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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-06-08 · 6 (8.6.1926) · p. Seite 161

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
6 (8.6.1926)
Article
Hebräische und jüdische Elemente im Deutschen
Date
1926-06-08
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 161 nicht der in der Bibel genannte Fürst des Stammes Simeon gemeint sei, sondern ein Rabbinerschüler dieses Namens, der im 14. Jahrhundert zu Ens in Österreich gelebt habe und ein rechter Pechvogel gewesen sei. Aber abgesehen davon, daß, wie Littmann selbst bemerkt, die Existenz des Genannten nicht erwiesen ist, so müßte der doch schon ein ganz ungewöhnlicher Schlemihl gewesen sein, daß gerade er seinen zu allen Zeiten und allerorts überaus zahlreich vertretenen Genossen den Namen gegeben hat. Zudem ist der Name Schelumiel, den der Rabbinerschüler geführt haben soll, ganz ungebräuchlich. Ich glaube vielmehr, daß die von Littmann ebenfalls angeführte Ableitung von schelou mouil, d. h. „der nichts nützt", also „Nichtsnutz", die richtige ist. Das trifft am besten den Sinn, den man mit dem Worte Schlemihl verbindet und auch die dieser Ableitung zugrunde liegende Verblassung der beiden dunklen ou-Laute ist eine beim Übergang hebräischer Wörter ins Jüdisch-deutsche sehr häufige Erscheinung. Das Femininum von Schlemihl, Schlemihlte, bedeutet in erster Reihe ebenfalls ein unbeholfenes, täppisches, dann aber in Süddeutschland auch ein häßliches Frauenzimmer. In vielen Gegenden sind durch die Juden hebräische Zahlwörter und hebräische Buchstaben als Ziffernbezeichnung eingeführt worden. Jedem Viehhändler und Fleischer ist dann das hebräische Alphabet, dessen Buchstaben bekanntlich jeweils einen bestimmten Zahlenwert darftellen, geläufig. Olef bedeutet eins, beis zwei usf. Von Gimmel, gleich drei, kommt zum Beispiel Kümmelblättchen. Jemand hat meio alufim schuk chowes heißt in diesem Jargon: „Jemand hat 100 000 Mark Schulden." Dabei wird fatalerweise „Mark" mit „Markt" (schuk) indentifiziert, — wenigstens ist mir keine andere Erklärung bekannt, - während chowes, eigentlich chouwous, Einzahl chouwo, „Verpflichtung, Schuld" heißt. Das im synagogalen Gebrauch der süd- und westdeutschen Juden allgemein übliche schnödem oder schnudern für Synagogen- oder Thoraspende ist nichts anderes als ein Bestandteil der bei der Spende zur Verlesung gelangenden Formel schenodar, d. h. „dafür, das er gelobt". Der Gebrauch, wichtige und heilige Formeln und Gebete mit einem für sich allein bedeutungslosen Worte, das aber im Zusammenhänge an exponierter Stelle stellt, besonders mit dem Anfangsworte, zu bezeichnen, ist allgemein. So spricht man ja auch von einem „Vaterunser". In der Kirche gibt es ferner „das Kyrie eleison", „das Gloria", „das Sanctus", „das Benedictus" (eine Übersetzung des Psalmverses Baruch habba) usw. Das von Littmann angeführte Machsor gehört jedoch nicht hierher, ebensowenig ist die Form Machser begründet. Machsor bedeutet vielmehr „Zyklus" und wird von den jüdischen Gelehrten und Kalenderweisen zur Bezeichnung eines astronomischen und kalendarischen Zyklus, allgemein aber ausschließlich zur Bezeichnung eines die Gebete für den ganzen Iahreskreis enthaltenden Gebetbuches verwendet. Seit Ende des 18. Jahrhunderts enthält der oder das Machsor der Handlichkeit halber nur noch, meist in verschiedenen Bänden, die Festtagsgebete, während man die täglichen und sabbatlichen Gebete in einem besonderen Gebetbuch, Tefillo, wie man in Süd- und Westdeutschland sagt, oder in einem Siddur, wie man in Norddeutschland und auch im jüdischen Osten sagt, untergebracht hat. Das Wort „Machsor" wird gleich „Tefillo" und „Siddur" nur von Juden gebraucht. Es ist niemals ins Deutsche eingedrungen uns der Name wird als durchaus hebräisch empfunden. Das geht schon aus der Pluralbildung, deren sich der gebildete Jude bedient — Machsourim, nicht etwa „Machsors", ebenso Teßlous, Siddurim, nicht „Siddurs", — hervor. Die Form Machser aber ist nur die Vulgäraussprache, in der die langen Endsilben durchweg verkürzt werden. Diese Verkürzung ist die Folge der Rückverlegung des im Hebräischen ursprünglich bekanntlich auf der letzten Silbe liegenden Tones auf die vorletzte Silbe, ein Vorgang, der eine Assimilation an den Rythmus der europäischen Sprachen bedeutet und sich trotz aller ReinheitSsanatiker bei allen aschkenasischen Juden der Welt außerhalb der feierlichen Sprache des Gebetes durchgesetzt hat. Mir wenigstens ist noch niemand begegnet, der etwa beim Studium des Tbalmud die richtige Betonung beachtet hätte, obwohl gerade das Aramäische der Gemara die Betonung auf der letzten Silbe so konsequent durchführt, daß zum Beispiel im bekannten aramäischen Kaddischgebet nur ein einziges auf der vorletzten Silbe betontes aramäisches Wort vorkommt. Die Synagoge selbst, eine griechische Übersetzung für die hebräische Bezeichnung des Bethauses in der Mischna als beishakkeneses, wörtlich „Versammlungshaus", wird, wie hier erwähnt werden soll, nicht nur in jüdischen, sondern auf dem Lande auch in christlichen Kreisen noch heute Schul, Judenschul genannt, und zwar deshalb, weil das Bethaus und seine Nebenräume nur frühmorgens und abends zum Beten, tagsüber aber zur Belehrung und zum Unterricht benutzt wurden. Auch die bekannte Redensart: „Da gehtö zu wie in einer Iudenschule" bezieht sich keineswegs auf die „Schule" in heutigem Sinne, sondern auf die Judenkirche, wie eS gerade in diesem Zusammenhänge auch heißt, und der darin liegende Tadel bezieht sich nicht auf einen Unterricht, sondern auf das Beten. Daß aber den mit dem Inhalte der jüdischen Gebete und mit dem Milieu der Synagoge nicht vertrauten Christen die dort herrschenden Vorgänge wirr und bunt erschienen, ist nicht überraschend. Wir werden häufig einen ähnlichen Eindruck von jedem uns rätselhaften Seelenerguß einer uns in ihren Empfindungen und innerem Erleben fremd gegenüberftebenden Masse, besonders von gottesdienstlichen Zeremonien einer anderen Glaubensgemeinschaft, deren Inhalt wir nicht verstehen und — an die wir nicht gewohnt sind, empfangen. Unverständnis und Antipathie suchten oder suchen hier die Natürlichkeit, um nicht zu sagen die Notwendigkeit eines seelischen Vorganges zu verkennen. Ähnlich verhält eS sich mit der Bewertung der von uns hier behandelten sprachlichen Einwirkungen, die doch auch nichts anderes sind als Zweckmäßigkeiten und Notwendigkeiten überhaupt. Kein anderes Gesetz kann die Sprache zur Aufnahme fremder Bestandteile veranlassen. Und doch versuchte man die Durchsetzung der deutschen Sprache mit jüdischen Elementen durch das mauscheln lächerlich zu machen. Aber der Mauschier macht sich nur selbst lächerlich. Littmann erklärt „mauscheln" für „wie der kleine Moses machen". Ich glaube, daß der Umweg über Mauschele, den Kosenamen für Mousche, nicht nur überflüssig, sondern auch unrichtig ist, was sich schon daraus ergibt, daß es nicht, wie dann zu erwarten, „mauschelen" heißt. Der christliche Edelmann nannte vielmehr „seinen" Hofjuden kurzweg „Mousche", d. i. Moses, wie heute noch der polnische Gutsherr seinen Hausjuden „Moszko", (sprich: Moschko) nennt. Ebenso wie heute der polnische Edelmann, wenn er das Iudendeutsch seines Moschko nachahmen will, Tuschelt, wie der Ostjude sagt, so bedeutet auch im Deutschen „mauscheln" einfach „den Moses nachahmen". Dieselbe En-

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