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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-05-07 · 5 (7.5.1926) · p. Seite 117

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
5 (7.5.1926)
Article
Das Memorbuch
Date
1926-05-07
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 117 meine „Untersuchungen" verwiesen. Wir heben hervor, daß in diesem klastischen, allen Mbb. gemeinsamen Einleitungsteil nur Rabbiner und Gelehrte erwähnt werden, die in deutschen Landen gewirkt. Wenn also hin und wieder ein jüngerer Schreiber Namen wie Maimonides, Kalir oder gar einen Talmudlehrer einfügt, so hat er die tradierte Gepflogenheit der rein deutschen Mbb. nicht erkannt. Eine Reihe von Mbb. hat überhaupt keine neuen Einträge. Die allermeisten aber schließen neue Einträge für verstorbene Gemeindemitglieder an und führen sie bis in die jüngste Zeit fort. Gerade dieser Teil gibt dem Mb. ein individuelles Gepräge und ist oft von unschätzbarem historischen Wert. Wer irgendwie in frommer Weise sich um das Gemeindeleben verdient gemacht hat, wurde eingezeichnet unter Angabe der Verdienste. In manchen Gemeinden — wir nennen Fürth, Pfersee, Schnaittach, Sulzbürg unter vielen — sind daher die Mbb. unerschöpfliche Fundgruben für die Familienforschung. Waren in älterer Zeit diese Einträge von knapper, präziser Form, so bildeten sie sich später oft zu ganzen Biograpbien aus. Ein Mißftand allerdings beeinträchtigt die historische Verwertung bei vielen Mbb. Die Einträge enthalten keine Zeitangaben, so daß man nicht feftftellen kann, in welchem Jahr, ja Jahrhundert, der Betreffende gestorben, zumal, wie oben erwähnt, dieser Teil oft Liften aus altersgrauer Vorzeit übernimmt. Als dritter Hauptteil des Mb. tritt uns der liturgische Inhalt entgegen. Ebenso wie das Memmern der zwei anderen Teile unmittelbar nach Schluß der sabbatlichen Thoravorlesung geschieht, also mit dieser zeitlich verbunden ist, sind in das Mb. alle sabbatlichen Gebete ausgenommen, die die Thoravorlesung umgeben, vom „Ausheben" bis zum „Einheben", in weiterem Verlaufe auch die Gebetftücke im Anschluß an die wochentägigen Thoravorlesungen. Sie alle werden herkömmlich vom Vorbeter auf dem Almemor, der Mittelempore, geleitet. Daher wurden allmählich alle Gebete und Veröffentlichungen, die wegen ihrer besonderen Feierlichkeit aus dem Almemor erfolgten, in das Memorbuch eingetragen. Z. B. l’cho daudi mit anschließenden Psalmen am Freitag abend, außerordentliche Gebete für Kranke, die Megilla- Benediktionen, der öffentliche Bannruf gegen ein Gemeindemitglied, kurzum alle Almemorgebete. Auch zahlreiche Gebete bei Sonderanlässen, die wir hier übergehen wollen, gehören hierher. Dieser Teil ist von ganz besonderer Bedeutung; er erst stempelt das Mb. zu einem wirklichen Gebetbuch von besonderem Typ. Wir haben ja mehrere derartiger besonderer Gebetzusammenftellungen für besondere Anlässe —, im Machsor z. B. für die Feiertage, in der Haggada für die Hausandacht an Pessach usw. Genau so gilt das Mb. für alle Gebete auf dem Almemor, einschließlich der ja auch (nach Maharilö Vorschrift) als wirklicher Liturgieftücke auf dem Almemor zu nennenden besonderen Einträge. Wie wir gesehen haben, wurden gerade durch diese Verbindung die alten Liften vor dem Untergang gerettet. Das Memorbuch ist das einzige Gebetbuch, das auch nach der Einführung des Buchdruckes handschriftlich weitergeführt wurde. Der Buchdruck hat in ganz besonderem Maße dazu beigetragen, die minhagim auszugleichen und zu vereinheitlichen. Demgegenüber hält das Mb. die Individualität des Gemeindeminhags aufrecht. Wir finden da zahlreiche Sonderriten vertreten und oft Gebetsfassungen, die von den jetzt allgemein üblichen sich wesentlich unterscheiden. Und hier dürfte Anlaß gegeben sein, endlich auf den Ursprung und die Bedeutung des Wortes Memorbuch einzugehen. Was bedeutet der erste Bestandteil des Wortes? Was das Wort memmern? Wir übergehen einige abenteuerliche Erklärungsversuche. Unsere alten Glaubensgenossen brachten augenscheinlich, wie die Titelblattaufschriften bezeugen, nahezu einmütig das Wort „memmern" in Beziehung mit dem hebräischen Wort „omar" „sagen". Diese mehr naive Auffassung ist natürlich abzulehnen, schon aus der einfachen Erwägung heraus, daß sonst das Wort Mamorbuch zu lauten hätte. Letztere Erwägung dürfte es auch gewesen sein, die den Schreiber des Mb. Wallerftein veranlaßte, das talmudische „Memar", das gleichfalls „sagen" bedeutet, heranzuziehen. So bildete sich allmählich eine Ansicht heraus, die nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen ist. Man brachte das Wort in Beziehung zu dem lateinischen Worte memoria und erinnerte an die kirchlichen katholischen Memorialbücher, die gleichfalls der Totenehrung dienen. Solche Entlehnungen aus der lateinischen B;vpan:a>io2"Tr!i nrwrÄoiirsoij §| BnDEQT2»ans»i <. H ff'mrcamrc >•'. ST 2NNV2LA21V2L' V': a-ronmaDSinntn!£>(roj?;a’o^raw sfea’oyrßnx* i^fj :^i3’Spnröyi-pj;rwis7> smoi an»p nroya-pj;:» urin» noSmcox " >' ai'^u Bild 3. Titelblatt des Memorbuches Walsdorf (Oberfr.). Sprache hätten Analogien in oren (orare) benschen (benedicere) und leienen (le§ere). Das Wort memor, und daraus gebildet memmern, bezeichnet demnach das Erwähnen der Toten. Wenn wir uns erinnern, daß alle Einträge mit dem Worte jiskor beginnen, das ja mit memor dem Sinne nach korrespondieren würde, so ist diese Ansicht ja nicht zu verwerfen. Sie betont die Totenliften als den Hauptteil des Mb. Eines ist demgegenüber doch zu erwägen. Unsere mittelaltrigen Vorfahren hätten demnach einen ausgesprochenen christlichen kirchlichen Namen, Memorialbuch, in die Sprache der jüdischen Liturgie herübergenommen, was doch einigermaßen zu bezweifeln ist. Die obigen drei Gegenbeispiele sind ganz allgemeiner Art und ahmen nicht spezifisch Christliches nach; daß unseren Vorfahren die Ableitung von memoria niemals, wie wir oben nach den Titelblättern sahen, vorgeschwebt hat, ist zweifellos, braucht an sich natürlich kein Gegenbeweis gegen diese Ableitung zu sein. Ich stelle in meinen Untersuchungen die Möglichkeit einer anderen Erklärung gegenüber. Wir haben das Mb. als Gebetbuch für den Almemor erkannt. In Wahrheit lag und liegt es auch das ganze Jahr hindurch auf dem Almemor, damit es bei gegebener Gelegenheit stets in bequemer Reichweite des Vorbeters ist. Ohne Zweifel deckt daher kein Wort seine Bestimmung so vollständig, wie das Wort Almemorbuch. Diesen Titel fand ich auch auf dem Titelblatt des Mb. Hengftfeld; er findet sicb auch in der jüdischen Literatur der jüngeren Zeit zuweilen und wird sogar in vielen Gemeinden als selbstverständliche Bezeichnung längst angesehen und verwendet. Daß sich Abschleifungen wie Almemor in memor in der volkstümlichen rituellen Sprache öfter finden, be-

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