Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Wohlfahrtsamt und Wohlfahrtsarbeit
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 138 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 diese im allgemeinen nur bekamen, wenn sie ihre Lage möglichst noch trostloser hinftellten, als sie ohnehin schon war — und da einzelne darin eine große Fertigkeit erlangten, mußten die anderen, um nicht leer auszugehen, auch schwindeln. So haben sie sich hungernde Frauen und Kinder, kranke Eltern und alles mögliche Mitleiderregende angeschwindelt. Das geht so weit, daß jüngst bei einer Tagung der Durchwanderersürsorge, als man von diesen Dingen sprach, jemand sagte: „Es wäre ja entsetzlich, wenn man nicht ganz sicher wüßte, i>aß man ständig von ihnen angeschwindelt wird — man müßte ihnen ja sonst sein letztes Hemd vom Leibe geben." Dieses Wissen um das Schwindeln und die Berechtigung, die man damit hat, einen Teil des Unglücks als nicht vorhanden abzuziehen, dient tatsächlich vielen Gebern als Beruhigung. Wir wollen es aber jetzt nicht vom Standpunkt des Gebers, sondern von der Psychologie des Bittstellers aus betrachten. Da liegt es denn so, daß — abgesehen auch von diesen Schnorrern — die Leute wissen, man gibt ihnen nur im Rahmen des Verfügbaren und paßt in diesem Rahmen das ihnen zu Gebende ihrer Lage an, die man in Beziehung setzt zur Notlage anderer, denen man auch helfen muß. Das, was sie schließlich bekommen, ist wenig und reicht oft kaum zum Leben. Soll man es ihnen verübeln, wenn sie durch falsche oder ungenaue Angaben ihre Lage noch schlechter darftellen, als sie tatsächlich ist, um dadurch etwas mehr zu bekommen, was sie auch wahrlich gut brauchen können? Und tun Leute der „guten Gesellschaft" nicht sehr viel schlimmere Dinge um Vorteile willen, die ihnen meist längst nicht so nötig sind? Diese milde Beurteilung schließt natürlich nicht aus, daß man in jedem Fall die Verhältnisse prüft, um doch ein sicheres klares Bild zu bekommen — das ist man schon denen schuldig, die zu anständig sind, um falsche Angaben zu machen, und die sonst zu kurz kämen. Und es gibt trotzdem immer wieder Leute, die in keiner Notlage etwas von ihrer Anständigkeit aufgeben. Das aber nur nebenbei. Bis jetzt sprachen wir im wesentlichen von denen, die durch die Zeitverhältnisse hilfsbedürftig geworden sind. Daneben sind die, bei denen die Schwierigkeit in ihnen selbst zu suchen ist, denen bessere Arbeitsbedingungen wohl vorübergehend helfen können, deren Fürsorgebedürftigkeit aber nicht mit dem Finden einer Arbeitsstelle beendet ist. Es sind dies vor allem die sog. Psychopathen, Menschen, die einfach unbrauchbar im Leben sind und die — wie Dr. Eliasberg das neulich formulierte, „sich und anderen zur Last leben". Gerade hier eröffnen sich heute durch neue Methoden der Behandlung neue Perspektiven, die auch in diese schwierigen dunklen Dinge einige Hoffnungsstrahlen bringen. In all diesen Fällen handelt es sich nicht nur darum, das nötige Geld zur Verfügung zu stellen, sondern unsere Fürsorge muß - wenn sie auch von einem Amt auSgeübt wird — viel weitergehend sein, viel umfassender. Das wird auch an folgendem Beispiel deutlich: Thea, nennen wir sie hier so, steht schon lange hier in Fürsorge. -Die Eltern sind recht minderwertig, leben schon lange getrennt, ein Bruder ist in Eglfing. Thea war schon als Kind im Heim in Psenburg, war später in den verschiedenartigsten Stellungen, hielt es aber nirgends lange aus. Im letzten Jahr war sie allein in drei Stellen: in einer Brauerei als Wassermädel, in ähnlicher Stelle in einem Restaurant und schließlich durch unsere Vermittlung als Bürohilfe in einer Fabrik. Die letzte Stelle machte ihr Freude, sie lernte Stenographie mit Eifer und blieb auch verhältnismäßig lange (etwa 4 Monate) in dieser Stelle. Während der Zeit kam sie oft zu uns. Sie wurde dort so bezahlt, daß sie — bei freiem Mittagtisch, den sie durch uns hatte — mit größter Einschränkung zur Not hätte davon leben können. Aber obgleich sie mehr hatte als das, was wir im allgemeinen als Existenzminimum bei Unterstützungen annehmen, bekam sie außerdem doch noch etwa ihre Zimmermiete. Es ist schwer, in solchen Fällen zu entscheiden, ob es richtig ist, hier aus einer beschränkten Summe, die für Unterstützungen vorgesehen ist, zu geben, solange die Summe nicht so groß ist, daß man in jedem Fall wirklicher Not steuern kann. Meiner Meinung nach mußte man es trotzdem tun — einmal versteht ein solches Mädel bei aller Belehrung nun einmal nicht sehr gut sich einzuschränken, und dann muß man ihm die Möglichkeit geben, sich Dinge zu leisten, die über das absolut zum Leben Nötige hinausgehen. Es ist sicher für jeden gut Veranlagten schwer, immer nur mit dem Aller-Allernötigsten auSzukommen, für derartige Mädels bedeutet der Zwang dazu aber eine Gefahr. Denn sie werden zweifellos suchen, die Dinge, die ihnen das Leben zu verschönern scheinen, auf andere Weise zu bekommen — besonders wenn sie so entwurzelt und alleinstehend sind, daß auch noch ein sehr verständliches Anlehnungs- und Liebebedürfnis dem entgegenkommt. Und was soll man hier tun? Wir planen schon lange wieder einen Mädchenklub, wie er früher hier bestanden hat, wo wir versuchen wollen, den Mädels nach ihrer Arbeitszeit ein paar Stunden der Ruhe und der Freude zu geben. Die Mädels müssen wissen, daß dort jemand für sie da ist, zu dem sie in all ihren Nöten kommen können, und daß ihnen Hilfe, die oft schon in einem Aussprechen besteht, wird. Sicher ist ein solcher Mädchenklub — und sei er noch so gut — kein Allheilmittel, aber er wird vieles leichter machen können. Er wird Mädels wie unsere Thea, um die wir uns auch so recht gekümmert hatten, und bei der wir doch nicht hindern konnten, daß sie Wege ging, vor denen wir sie bewahren wollten, nicht davon abhalten können, aber er wird doch wenigstens für die besser Veranlagten gesündere Bedingungen schaffen. Verspricht man sich hier, wo man es mit jungen Menschen zu tun hat, wenn auch irgendwie vom Wirtschaftlichen ausgehend, doch in erster Linie eine Wirkung auf den Menschen, so spielt dieses psychologisch-pädagogische Moment die größte Rolle in der Fürsorge für die Jugendlichen. Sind auch die Motive, die einen Eingriff der Fürsorge veranlassen, meist wirtschaftlicher Natur, so ist doch hier — mehr noch in irgendeinem anderen Zweig der Fürsorge — Zweck der Fürsorge nicht die momentane Befriedigung eines Notstandes, sondern die Heranbildung von Menschen, die dem Leben und damit natürlich auch dem Wirtschaftsleben gewachsen sind. Dieser Jugendfürsorge, die von unserer Abteilung 0 in Verbindung mit dem Verein Iugendhilfe geleistet wird, kommt als» eine ganz besondere Bedeutung zu. Kommt es in Abteilung A — bei der Fürsorge für die Alten — in erster Linie darauf an, ihnen die Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie gerade jetzt zum Leben brauchen — so ist schon bei der mehr wirtschaftlichen Fürsorge unserer Abteilung B ein Sorgen für die Zukunft nötig, und schon hier rechtfertigen sich oft größere Aufwendungen (sei es in der Gesundheitsfürsorge oder auch bei rein wirtschaftlichen Dingen), die im Hinblick auf später gemacht werden — dann nämlich, wenn sie z. B. jemanden wieder zur Gesundung verhelfen oder ihm die Möglichkeit zu seiner wirtschaftlichen Selbständigkeit geben. Dieses Tun im Hinblick auf die Zukunft spielt nun in der Jugendfürsorge eine ganz besondere Rolle. Hier ist eö die Aufgabe der Fürsorge, in erster Linie dafür zu sorgen, daß aus all den Kindern, die ihrer Obhut anvertraut sind, Menschen werden, die keine Fürsorge mehr brauchen, die selbständig im Leben stehen können. Die Jugendfürsorge arbeitet eng mit der allgemeinen Fürsorge zusammen, immer mit dem Ziel, die in irgendeiner Beziehung — sei es gesundheitlich oder moralisch — gefähr-