Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (8.6.1926)
- Article
- Hebräische und jüdische Elemente im Deutschen
- Date
- 1926-06-08
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
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160 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Außer dieser Gruppe von HebraiSmen gibt es aber, wie eingangs erwähnt, noch eine nun zu behandelnde zweite Gruppe, die jenes Material umfaßt, das vermittels der Juden inS Deutsche übergegangen ist. Es find solche Ausdrücke, deren sich die Juden in ihrer Umgangssprache bedienten und die dann von ihrer christlichen Umgebung aus dem und jenem Grunde übernommen wurden. Die dabei zugrunde liegenden Vorgänge sind nicht nur ein Problem der Sprachwissenschaft, sondern auch der Volkskunde. Auch die jüdischen Elemente kommen aus dem Hebräischen. Sie sind aber nicht unmittelbar der hebräischen Schriftsprache entnommen, sondern haben erst den Umweg über die jüdische Volkssprache des Mittelalters und der Neuzeit gemacht. Außer hebräischen treffen wir daher hier zahlreiche aramäische, dem rabbinischem Schrifttum entlehnte Wörter an, die wir jedoch den hebräischen gleichsetzen wollen. Bei der Umschrift berücksichtige ich in dieser Gruppe nur die aschkenasische Aussprache, weil der Übergang ins Deutsche von dieser Form, nicht etwa von der sephardischen oder der gelehrten Aussprache her erfolgt ist?) Infolge der sattsam bekannten Verhältnisse waren die deutschen Juden in der Hauptsache auf den Handel angewiesen. Daß die Juden aber in diesem Berufe, dessen hervorragende Rolle für die Volkswirtschaft erst spät erkannt wurde, zu Bedeutung gelangten, kann aus der großen Reihe zu unserem Thema gehöriger Wörter geschlossen werden, die zum Vorftellungö- und Tätigkeitskreise des Kaufmanns gehören. Man kann diese Wörter geradezu als allgemein-verständlich gewordene und noch heute gebräuchliche Berufssprache bestimmter Zweige der Handelswelt bezeichnen. Zunächst das Wort Schachern selbst. Es wird vom hebräischen sochour, „handeln", eigentlich „herumziehen", Herkommen, obwohl der Übergang von s zu sch um so auffälliger erscheinen könnte, als in anderen vom selben hebräischen Stamme abgeleiteten Wörtern, s-chore, die „Ware", socher, „Kaufmann", das hebräische § beibehalten ist. Aber gerade diese Gegenüberstellung dürste uns Aufschluß geben: das im Gegensatz zu den beiden letztgenannten Wörtern ins Gemeindeutsche übergegangene schachern hat sch, da der deutschen Zunge das scharfe § am Anfang zu unbequem war. Ebenso wie man übrigens im Deutschen „handeln" in zweifachem Sinne gebraucht, so ist auch ein Schacherer jemand, der mit allem handelt, aber auch jemand, der gern „handelt", d. h. feilscht. Ein anderer Ausdruck für Handeln oder Handel ist Masse; matten. Massematten heißt allgemein „Geschäftsverkehr", ursprünglich masso-umation, „nehmen und geben". Wer große Mezies, also „gefundene" Sachen auftreibt, wie man ja auch von einem „gefundenen Essen" spricht, hat viel Rewach, auch Rebach gesprochen, was unzweifelhaft von rewach, „luftig, weit fein," auch „Raum verschaffen", abzuleiten ist und heute wie bereits im Thalmud „Verdienst" bedeutet. Der Verdienst aber zeigt sich im Pinke oder Pinke-Pinke, was bekanntlich „Geld" bedeutet. Die hebräische Form dieses Wortes, pinkeis, ist das griechische pinax, „die Schreibtafel", dann „das Geschäftsbuch, Konto". *) Den Vokal Cholem, in der sephardischen Aussprache - o, bei vielen norddeutschen Juden heute fälschlich au gesprochen, bezeichne ich entsprechend der überlieferten deutschen Aussprache, wie sie sich in West- und Süddeutschland erhalten hat, mit ou, das also als Diphthong o > u zu lesen ist. Zere bezeichne ich mit ei. Dies ist dabei nicht wie ai, sondern als Diphthong e -ji zu lesen. Sind die Massemattenö mieß d. h. eigentlich „häßlich", dann „unangenehm, schlecht", wird man seinen Tinnef (hebr. tinnuf), seinen „Schmutz, Schund", um keine l Preis lor>, — auch der Ausdruck Bowel, auch Pofel, Bufel oder Pufel, von bowel, d. i. „Babylon", dann „babylonische Verwirru g", herkommend, bezeichnet einen zusammengewürfelten wertlosen Kram, deutlicher Bufel-s-chore, „abgelagerte Ware, Ladenhüter" - so darf man sich dieStimmung zunächst durch keinen Mießmacher, „Flaumacher", verderben lassen. Wenn man Massel, „Glück", hat, kann die Geseire oder Gesaire, ursprünglich „Verordnung präventiver Art", dann „Schikane, Öuälerei, Verhängnis, Unglück", doch noch ein gutes Ende nehmen. Allerdings, ein Vergnügen ifts Geschäft dann nicht, jeder Tag bringt neuen Roges oder gar Rochus, hebräisch rougeis, d. h. „Zorn, Ärger". Der Dalles (von dallus, „Armut") wird größer und größer. Kommt dann ein uneingelöfter Chillef, d. i. ein „Wechsel" (von choleif — „wechseln", chilupho das „Eingewechselte"), dann ist das ein Schlemassel, eigentlich schlimm-Massel, also wörtlich „Unglück". Und zum Schluß bleibt nichts übrig als die große Pleite. Das ist nichts anderes als peleito, wörtlich die „Flucht, Rettung". Der Ausdruck pleite gehen und davon abgeleitet flöten gehen ist also wohl m der Bedeutung „die Flucht ergreifen" das Ursprüngliche gewesen. Reißaus zu nehmen war im Konkursfalle bei der zumindest schikanösen Behandlung eines zahlungsunfähigen Schuldners auf jeden Fall das ratsamste. Es ist nun ebenso interessant wie amüsant zu verfolgen, wie die beiden Bestandteile des Ausdrucks „pleite gehen" aufeinander eingewirkt haben. Der Deutsche dehnt bekanntlich den Gebrauch des Wortes „gehen" nach Analogie von „untergehen", „zu Grunde gehen", auf alle gleichsinnigen Ausdrücke aus. Er spricht also von „zu Ende gehen", „kaput gehen", „verloren gehen". In Anklang an diesen Sprachgebrauch kam dann das Gefühl auf, als ob in „pleite gehen" Pleite auch ein Ausdruck des Untergangs, etwa „Konkurs" oder „Bankerott" sei. So verwandelte sich das Wort gerade in sein Gegenteil. Dafür blieb aber das „Pleite" die Rache nicht schuldig. Der „Pleitegeher" ist nach jüdischem Dialekt ein Pleitegeier. Begreiflicher Unverstand machte infolge des einmal falsch verstandenen „Pleite" aus dem „Pleitegeier" — o Wunder — plötzlich einen dem Aasgeier ähnlichen Vogel. Hierher gehört dann auch der in Süddeutschland für „pleite gehen" übliche Ausdruck mechulle gehen oder auch mechulle machen, letzte Redewendung in Anklang an das gleichbedeutende Konkurs „machen". Mechulle kommt vom hebräischen kolo „untergehen" und heißt demnach so viel wie etwa „untergegangen" oder substantivisch „Untergang". Hierbei erinnern wir uns auch des Ausdrucks kapores gehen. „Kapores" bedeutet in der hebräischen Form kaporo, Mehrzahl kaporous, soviel wie „Sühnegeld". Die Redensart: eine Sache ist „kapores gegangen" enthält also gleichzeitig den Wunsch, daß der Verlust der Sache eine Sühne für begangene Sünden sein möge. Wer viel Schlemmassel hat, gilt als Schlemihl. Oder aber jemand hat Massel, trotzdem er ein Schlemihl ist. Ein Schlemihl bleibt eben ein Schlemihl. Eine einfache deutsche Übersetzung dieses Wortes ist kaum möglich, ebensowenig wie eine sichere Erklärung seiner Herkunft. Littmann bringt vier verschiedene bisher versuchte Ableitungen und hält dann doch noch für die beste die vom Eigennamen Schelumiel, worunter aber