Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Wohlfahrtsamt und Wohlfahrtsarbeit
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 139 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2727810-2727823-2727828-2729697--00991-2729794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 139 beten Kinder zu erfassen und Bedingungen für sie zu schaffen, in denen sie sich in jeder Beziehung gesund entwickeln können — sei es durch Verschaffung eines Erholungsaufenthalts, ständige Überwachung in der Familie, Verbringung in eine Pflegefamilie ooer in ein Heim. Ich kann hier nicht mehr im einzelnen auf das weite Gebiet der Jugendfürsorge, ihre Probleme und ihre Aufgaben eingehen. Ich habe Ihnen nur in großen Zügen ein Bild von unserem Amt geben wollen, von seinen Aufgaben und von seiner Arbeit. Ich habe dabei manche Dinge nur andeuten können, über die noch im einzelnen sehr viel zu sagen wäre. Und bei all diesen Dingen — ich -greife hier z. B. einmal das Gebiet der Gesundheitsfürsorge heraus, das in meinen Ausführungen zu kurz gekommen ist — wird es sich wieder zeigen, welche Bedeutung die Zentralisation der Wohlfahrtsarbeit in einem Amt hat. Wir arbeiten — auch gerade in der Gesundheitsfürsorge — eng mit unseren Vereinen zusammen, haben aber doch als Zentrale ganz anders die Mög- Sesckichtlickes von Von Hauptlehrer I. Nur wenige Urkunden und Aufzeichnungen geben uns Kunde üiber die alten schwäbischen Gemeinden, nur dürftige Berichte in Iben Chroniken der Städte geben uns Einblick in die jüdischen Gemeinden zurzeit des Mittelalters. Donauwörth war seiner Lage gemäß ein Knotenpunkt für Handel- und Verkehrsleben auf Land- und Wasserstraßen. Aus Salzburg gingen feit Jahrhunderten große Mengen von Salz auf der Salzach und dem Inn nach Paffau und von hier auf der Donau stromaufwärts zur Salzniederlage in Donauwörth, wo der Handel mit Salz einen regen Verkehr nach weiten Kreisen unterhielt (Steichcle). Kaiser Otto III. verlieh dem Orte einen Wochenmarkt samt Münze und Zoll, und Kaiser Konrad II. bestimmte 1030, daß jedes Jahr ein 3 Tage dauernder Markt gehalten werden dürfte. Um diese Zeit ließen sich auch viele Juden nieder, welche den Handel großenteils an sich brachten unck reges Verkehrsleben nach Norden und Süden entfalteten. Sie besaßen eine Synagoge, Judenschul genannt, wo ein Rabbiner und Vorsänger auf das religiös sittliche Leben der Gemeinde und auf die Erziehung der Jugend einzuwirken suchte. Im Laufe der Jahre hatten sie sich den Unwillen der Bevölkerung zugezogen. „Sie waren keineswegs wohl gelitten", berichtet der Chronist „und mußten sich in eine eigene Gasse hinter der Stadtmauer, Judengasse genannt, zurückziehen." Haß und Neid verbanden sich mit blindem Vorurteil und bewirkten, daß die Juden 1518 aus Donauwörth gänzlich ausgewiesen wurden. Die Vertriebenen wandten sich nach den südlich in der Hochebene gelegenen Ortschaften und seit dieser Zeit finden sich Juden in oberschwäbischen Gemeinden, wie Jchenhausen, Hürden, Neuburg a. K., Thannhausen, Hohenraunen und Veisenhausen. Eine Urkunde des Herrschaftsgerichts Neuburg a. Kaufe! bestätigt, daß die Juden daselbst um 1540 Feldbau betrieben. Mitte des 17. Jahrhunderts wohnten noch 6 Familien in Neuburg, welche freiwillig nach Hürben auswanderten. Das Alter der jüdischen Gemeinde Hürden, ihr Entstehen und Werden, ist in Dunkel gehüllt; nur soviel verkündet eine alte Urkunde des Landgerichts Ursberg, daß 1504 vier jüdische Familien ansässig waren. Louis Lamm, Verlagsbuchhandlung in Berlin, besitzt ein Dokument, nach welchem Reb Moses aus Angelberg, V.-A. Mindelheim, 1568 nach Hürben übersiedelte und in einem Revers sich verpflichtete, auch nach seiner Domiziländerung sich der Angelberger Jurisdiktion zu unterwerfen. Der Kronzeuge, der Friedhof, auf einem bewaldeten Hügelrükken gelegen und so alt wie die Gemeinde, ist zum Schweigen verurteilt, da im Jahre 1800 bei einem Gefechte zwischen Franzosen und Österreichern dort lagernde österreichische Soldaten die alten, eichenen Grabdenkmäler verbrannten. Im Mittelalter bildete Krumbach-Hürben mit etwa 350 Ortschaften die Markgrafschaft Vurgau, die großenteils durch österreichische Herzoge verwaltet wurde und in Günzburg a. d. D. ihren Wohnsitz nahmen. Als 1570 die Rechte und Privilegien der Juden im Burgauischen geschmälert wurden, indem man sie mit neuen Steuern belegte und Zölle und Mautgebühren über alles Maß lichkeit der Erfassung z. B. aller Tuberkulosekranken und auch anders die Möglichkeit, Mittel für sie mobil zu machen — sei es durch staatliche, städtische Gelder oder durch Gelder, die uns durch unsere Reichsorganisation — die Zentralwohlfahrtsftelle deutscher Juden, die zusammen mit den Logen und dem Frauenbund einen Tuberkulosefonds hat — zur Verfügung gestellt werden. — Und ich hoffe, sie haben meinen Ausführungen nicht nur entnommen, daß ein zentrales Wohlfahrtsamt, das natürlich wieder in Verbindung mit den Vereinen arbeitet, zur Durchführung moderner Wohlfahrtspflege nötig ist, sondern ich hoffe auch, daß sie den Eindruck gewonnen haben, daß trotz des notwendigen „Amtes" mit der Fülle seiner Aufgaben doch im einzelnen dies nicht zu einer Schematisierung führen muß, daß doch im einzelnen d.c Charakter auch gerade der jüdischen WohlfahrtSarbeit als Hilfe von Mensch zu Mensch gewahrt bleiben kann. Aber von diesem — was trotz aller Organisation immer und immer das Wesentliche der Arbeit sein wird — läßt sich eben doch nur schwer sagen. würben-krumback Kahn (Krumbach). erhöht wurden, ja sogar Schuldner von der Bezahlung ihres von Juden geliehenen Kapitals losgesprochen wurden, erließ Kaiser Maximilian II. ein Mandat, in dem er gebot, daß die Juden in ihren Rechten und Privilegien beschützt und beschirmt und alle ihre zuerkannten Rechte gewahrt werden müssen. Ebenso wurde dem Rabbiner Isaak zu Günzburg das Recht zuerkannt, die Rechtsstreitigkeiten der Juden nach jüdischem Gesetze zu behandeln und über Widerspenstige den Bann auszusprechen (Kohat). 1630 erhielten die Grafen v. Lichtenstein durch Abtretung eines Gutes an Österreich die Herrschaft über Krumbach und Hürben. Nach einem Urbarium des Rentamts Ursberg gab Graf Maximilian v. Lichtenstein 1675 die Erlaubnis zum Bau einer Synagoge, welche jährlich mit 6 fl. Steuer belegt wurde. Für die Wohnung eines Vorsängers (zur damaligen Zeit waren die Rabbiner Schaz und Maz, d. h. Vorsänger und Rabbiner) wurde ein Nebenhaus bewilligt gegen jährlichen Grundzins von 1 fl. Die Lichtensteinsche Herrschaft währte nur bis Ende des 17. Jahrhunderts, worauf Krumbach-Hürben wieder der Vorderösterreichischen Herrschaft angeschlossen wurden. Durch die Einwanderung jüdischer Familien aus Neuburg a. K., Hohenraunen und Deisenhausen, sowie durch die Ausnahme der 1718 aus Thannhausen vertriebenen Juden vergrößerte sich die jüdische Gemeinde dermaßen, daß die christliche Gemeinde Beschwerde einreichte bei der Vorderösterreichifchen Herrschaft wegen Überschreitung der Normalzahl und wegen der neuen Häuserbauten, jedoch ohne Erfolg. Die 1675 erbaute Synagoge war zu klein geworden und mußte 1710 und 1765 durch Anbauten vergrößert und erweitert werden. Im Jahre 1819 wurde sie gänzlich umgebaut im schönen Empirestil. Durch besondere Vergünstigung wurde die Anbringung großer abgerundeter Kirchensenster genehmigt und auch die innere Ausstattung erfolgte in gleichem Stile. Die Synagoge besitzt zwei prächtige goldgestickte Thoravorhänge (Proches) mit der Jahreszahl 5483 und 5487, gestickt von dem Goldsticker Jakob Gans aus Höchsiädt a. d. D. Über das Erwerbsleben der jüdischen Bewohner Hürbens gibt am prägnantesten die Auszeichnung des Rabbiners Schwarz vom 26. April 1839 Aufschluß: „Anno 1839 zählt Hürben 116 Familien und 13 Witwen mit 576 Seelen, 289 männlichen und 287 weiblichen. Diese 116 Familien bestehen aus 1 Rabbiner, 2 Lehrern, 56 konzessionierten Kauf- und Handelsleuten, 11 Hausierhändlern, 1 Seifensieder, 4 Bäckern, 4 Metzgern, 2 Schustern, 1 Schneider, 4 Tuchmachern, 2 Uhrmachern, 1 Barbier, 6 Ökonomen, 1 Taglöhner, 1 Tuchscherer, 1 Hutmacher, 1 Buchbinder, 1 Glaser, I Drechser, 1 Hafner, IStrikker, 1 Lebküchner, 6 Webern, 1 Weißgerber, 1 Kürschner, 1 Spengler, 1 Bürstenbinder, 2 Vriefboten. Vor 2 Jahren sind 2 Jünglinge, in diesem Jahre 2 Mädchen nach Amerika ausgewandert. Die Jugend widmet sich einem Gewerbe. Einige Studierende und Handlungslehrlinge ausgenommen, sind fast sämtliche hiesige Jünglinge Handwerkslehrlinge oder Gesellen." Die den Schutzjuden ouferlegten Steuern waren benannt: