Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Das Memorbuch
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 118 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 darf hier keines Nachweises. Jedenfalls umfaßt „Memorbuch" (memoria) nur einen Teil, Almemorbuch aber den ganzen Inhalt des Mb. — Das Wort Almemor ist übrigens aus dem Arabischen herübergenommen und hat sich schon im frühen Mittelalter eingebürgert. Es bezeichnet die Mittelempore der Synagoge, auf welcher alle diejenigen Gebete und Veröffentlichungen erfolgen, welche die gemeinsame Aufmerksamkeit sämtlicher Besucher des Gotteshauses in besonderem Maße erfordern und ist deshalb erhöht. Gerade er ist es, der den jüdischen Bethäusern gegenüber denen anderer Religionsbekenntnisse sein eigenartiges Gepräge gibt. Es ist überaus bedauerlich und fast unverständlich, daß man im vorigen Jahrhundert bei Synagogenneubauten überall gerade diesen Almemor, dieses auf den ersten Blick erkennbare Wahr- Bild 4. Titelblatt des Memorbuches Sulzbaäi (Opf.) zeichen der Synagoge, beseitigte. Es herrschte, so bemerkt Prof. Grotte, offenbar damals das Bestreben bei den maßgebenden Bauherren, das jüdische Gotteshaus denen der Andersgläubigen möglichst anzugleichen und alles zu beseitigen, waö e6 von diesen unterscheidet und ihm seine Individualität gibt. Ich überlasse den Lesern, sich für „Memorbuch", das vielleicht mehr der geschichtlichen Entwicklung gerecht wird, und „Almemorbuch", das scharf den Inhalt und den Zweck des Buches umreißt, zu entscheiden. Ganz nebenbei wurde das Mb., das so enge und dauernd mit dem Wesen der Gemeinde verwachsen war, zur Anbringung von Notizen seitens der Vorbeier benutzt, z. B. von besonderen synagogalen Ortsminhagim und Gelegenheitsgebeten, insbesondere aber auch, und das macht es oft zu historischem Quellenmaterial wichtiger Art, zur Verzeichnung von bemerkenswerten geschichtlichen Ereignissen in der Gemeinde. So erhalten wir dadurch;. B. Kunde, wann der Friedhof oder die Synagoge erbaut oder die alte abgerissen wurde und warum, von vorgekommenen großen Naturereignissen und Bränden usw. Wir bringen hier als Beispiel die Übersetzung einer historischen Notiz aus dem Mb. Baiersdorf. „Im Jahre 5440 der Weltschöpfung (— 1680) herrschte für die Juden in der Markgrafschaft Bayreuth große Not. Denn der Markgraf hatte sich durch Zureden der Landesbewohner zu dem Beschluß bestimmen lassen, alle Juden seines Landes zu vertreiben. Aber der Ewige schläft nicht und schlummert nicht; und wie uns bis jetzt seine Barmherzigkeit beigeftanden, so verließ uns auch jetzt nicht seine Gnade. Er schickte uns seinen Engel in der Person des allseits ruhmvoll genannten Vorstehers, edlen, tatkräftigen Wohltäters, durch Handlung und Gesinnung gefürsteten Ahron Oppenheim aus Frankfurt.a. Main. Er fand Gunst bei dem Markgrafen und verstand es, ihn zur Rücknahme des Ausweisungsbeschlusses zu veranlassen. Er empfange dafür seinen Lohn, möge durch Nachkommenschaft beglückt werden und mit seinen Kindern lange leben in Israel. Amen. Wir haben beschlossen, ihm an jedem Sabbat in allen Synagogen des Landes einen mi sch'berach zu widmen." In der Tat finden wir denn auch das außerordentliche Ereignis, daß in dem sonst nur den Toten gewidmeten Buch ein Ehreneintrag für einen Lebenden erscheint. Ahron Oppenheim ist übrigens Stammvater der Familie Meyerbeer. Einige Aufmerksamkeit ist auch den Titelblättern und der äußeren Ausstattung der Mb. zuzuwenden. Eine große Anzahl besitzt überhaupt kein Titelblatt; in diesen Fällen findet man in der Regel aus gelegentlichen Angaben der Einträge die Heimatgemeinde heraus. Das Titelblatt selbst gibt der Phantasie des Schreibers reichen Spielraum. Manche Schreiber halten es in ganz einfachen Formen; andere wieder wissen durch geschickte Anordnung und Verteilung der Schrift ihren besonderen Geschmack zu betätigen oder auch, wie in dem mehrfarbig ausgestatteten des Mb. Sulzbach (Bild 4), geradezu ein gewisses Kunstverständnis.- Im allgemeinen herrscht, wie wir dies auch bei hebräischen Druckwerken finden, das Bestreben, einen Thoraschrank als Motiv zu wählen und Ornamente und Schrift seiner Gliederung anzupassen. Der Titeltext zeigt die mannigfachsten Variationen. Er ist von lakonischer Kürze oder verbreitet sich in langen Ausführungen über die Bestimmung des Buches, das Anlegungsjahr, die Person des Spenders und des Schreibers (Bild 2) usw. In den meisten Fällen wird für das Mb. Pergament verwendet, was bei solchen für die Ewigkeit und fürständigen Gebrauch bestimmten Büchern das Gegebene ist. Ärmere Gemeinden begnügten sich mit Papier. Auch die innere Ausstattung ist mannigfach. Bei manchen Mbb. begnügt man sich mit der schlichten Aneinanderreihung der Einträge, höchstens daß die Initialen etwas hervorgehoben werden. Andere hinwiederum legen Wert auf besonders schöne, ja geradezu prunkhafte Ausstattung, auf farbige Initialen, Ornamente, Randleisten, Zierbilder. Hier ist z. B. das Mb. Sulzbach zu nennen, das übrigens auch mit silbernen Ecken und Schließen versehen ist. Das noch weiterhin zu erwähnende Mb. der Klaus in Fürth ist geradezu mit pompöser Verzierung ausgestattet. Wir finden in ihm reich mit Silber und Gold verzierte Initialen. Die Memorbücher wurden vielfach von Soferim (Schreibern von Ritualien) auf Vorrat geschrieben und fix und fertig mit dem tradierten Inhalt, allgemeines Martyrologium und Nekrologium und Almemorliturgie, an Gemeinden geliefert; auch das Titelblatt war schon geschrieben. Da nun von manchen Gemeinden diese typischen Mbb. in der Urform belassen wurden und auch nicht die geringsten lokalen Zusätze erhielten, auch das Titelblatt nicht einmal auf den Ort verwies, so ist der Außenstehende über ihre Zugehörigkeit völlig im unklaren. Die Gemeinde Schwabach z. B. besitzt neben ihrem eigentlichen Haupt-Mb. ein zweites von rätselhafter Herkunft. Es gibt Mbb. verschiedener Gemeinden, die gleiche Handschriften aufweisen; sie sind eben vom selben Sofer bezogen. Schon jetzt sind Mbb. vorhanden, von denen man nicht weiß, welcher Gemeinde sie einst zugehörten. Es wäre daher sehr