Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Das Memorbuch
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 19 angebracht, auf jeden Fall in den oben gekennzeichneten wenigstens den Namen der Besitzergemeinde einzuzeichnen. Gar sonderbar sind die Schicksale einzelner Mbb. Im Jahre 1670 wurde die Iudengemeinde Wien ausgetrieben. Ihre Mitglieder zerstreuten sich in alle Richtungen. Ein Angehöriger der Familie Frankel nahm das Wiener Mb. mit nach Fürth. Als die Klausstiftung hier erstand, benutzte sie dasselbe und schloß einfach ihre Einträge an die Wiener an. Dieses hat man erst vor etwa zwei Jahrzehnten erkannt. Über die herrliche Ausstattung dieses Mb. haben wir soeben gesprochen. Im Jahre 1671 erfolgte in Fulda die Austreibung der Juden. Einige Exulanten nahmen das Mb. mit nach Amsterdam; nachdem sich die Fuldaer Gemeinde neu gebildet hatte, kam auch das Mb. wieder zurück und wurde wieder der ursprünglichen Bestimmung zugeführt. Im Jahre 1822 äscherte ein Brand den größten Teil der Stadt Sulzbach ein, darunter die Synagoge. Bei dieser Gelegenheit verbrannte auch das alte Mb. Der damalige Gemeindediener hatte alle dort verzeichnet Gewesenen noch in ungefährer Erinnerung. Der Schreiber nahm sie nach seinen Angaben wieder in das neue Mb. auf. Dabei liefen natürlich einige Erinnerungsfehler unter. In dem neuen Mb. wurde das Nekrologium mit einem jiökor für alle etwa im alten Mb. verzeichnet Gewesenen eröffnet. Ein trauriges Schicksal ist vielen Mbb. beschieden, die Gemeinden gehörten, welche von ihrer einstigen Blüte herabgesunken und entweder schon der Auflösung verfallen sind oder ihr in Kürze entgegengehen. Der Wert des alten Mb. wird dort oft nicht erkannt; unbeachtet und rühmlos wird es zur Makulatur geworfen und wird herrenlos. Wohl das abenteuerlichste Schicksal aber war dem Urbild und Vorbild aller Mbb., dem alten Mainzer, beschieden. Dieses überaus wertvolle Zeugnis der mittelaltrigen Märtyrergeschichte ist von Dr. Salfeld in seinem umfangreichen Werke „Das Martyrologium des Nürnberger Memorbuches" mit bewundernswertem Fleiß und in meisterhafter Form inhaltlich und äußerlich behandelt und gewürdigt worden. Er kam dabei zu dem überraschenden Ergebnis und suchte durch Ausführung einer Reihe von Argumenten den Beweis zu erbringen (wie ja schon der Buchtitel besagt), daß das Mb. ursprünglich nicht der Mainzer, sondern der Nürnberger Gemeinde gehört habe. Da es nachweislich schon seit mindestens 1470 in Mainz gottesdienstlich verwendet wurde, so läge hier ein eigenartiges Kuriosum vor. Denn es erscheint von vornherein wenig glaublich, baß eine große Gemeinde wie Nürnberg ganz einfach auf ihr Mb. verzichtet haben und daß eine Gemeinde, wie die Mainzer, das Mb. einer anderen sich angeeignet haben sollte. Ich glaube aber in meinen „Untersuchungen" den positiven unwiderleglichen Beweis erbracht zu haben, daß das Mb., das schon von dem Mainzer Maharil ausdrücklich als in Mainz befindlich erwähnt wird, von Anfang an für Mainz bestimmt war. Es ist hier nicht der Ort, meine Gründe zu wiederholen. Einige neue Gesichtspunkte zugunsten meiner Behauptung habe ich in vorliegenden Ausführungen bringen können, die nämlich, daß das Memmern am Sabbat vor dem Wochenfeft auf Mainz zurückgeht und daß die alten Märtyrerlisten sich auch in anderen Mbb. (Hagenbach!) finden. Ich kann es aber nicht unterlassen, an dieser Stelle noch auf ein Argument Salfeldö einzugehen. Das Mb. wurde im Jahre 1296 von Isak ben Samuel für Mainz (nach Salfeld für Nürnberg) angelegt. 1298 erfolgte die große fränkische Judenverfolgung. Es enthält nun aus den betroffenen Orten ganz genaue Verzeichnisse der gefallenen Glaubenshelden. Die Namen gehen in die Tausende. Den Reiben eröffnet Rötlingen (20. April); ihm folgen Neustadt a. d. X, Windsheim, Iphofen, Mergentheim, Ochsenfurt, Kitzingen und am 1. August Nürnberg, dem sich dann die anderen Gemeinden anschließen. In Nürnberg fiel ein Isak, Sohn Samuels, und Salfeld will in diesem den obigen wiedererkennen, der bis dahin die Opfer der Orte fleißig (bis Marktbibart) niedergeschrieben habe und die weiteren, auch die Nürnberger, einem anderen überlassen mußte. Ein allerdings tragisches Geschick. Diese Tatsache würde, falls sie richtig wäre, natürlich ohne weiteres für die Nürnberger Zugehörigkeit des Mb. sprechen. Doch betrachten wir uns die Listen. Sie gehören zu den großartigsten Leistungen geschichtlicher Forschung aller Zeiten. Man versetze sich in jenes Jahr. In einem ganzen Land alle Juden mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Entsetzen und bange Angst vor dem Kommenden lagert auf jedem Juden. Und da sollte ein Berichterstatter, wie heute etwa ein Zeitungsreporter, der gleichsam schon im voraus weiß, wo ein Gemetzel entstehen wird, mit den Horden gezogen sein, um bei den unruhigen Verkehrsverhältnissen jener Zeit sofort nach Nürnberg über die Namen der Opfer Bericht zu erstatten? Ein gänzlich unmöglicher Gedanke. Die Listen wurden vielmehr von irgend jemand ganz einheitlich erst nach einigre Zeit, als sich die Wogen allgemeiner Unruhe geglättet hatten, an den einzelnen Orten ausgenommen, in die sich unmittelbar während dre Unruhen oder unmittelbar nach ihnen kein Jude hätte wagen können. Keine Zusatznotiz zeigt übrigens, wie bei anderen Namen, auf die Bedeutung Isaks für Nürnberg; einfach I.b.Samuel. Dieser Name Isak ben Samuel ist übrigens bei der geringen Auswahl von jüdischen Namen in damaliger Zeit ein so gewöhnlicher, daß kaum eine größere Gemeinde vorhanden gewesen sein mag, in der er sich nicht vorfand. — Eine ähnliche Behauptung Salfelds, der Mainzer Rabbiner Maharil habe auch in Nürnberg gewirkt, ist gleichfalls mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Das Mb. ist eine spezifische Institution der Gemeinden mit „deutschem" Ritus. Es ging vom Rhein aus, verbreitete sich nach Süden und Osten und blieb auf deutsches Gebiet beschränkt. Je weiter wir nach Osten kommen, desto dünner gesät sind die Gemeinden mit Mbb. Maharils. Mb.-Liturgie war eben nur für „deutsche" Gemeinden bestimmt. In „polnischen" Gebieten übt man wohl auch das namentliche Seelengedächtnis für Verstorbene. Aber dort kennt man keine Mbb. und die Bezeichnung „memmern" ist gänzlich unbekannt. Dieses könnte als Beweis für meine Theorie „Almemorbuch" angesehen werden. Denn wenn man in dem Mb. nur ein Gedächtnisbuch (memoria) in Hinsicht auf die Totenliften sehen wollte, so wäre gerade für die polnischen Gemeinden das Wort „memmern" am Platze. Das Alter eines Mb. läßt sich nicht immer genau bestimmen. Oft steht auf dem Titelblatt das Jahr der Anlage. Meist aber gehen die Namen (die eben aus alten Listen übernommen wurden) um hundert, oft um Hunderte von Jahren zurück. Im liturgischen Teil war stets das Gebet für den Landesherrn verzeichnet. Ein solches war ja schon zur biblischen Zeit an Festtagen gebräuchlich. Dieses Gebet für den Landesherrn gibt uns auch zuweilen einen Fingerzeig für die Zeit der Mb.-Anlage. Der Schreiber fügte nämlich den Namen des zu seiner Zeit lebenden Regenten ein. Aber nur in den seltensten Fällen ist dieser erhalten geblieben. Bei der Thronfolge wurde vielmehr in der Regel der alte