeld“, d. h. also von „Provision".