Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Wohlfahrtsamt und Wohlfahrtsarbeit
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 137 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 137 diesen Fällen besteht hier keine Möglichkeit zu helfen — außer daß man die Leute an außerbayerische Orte schickt, wo aber natürlich jetzt auch nur sehr schwache Arbeitsaussichten bestehen. Im allgemeinen bekommen die Durchwanderer also hier Fahrkarte bis zur nächsten Provinzialkasse und etwas Geld zur Wegzehrung. Müssen sie aus irgendwelchen Gründen ein paar Tage hier bleiben - besonders die, die Freitag ankommen - so bekommen sie Speisemarken und Schlafmarken für einen Gafthof, dem wir jederzeit Leute mit einem Bon schicken können, der später wieder bei uns eingelöst wird. Es ließe sich zu dem Problem der Durchwanderer noch sehr viel sagen — es würde aber im Rahmen dieser Ausführungen zu weit ftihren. Ich werde jetzt von der Arbeit unserer Abteilung B sprechen. Ich werde hier etwas ausführlicher werden, weil es mein eigentliches Arbeitsgebiet ist. Hier handelt eS sich um die Fürsorge für die, die aus irgendwelchen Gründen — z. T. auch nur vorübergehend — wirtschaftlich unselbständig sind. Die Gründe, die dazu geführt haben, sind verschiedenartig. Sie liegen teilweise in der Person des Betreffenden, dessen körperliche oder geistige Konstruktion bei den heute gegebenen Verhältnissen sich einer Eingliederung in das Wirtschaftsleben widersetzen oder sie jedenfalls sehr erschweren. Und sie liegen zum anderen Teil an den gerade heute gegebenen Verhältnissen: eine wirtschaftliche Depression mit ihre Beeinflussung des Arbeitsmarktes, die einsetzt nach einer Zeit der Inflation, macht den größten Teil der durch die wirtschaftlichen Verhältnisse stellenlos Gewordenen zu Unterstützungsempfängern. Für beide Kategorien der Beftirsorgten gilt es, sie wirtschaftlich wieder selbständig zu machen. Betrachten wir erst die zweite Gruppe, die in früherer Zeit nie Fürsorge in Anspruch genommen hätte; die Abgebauten, stellenlos Gewordenen. Daß unsere Fürsorge für sie in erster Linie wirtschaftlicher Art ist, geht auch schon daraus hervor, daß gerade dieser Abteilung unseres Wohlfahrtsamtes der vom Frauenbund gegründete und auch heute noch gemeinsam mit ihm arbeitende Stellennachweis angegliedert ist. Es handelt sich also hier darum, neue Stellen für Stellenlose zu finden, und sie evtl, in der Zeit der Arbeitslosigkeit zu unterjttitzen. Für Deutsche kommt hier in erster Linie die städtische Erwerbslosenunterftützung in Betracht. Ausländern müssen wir — je nach Lage des Falls — die Mittel zum Lebensunterhalt geben. Das Finden geeigneter Stellen ist natürlich bei der jetzigen Lage des Arbeitsmarktes sehr, sehr schwer. Noch schwieriger aber wird es bei denen, die, vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, irgendwie minderqualifiziert sind. Diese Minderqualifikation braucht keine absolute zu sein — sie ist es nur vom wirtschaftlichen Standpunkt — und sogar nur vom wirtschaftlichen Standpunkt unserer Zeit aus gesehen. Wie sehr relativ dieser Begriff ist, beweist auch die Tatsache, daß diese Minderqualifikation heute in Fällen gegeben ist, in denen man bei besseren Arbeitsmarktbedingungen noch von durchaus guter Qualifikation gesprochen hätte. Ich denke dabei z. B. an alle die, die heute im Wirtschaftskampf jüngeren Kräften weichen müssen, z. T. weil diese leistungsfähiger sind, zum wesentlichen Teil aber einfach deshalb, weil ihnen nach den Tarifen weniger gezahlt werden muß — und die Unternehmer natürlich bei der schlechten Wirtschaftslage ihre Betriebsunkoften wesentlich einschränken müssen. Für sie ist das Wiedereingliedern in den Wirtschaftsprozeß noch sehr viel schwieriger; es gilt hier oft, neue Möglichkeiten der Existenz zu finden. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei all denen, die nicht nur vom Standpunkt der jetzigen wirtschaftlichen Gegebenheiten mit ihrer großen Arbeitslosigkeit „unwirtschaftlich" sind, sondern die sich auch bei besseren Arbeitsbedingungen nur schwer in das Wirtschaftsleben eingliedern lassen. Es sind die, die man im Wirtschaftsleben als „halbe Kräfte" bezeichnet, und für die es in einer Zeit wie heute natürlich besonders schwer ist, Verwertungsmöglichkeiten zu finden. Es sind die verschiedensten Ursachen, die dazu führen, und sie bestimmen jeweils die Art der Einwirkung und des Eingreifens. Ich glaube, ich gebe Ihnen am besten ein Bild von diesen Dingen an Hand einzelner konkreter Fälle. Da ist Herr L. — ein sehr ordentlicher Mensch — er war lange Jahre Schreiber in Kanzleien und Ämtern, hat sehr gute Zeugnisse. In seiner letzten Stelle ist er abgebaut worden. Er ist jetzt 56 Jahre alt, und es bestand kaum Aussicht, ihn in seinem Berufe unterzubringen. Alle unsere Bemühungen waren erfolglos. Er ist ganz alleinstehend, bekam von der Stadt Arbeitslosenunterstützung, dievon uns ergänzt wurde. Eine Zeit lang versuchte er's mit Vertretungen, aber auch ohne rechten Erfolg. Schließlich bat er uns, ihm Mittel zum Kauf eines ObftkarrenS zur Verfügung zu fteelln. Er bekam den Karren, er bekam auch Mittel zum Einkauf von Ware. Er ist heute — die Angelegenheit liegt ein paar Monate zurück — noch nicht in der Lage, das ihm zur Verfügung gestellte Geld zurückzuzahlen, aber er kann sich wenigstens ohne fremde Hilfe erhalten. Oder folgendes: ein älteres Fräulein, das in früheren Jahren Verkäuferin war, dann ihre Stelle aufgegeben hatte, um ihre Mutter zu pflegen, sucht jetzt nach dem Tode ihrer Mutter wieder Stelle. Es ist beinahe unmöglich, sie in ihren Jahren als Verkäuferin unterzubringen. Glücklicherweise hat sie eine Wohnung, in der sie Zimmer vermieten kann; wir raten ihr sehr, Pensionäre zu nehmen, und sie findet so auch eine Möglichkeit, sich zu erhalten. Oder eine andere Notlage, die ausschließlich durch die Zeitverhältnisse bedingt ist: Familie K., Mann, Frau und zwei Kinder, Litauer, haben schon vor dem Krieg hier gewohnt. Herr K. hatte eine gute Stelle. Im Krieg glaubten sie im neutralen Land sicherer leben zu können und zogen deshalb in die Schweiz. Als sie nach dem Kriege wieder hierher zu ihren alten Eltern kamen, erhielten sie nur befristete Aufenthaltserlaubnis. Es gelang jedesmal, die Aufenthaltserlaubnis verlängert zu bekommen, bis sie schließlich etwa vor vier Monaten — wenigstens für Herrn K. — endgültig abgelaufen war. Herr K., der hier in Deutschland keine Verwandten hat, fuhr nach Memel, wo er als Litauer glaubte am ehesten wieder Eriftenzmöglichkeit zu finden. Bis jetzt ist es ihm noch nicht gelungen, eine Stelle zu bekommen, er hat Mühe, sich durchzubringen. Seine Frau hat inzwischen hier sich und ihre beiden Kinder tapfer aber sehr kümmerlich mit Heimarbeit zu ernähren gesucht. Sie ist außerdem von uns unterstützt worden. Die Aufenthaltserlaub niS für sie ist auch nur befristet und wird bald endgültig abgelaufen sein. Wir fürchten unS schon jetzt vor dem Zeitpunkt, weil wir gar nicht wissen, was die Frau mit ihren Kindern dann anfangen soll. Ihr Mann hat in Memel kaum die Möglichkeit, sich selbst zu erhalten, eS wäre sinnlos, ihm auch noch Frau und Kinder zu schicken. Und sonst besteht auch keine Möglichkeit, die Familie wieder anzusiedeln. Dies Schicksal geht uns besonders nah, weil es die Familie so ganz unverdient trifft, und weil es Menschen trifft, die in all ihrem Unglück von einer ganz großen Vornehmheit des Charakters sind. Ich möchte bei der Gelegenheit auch einige Worte über die charakterliche Anständigkeit oder Nichtanständigkeit der Leute sagen, die das Wohlfahrtsamt in Anspruch nehmen müssen. Es gilt im allgemeinen als feststehend, daß 99% aller „Schnorrer" — dabei denkt man vor allem an bk Durchwanderer — Schwindler sind. Es kommt dies daher, daß diese „Schnorrer", deren Lage meist so ist, daß sie ganz unbedingt auf die Gabe angewiesen sind.