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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-05-07 · 5 (7.5.1926) · p. Seite 115

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
5 (7.5.1926)
Article
Das Memorbuch
Date
1926-05-07
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 115 denen „Minhagim" immer mehr Fuß. Er hatte für die nichtrheinischen deutschen Gemeinden die Bestimmung getroffen, daß in ihnen an den bekannten zwei Sabbaten nicht zwar die Namen der Märtyrer, wohl aber die Namen der Märtyrer orte zu memmern seien. Diese Pflicht war nicht zu umgehen. Der Vorbeter, der zu gegebener Zeit den Zettel zur Hand haben mußte, kam vielleicht auch in Verlegenheit. Dieser war möglicherweise abhanden gekommen, verlegt, da er das ganze Jahr hindurch außer Gebrauch war, oder unleserlich geworden u. dgl. Man fand es daher in einer immer größeren Anzahl von Gemeinden für überaus praktisch, nach dem Vorbild von Mainz die Märtyrer- und Nekrologlifte, die ja für gewisse Sabbate Pflicht-Gebetftücke waren, wie jedes andere in ein Gebetbuch -einzutragen. Es läßt sich dieser Entwicklungsgang mit absoluter Sicherheit Nachweisen. Die beiden Fürther offiziellen Gemeindememorbücher, der Altschul und der Neuschul (es gibt dort drei von Privatgemeinden), wurden beide im Jahre 1708 oder 1709 angelegt. Sie enthalten aber auf etwa 130 Jahre zurück Einträge für sehr zahlreiche Männer und Frauen mit genauen Sterbetagen und genauen persönlichen Angaben. Wie läßt sich das anders erklären, als dadurch, daß in das endlich eingeführte Mb. die bisher benutzten Listen übertragen wurden? Hier können wir den Beweis noch vervollständigen. Kurz vorher war der dortige berühmte Oberrabbiner Bärmann Fränkel gestorben und hatte letziwillig den Wunsch ausgesprochen, er möchte im Mb. verewigt werden. Vermutlich gab grade dieser Wunsch des allverehrten Rabbiners den Anstoß zur Verwirklichung eines langgehegten Planes. Ebenso beginnen fast in allen Mbb. die Nekrologreihen mit einer Reihe von verdienten Personen der Gemeinde aus altersgrauer Vorzeit, über die selbst mit allen Mitteln der Forschung heute keine Aufklärung mehr zu erholen wäre. In der Erinnerung der Gemeinde sind sie verschollen. Die Nekrologlifte, die in das neuangelegte Mb. einfach übertragen wurde, hatte sie erhalten. Man beobachtet diese Erscheinung besonders auch in den noch im 19. Jahrhundert erstandenen Mbb. Aufklärend wirken hier zwei inzwischen von mir aufgefundene Mbb. Bei der Fertigung des Mb. Wiesenbronn benutzte der Schreiber aus Sparsamkeitsrücksi'chten offenbar das Pergament der bisherigen Lifte als Schlußblatt, das zugleich, wie auch das Titelblatt, als Einbanddecke diente. Klar und deutlich finden wir da in Quadrat- und Kursivschrift eine Anzahl vorerst noch nicht zu identifizierenden Namen aus einem alten Nekrolog. In dem gleichfalls auf Pergament geschriebenen Mb. der seit etwa 20 Jahren aufgelösten Gemeinde Hagenbach hat man sogar das Pergament der alten Lifte in den Text übernommen. Man wischte die alten Buchstaben aus, so gut e6 ging. Die Spuren der verbliebenen Schriftrefte sind aber noch lesbar und siehe da, sie entpuppen sich als Namen von Märtyrern, die in Würzburg bei der eingangs erwähnten Judenverfolgung 1298 gefallen waren. Deutlich sind z. B. die Namen Samuel ben Meir und Ifak ben Peter zu erkennen. Man findet sie bei Salfeld „Martyrologium" S. 193. Aus der Zeit vor 1550 dürfte (vom Mainzer, das ja noch nicht mit Bewußtsein als Mb. in unserem Sinn abgefaßt war, abgesehen) kein Mb. nachzuweisen sein. Erst von gegen 1600 ab taucht eines nach dem anderen auf, anfangs sehr langsam; erst von etwa 1700 ab tritt es seinen Siegeslauf an. 1650— 1750 etwa kann als die klassische Zeit für die Anlage der Mbb. angesehen werden. In Süddeutschland, besonders in Schwaben und Franken, gab es kaum eine kleine Gemeinde, die auf ihre Reputation hielt, welche sich nicht entschloß, sich endlich ein Mb. zuzulegen. Zahlreiche faßten einen solchen Entschluß erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch religiöse Vereine legten sich eigene Mbb. an, so daß in vielen Gemeinden mehrere Mbb. nebeneinander geführt wurden, oder sie stifteten ein solches der Gemeinde. Das Mb. der Gemeinde Schnaittach (1733 angelegt) war dieser z. B. unter Eigentumövorbehalt vom Beerdigungsverein überlassen worden. Sehr oft wurde das Mb. von einem vermögenden Mann bei Lebzeiten gestiftet, z.B. in Sulzbürg, dessen Titelblatt in Bild 2 zu sehen. Die Komposition des Inhaltes ist bei allen Mbb. vollständig einheitlich. Ganz wenige Ausnahmen, die das hergekommene Schema etwas verlassen, fallen nicht ins Gewicht und beruhen auf besonderen Ursachen. Bild. I. Titelblatt des Mb. Knegshaber Drei Hauptteile stehen gleichwertig nebeneinander: 1. der den Märtyrern oder Märtyrerorten früherer Zeit gewidmete (Martyrologium), 2. der verstorbenen Personen wegen besonderer Verdienste um die Gemeinde oder das Gesamtjudentum gewidmete (Nekrologium) und 3. der liturgische Teil. Die Urzelle des Mb., das Martyrologium, gibt gleichsam den Extrakt der LeidenSzeit des deutschen Judentums im Mittelalter. Den alten Glaubenshelden wurde ein Ehrendenkmal im Mb. gewidmet. Die Art, in der es geschah, war ganz einheitlich. Getreu der Vorschrift Maharils (vgl. oben) für nichtrheinische Gemeinden wurden die Märtyrerorte aus den großen Verfolgungszeiten zufammengeftellt und diese an den beiden Sabbaten verlesen. Die drei großen Verfolgungen 1096, 1298 und 1348 — 49 (schwarzer Tod) lieferten den Grundstock dieser Liften. Besonders die letztgenannte hatte dafür gesorgt, daß nur wenige größere deutsche Städte unerwähnt blieben. Es waren damals unter dem unmittelbaren frischen Eindruck des Ereignisses in verschiedenen Städten Sammlungen von Märtyrerorten für den gottesdienstlichen Gebrauch zufammengeftellt worden. In diesen finden wir natürlich in besonderer Gründlichkeit die Orte des eigenen Bezirkes und der benachbarten verzeichnet, während aus ferneren Gegenden die Nachrichten spärlicher in diese Gegenden drangen. Es handelte sich ja um viele Hunderte von Orten. In den fränkischen Gegenden z.B. waren die fränkischen, in den rheinischen die rheinischen Orte mit mehr Namen vertreten. Es entstand damals eine ganz kleine Anzahl von Ortsverzeichnissen, die wir als

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