Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (8.6.1926)
- Article
- Hebräische und jüdische Elemente im Deutschen
- Date
- 1926-06-08
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 159 eine Grube gräbt, fällt selbst hinein", „wer Wind sät, wird Sturm ernten". „Nichts Neues unter der Sonne", sagt der Prediger 1, 9. Dazu braucht man also nicht den viel zitierten Ben Akiba, soll heißen: Rabbi Akiba, der erst viel später als König Salomo, nämlich im 1. und 2. Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung lebte, zu bemühen. Von dem Einflüsse endlich zu reden, den das Sittengesetz des Pentateuch, besonders die Zehn Gebote, selbst nur sprachlich ausgeübt haben, würde uns doch von unserem Thema, das uns die nicht-hebräischen biblischen Elemente nur zu berühren erlaubt, zu. weit abführen. Nun wäre es ein Irrtum zu glauben, daß der Einfluß des Hebräischen, von dem wir jetzt wieder sprechen wollen, nur von der biblischen Literatur der Juden ausgegangen sei, nur in religiös-kirchlichen Kreisen sich ausgewirkt hätte und nur durch solche ins Deutsche eingeführt worden ser. Die Verwendung des Hebräischen in der Mystik belehrt uns eines anderen. So wie die Mystik selbst, auf dem Religiösen fußend, sich über die überkommenen religiösen Anschauungen hinwegsetzte und sich zu einer selbständigen Weltanschauung entwickelte, so erging es auch den von den Mystikern gern benützten hebräischen AuSvon vielen Mystikern, besonders auch von Agrippa von Nettesheim (1486—1555), ein förmlicher Kult getrieben. Allerdings waren auch die sonstigen, dem aftrologisch-alchemiftischen System zugrunde liegenden Vorstellungen keineswegs verwirrt, im Gegenteil mit äußerster, den Laien in Erstaunen setzender Konsequenz durchdacht. Den sieben Planeten: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond, entsprechen die sieben Metalle Blei, Zinn, Eisen ,Gold, Kupfer, Quecksilber, Silber. Bei einplanetarischen Amuletten mit hebräischen Zahlenquadraten, über die uns W. AhrenS in einer 1916 bei Louis Lamm in Berlin erschienenen Broschüre über hebräische Amulette unterrichtet, findet man ausnahmslos dem Saturn ein Quadrat von drei mal drei Feldern, dem Jupiter eines mit vier mal vier, dem Mars eines mit fünf mal fünf usw., dem Mond endlich ein Quadrat mit neun mal neun Feldern zugewiesen. Jedes Feld enthält einen oder mehrere hebräische Buchstaben, derart, daß die Summe jeder Zeile, jeder Spalte und jeder der beiden Diogonalen die gleiche ist. Unser in untenstehender Abbildung wiedergegebenes astrologisch-alchemiftifches Planetenamulett bezieht sich nun aber auf alle sieben Planeten und soll danach aus allen eben genannten Alchemistisch-astrologischeö Amulett drücken. Die Mystiker entnahmen diese Ausdrücke zum Teil zunächst der jüdischen Kabbala, wörtlich „Überlieferung", dann etwa „überlieferte Mystik", gebrauchten aber bald sogar hebräische Gottes- und Engelnamen flir ihre jüdisch- und christlichreligiöser Anschauung zuwiderlaufenden, geradezu „heidnischen" Vorstellungen. Vielfach wurden hebräische Wörter und Buchstaben gerade benutzt, um die kirchlichen und weltlichen Behörden, die diesen Ketzern scharf auf die Finger sahen, über ihre heidnische, ganz und gar nicht kirchliche Einstellung zu täuschen — immerhin ein Beweis, wie sehr der religiöse Charakter des Hebräischen a priori feftftano. Zudem waren die hebräischen Schriftzeichen in den Augen der großen Menge sehr geeignet, den Schein des Geheimnisvollen, mit dem die Mystiker sich, ihre Lehre und ihre Erzeugnisse gern umgaben, zu erhöhen. Unter den mit hebräischen Wörtern und Zeichen versehenen Erzeugnissen des Mystizismus spielen die astrologischen und alchemiftischen Amulette eine hervorragende Rolle. Es dürfte den Leser interessieren, über das Wesen solcher Amulette an Hand eines in meinem Besitze befindlichen hier abgebildeten Exemplars unterrichtet zu werden. Zum besseren Verständnis sei folgendes vorauSgefchickt.Mit den Zahlen und auch dem hebräischen Zahlenalphabel wurde mit hebräischen GotteSnamen sieben Metallen gegossen sein. Der Alchemist nennt es daber auf der Rückseite sigillum electrale. Es soll seinen Träger gegen die schädlichen Einflüsse aller Planeten und gegen die schädlichen Wirkungen aller diesen entsprechenden Metalle schützen. I. R e i ch e l t, der dieses Amulett, wie er in seinem Werke De ^muletiZ, Straßburg 1676, schreibt, aus Augsburg erhielt, — ich verdanke diesen Nachweis nebst anderen wertvollen Aufschlüssen Herrn Dr. Ernst D a r m ft a e d t e r, — bezeichnet es wegen seiner astrologischen Allgemeinheit mir Ämuletum catholicum. Auf der Vorderseite, die die IabreSzahl der Herstellung, 1662, trägt, sehen wir drei von oben nach unten zu lesende Reihen von Planetencharakteren. In der mittleren Reihe befinden sich die üblichen sieben Planetenzeichen, zur linken Hand die den Planeten entsprechenden Intelligenzzeichen, rechts die Dämonencharaktere. Die uns besonders angehende Rückseite weift den Davidskern auf. Innerhalb des Hexagon ein Pentagon, in diesem ein Trigon. Die hebräischen Umschriften sind Gottesnamen und -attrrbute. Ich habe den Leser absichtlich in diese etwas entlegene Welt der Astrologie und Alchemie geführt, um zu zeigen, daß in gelehrte Kreise hebräische Elemente in einer selbst Kennern des Hebräischen häufig unbekannten Form eingedrungen sind.