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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-06-08 · 6 (8.6.1926) · p. Seite 158

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
6 (8.6.1926)
Article
Hebräische und jüdische Elemente im Deutschen
Date
1926-06-08
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 chologischen Voraussetzungen für sie schuf, ist häufig einer noch tieferen Verwurzelung des Hebräischen hinderlich gewesen, wie dies z. B. bei vielen früher ganz gebräuchlichen biblischen Namen, auf die wir noch zu sprechen kommen, der Fall ist. Wir bezeichnen diese erste Gruppe kurz mit „hebräischen Elementen im Deutschen" und wollen sie in unserer Darlegung gesondert von den in zweiter Reihe zu erörternden „jüdischen Elementen" behandeln. Zum Schluffe werden wir dann das beiden gemeinsame Gebiet der Personennamen erörtern. Die hebräische Sprache drang in die christliche Gelehrtenwelt Europas erst um 1500 durch Reuchlin, dessen Streit mit dem getauften Juden Pfefferkorn wegen der von diesem geforderten Verbrennung aller rabbinisch-hebräischen Bücher ich als bekannt voraussetzen darf, tiefer ein. Aber auch schon vorher machen sich Einflüsse deö Hebräischen gellend, wenn wir uns auch hüten müssen, jede Gleichartigkeit in Wortstamm oder Ausdruck als Abhängigkeit aufzufassen. In noch höherem Maße wie die materiellen hängen die geistigen Beziehungen der Völker untereinander zusammen und tausend unsichtbare Kanäle, durch die die Schätze der Sprache, des vornehmsten Ausdrucksmittels menschlicher Vernunft, von einer Kultur auf die andere überströmen, verbinden Völker miteinander, die sich nie zu verstehen glauben und vorgeben, niemals etwas voneinander erfahren zu haben. Im Hintergründe aber erhebt sich das Problem oder vielmehr die Tatsache der Einheit deö Menschengeschlechtes, die durch die Gemeinsamkeit der Sprachwurzeln für die wichtigsten TätigkeitS- und Dingwörter ihre Bestätigung findet. Das deutsche „Stier" entspricht dem Hebräischen schor, „Farren" ist par, (Wein-)„Kufe" ist kupa, „Sack" sak, „Wein" jajin, „mischen" mosag, „Zahn" sehen, „Scherbe" scheber, „Gitter" oder „Gatter" geder, „Horn" keren, „Szepter" §e/rebel, „Geruch" reach, „schalten" schalat, „jubeln oder „Jubiläum" ]obel, „ist" ist jesch. Zahlreiche Onomatopoetika, das sind schallnachahmende Wörter, des Hebräischen finden sich im Deutschen wieder. Ta], „Kind", ist im Deutschen „tappen", lakak „lecken", garad „kratzen", parak „brechen", nojach „fauchen", koz „kotzen", zajzef „zwitschern, zirpen", Kelej „Kläffer, Hund". Auch chalul in der Bedeutung „hohl" dürste hierher gehören. Alle derartigen Ausdrücke finden sich in vielen, wenn nicht in den meisten Sprachen und bedeuten an und für sich, wie gesagt, keine Abhängigkeit. Auch gleichartige Phraseologie muß man ohne weitergehende Folgerungen zu' ziehen lediglich registrieren. Die Redensart „seinen Mund halten" findet sich zum Beispiel in der Form „seine Hand auf den Mund legen" bei Micha 7, 16 und in Job 21, 5. Selbst die hebräische Bezeichnung für „Lippe" mit sapha, eigentlich „Rand", treffen wir in dem bekannten Dialektausdruck: „Halt deinen Rand". An „Weizen", d. i. das „weiße" Getreide, werden wir durch den Ausdruck der Mischna. sede läban, d. h. „weißes Feld" für „Getreidefeld" im Gegensatz zum Baumfeld erinnert. Das altdeutsche, im Jiddischen erhaltene Wort „nechten" (ch wie im Stammwort Nacht ausgesprochen), bedeutet „gestern", ebenso wie hebräisch emesch „dunkel" und gleichzeitig „gestern" bedeutet. Im Gegensatz hiezu stehen die vielen hebräischen durchweg als Fremdwörter empfundenen Bezeichnungen für Begriffe des jüdischen Schrifttums. Wörter wie Cherub, PI. Cherubim, Saraph, PI. Seraphim, Leviathan, Mannah, Sabbath, Passah, Thalmud, Satan, Rabbi, („Mynheer, monsieur"), sind als hebräisch wie ihrer Bedeutung nach bekannt. Andere gleichfalls bekannte und gebräuchliche Wörter haben sich, wenn auch noch als Fremdwörter, doch schon eine Art Heimatrecht im Deutschen ersessen. Amen ist lediglich eine Bekräftigung, etwa: „so sei es" oder „so ist es". Daher: „Ja und Amen sagen". Sela ist ein besonders in den Psalmen häufiges, noch nicht ganz geklärtes Schlußwort, dem in noch höherem Maße der Nimbus deö Feierlichen anhaftet als dem „Amen". Doch gebraucht man auch scherzhaft bei ganz profanen Gelegenheiten die biblische Zusammenstellung Amen Sela, ttxoa „Punktum". Zu den eingebürgerten Wörtern gehört auch Menetekel für „Warnung", zwei Worte der dem König Belsazar nach Daniel 5, 25 an die Wand geschriebenen Warnung: Mene, mene, thekel upharsin, dh. „gezählt, gezählt, gewogen — und zerteilt. Schibboleth ist für uns so viel wie „Losungswort", nachdem die Männer von Gilad die Ephraimiten nötigten dieses Wort auszusprechen und an seiner Aussprache sie als solche erkannten (Richter 12, 6). Schibboleth heißt wörtlich ebenso „Woge" wie das „wogende Ahrenfeld" und die „Ähre". Thohuwabohu, „wüst und leer", war die Welt am ersten Tag. Thohuwabohu jtfyt noch jedes Durcheinander, das an jenen ersten Schöpfungstag erinnern mag. Der Messias heißt hebräisch Maschiach, „Gesalbter". Abt geht auf das im Thalmud häufig vorkommende Abba, „Vater", zurück. Die Kreti und Pleli, aus denen nach H. Sam. 15, 18 Davids Leibwache bestand, mögen ausländische und fremdartige Gesellen gewesen sein, — Kreter und Philister; jedenfalls benennt man nach ihnen noch heute eine bunt zusammengesetzte Gesellschaft. Der Ausdruck „jemand die Leviten lesen" im Sinne von „jemandem die Meinung sagen, eine Moralpredigt halten", kommt wohl vom 5. Buche Moses, Leviticus genannt, obwohl man dann eher „Leviticus lesen" erwarten sollte. Dieses Buch enthält nämlich eine große Zahl von Moralvorschriften und gegen Schluß ein Kapitel mit nicht weniger als 7 mal 7 Flüchen für die hartnäckigen Gottesverächter und Gesetzesübertreter und schon Bischof Chrodegang von Metz im achten Jahrhundert pflegte seinen Canonici einen Abschnitt aus Leviticus vorzulesen um sie zur Besserung und Buße zu ermahnen. Es muß in diesem Zusammenhänge darauf aufmerksam gemacht werden, daß der Einfluß des Hebräischen auf das Deutsche nicht gleichbedeutend ist mit dem Einfluß deö „Alten Testamentes" auf die deutsche Sprache oder gar auf das deutsche Geistesleben überhaupt. In der deutschen Sprache wimmelt es vielmehr von solchen Ausdrücken und Redensarten, die unmittelbar den Übersetzungen des Alten Testaments entnommen sind. Durch die Bibelübersetzung Luthers (1554), durch die auch das Alte Testament weiten Volkskreisen zugänglich gemacht wurde, erhielt dieser Prozeß der Durchsetzung deö Deutschen mit biblischen Redewendungen einen gewaltigen Anstoß. Auch der Deutsche „wäscht seine Hände in Unschuld", sucht einen „Sündenbock", „wird so alt wie Methusalem" oder auch nicht, „ißt im Schweiße seines Angesichts sein Brot", kennt das Land, „wo Milch und Honig fließt", „erhebt sich wie ein Mann". Jedermann bekannt und vielfach in die Literatur übergegangen sind ferner andere Ausdrücke und Redensarten, die auf Bibelftellen zurückzuführen sind: „Den Seinen gibts Gott im Schlafe", „liebe deinen Nächsten wie dich selbst", „einen Heidenlärm machen", die „Hiobstpost", „bleibe im Lande und nähre dich redlich", „Prediger in der Wüste", „wer anderen

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