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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-05-07 · 5 (7.5.1926) · p. Seite 114

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
5 (7.5.1926)
Article
Das Memorbuch
Date
1926-05-07
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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14 Bayerische Israelitische Gemeind ezeitung Nr. 5 den Tod hinzuftellen. Die betroffenen Gemeinden sammelten die Namen ihrer Märtyrer und widmeten ihnen an sabbatlichen Gottesdiensten ein feierliches Seelengedächtnis. Da die erwähnte Verfolgung ein gemeinsames Verhängnis aller rheinischen Iudenorte bildete, ging man einen Schritt weiter und bezog hierbei nicht nur die Märtyrer des eigenen Ortes, sondern auch die der mitbetroffenen Städte ein. Hier bildete sich nun bald ein fester Ritus aus. Das „Memmern" (dieses ist der herkömmliche Namen für diese namentliche Ehrung der Märtyrer; über seine Etymologie s. w.) geschah regelmäßig an den Sabbaten vor dem Schabuothfest und vor Tischoh b'aw. Der letztgenannte ist als Sabbat vor dem größten Trauertag historisch genügend für dieses Trauergedächtnis begründet. Aber auch der Sabbat vor Schabuoth ist als Schlußsabbat der sog. Omerzeit der Schlußpfeiler einer Zeit, die gleichfalls historisch trübe Erinnerung weckt. Jedenfalls wirkt aber mitbeftimmend für die Wahl auch dieses Sabbates zum Memmern (bis in unsere Tage) der Umstand mit, daß die Verfolgung von 1096 in dem Haupt-Omermonat Isar erfolgte und sich in den Siwan hinein erstreckte. Auffallend bleibt, daß gerade der Sabbat vor Schabuoth gewählt wurde, der im allgemeinen doch schon aus der Omer-Trauerzeit herausfällt. Doch gerade hier finden wir neben vielen anderen einen überaus wertvollen Fingerzeig für den Entstehungsort des Memmer-Ritus. Er ist Mainz. Hier fand nämlich die Verfolgung am 3. Siwan, also unmittelbar in der Woche vor Schabuoth, statt. Im nächsten Jahr beging man am Sabbat vor Schabuoth gleichsam den Iahrzeittag und so auch in den darauffolgenden Jahren, so daß sich diese liturgische Usance in der Erinnerung der Gemeinde allmählich zum festen Ritus verdichtete. Rabbiner Jakob levi in Mainz (bekannt unter dem volkstümlichen Namen Maharil), unter dessen Autornamen ein Kompendium der „deutschen" Synagogenliturgie erschien, das wie kein zweites für den „deutschen" Minhag (Ritus) grundlegend wurde, stellt für Mainz den gottesdienstlichen Ritus fest, daß hier an den zwei genannten Sabbaten die Opfer von 1096 zu nennen sind; für die nichtrheinischen gilt diese Bestimmung nicht. An anderer Stelle erweitert er diesen Ritus für alle rheinischen Gemeinden. Die Opfer der Verfolgungen in Worms, Köln und Mainz sind von Salfeld (Martyrologium des Nürnberger Memorbuches, S. 103 — 118) aus dem Mainzer Mb. namentlich aufgeführt. In den nächstfolgenden Jahrhunderten wurde die Märtyrerchronik der deutschen Gemeinden stark bereichert. Wir übergehen die zahlreichen Verfolgungen, durch welche einzelne Orte oder kleine Landstriche heimgesucht wurden und erwähnen vor allem zwei katastrophale, über große Gebiete gehende Metzeleien, welche für die Geftaltungder Mbb. von Bedeutung waren. Im Jahre 1298 begann, auf Grund der Beschuldigung der Hostienschändung, in Röttingen (Unterfranken) unter Führung des Edelmannes Rindfleisch eine Judenverfolgung, die sich durch ganz Franken bis nach Bayern hinein erstreckte. In Berching und Amberg kam sie zum Stehen; 146 blühende Iudengemeinden wurden aufgerieben. Aus Nürnberg sind uns allein die Namen von 628 Opfern überliefert; in Würzburg und Rothenburg o. d. T. ist ihre Anzahl noch größer. Mit größter Gewiffenhaftigkeit wurden bald darauf Listen der Opfer ausgestellt. Die Gesamtlifte ist uns durch das Mainzer Mb. im wesentlichen überliefert. Sie war offenbar in allen fränkischen Orten zum gottesdienstlichen Gebrauch verbreitet. In dem Mb. Hagenbach finden sich von vielen Gemeinden vollständige oder gekürzte Abschriften der Lifte. Auch in Archiven lagern Abschriften einzelner Ortsliften. Alle diese Tragödien aber werden übertroffen durch die Verfolgungen zur Zeit des schwarzen Todes 1348 und 49. Die Juden wurden bekanntlich damals beschuldigt, die Brunnen vergiftet und dadurch die Pest verursacht zu haben. Fast das ganze Deutsche Reich heutigen Umfanges, zum Teil noch darüber hinaus, wurde in einen großen jüdischen Friedhof verwandelt. Gegenüber dem gewaltigen Umfang dieses Unheiles versagte die Möglichkeit, vollständige Märtyrerliften für alle Orte herzuftellen (wenn es auch für einzelne geschah), man mußte sich damit begnügen, für daö synagogale Seelengedächtnis nur Ortsstatt Personenliften auf-. zuftellen; und diese waren groß genug. Aus jener Zeit ist eine ganze Reihe solcher Ortslisten erhalten, die untereinander verschieden sind. Neben diesen Märtyrerliften besaßen die Gemeinden noch Nekrolog listen, d. h. Verzeichnisse von verstorbenen Männern und Frauen, die sich um das Wohl ihrer Gemeinde bei Lebzeiten Verdienste erworben hatten; insbesondere von Rabbinern, Lehrern, Gemeindevorstehern und Testatoren zugunsten frommer und wohltätiger Einrichtungen. Vor allem auch wurden hier verstorbene Größen ausgenommen, deren Ruhm in deutschen Landen erklang, auch wenn sie nicht der Mb.-Gemeinde angehörten. Indem ihre Namen zu gewissen Zeiten-öffentlich beim Gottesdienst verlesen wurden, wußte man ihr Andenken immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und zu ehren. Das Memmern dieser Listen geschah nicht nur an den obengenannten zwei Sabbaten, sondern in der Regel allsabbatlich, soweit nicht der religiöse Kalender hier Einschränkungen gebot. In manchen Orten wurde auch die Nekrologliste nur an obigen zwei Sabbaten gememmert. Auf jeden Fall wurde aber an den Sabbaten nicht jedesmal aller Namen des Nekrologiums gedacht, sondern nur einer kleinen Anzahl im wechselnden Turnus, etwa drei. Für beide Arten von Liften bestand eine große Gefahr. Sie mußten im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte ihres Gebrauches unansehnlich und abgenutzt werden. Es kam hinzu, daß auch notwendigerweise allmählich die Namen aus altersgrauer Vorzeit immer mehr in der Erinnerung der Zeitgeschichte verblaßten und aus dem Kreise des Interesses schwanden; man stand ihrer Verlesung in kleinen Orten verständnislos gegenüber. Schließlich legte man sie wohl auch beiseite und sie gingen verloren. So kommt es, daß von den alten Märtyrerliften sich bis in unsere Zeit nur wenige, oft nur Bruchstücke von ihnen, erhalten haben. Hier trat nun ein vollständiger Umschwung zum Besseren ein, als im Jahre 1296 Isak ben Samuel aus Meiningen anläßlich der Einweihung einer Synagoge in Mainz ein Buch anlegte, in welches nicht nur die Opfer von 1096, von 1298 und der folgenden Jahrzehnte bis zur Zeit des schwarzen Todes mit zahlreichen Orts- und Länderliften eingetragen wurden, sondern auch gleich von Anbeginn an eine Nekrologlifte, die dann fortlaufend ergänzt wurde. Was aber eine ganz außerordentliche Neuerung bedeutete, war der Umstand, daß der Schreiber einige Stücke der synagogalen Liturgie zum gottesdienstlichen Gebrauch einfügte. Dieses verursachte eine vollständige Wandlung in der Memorliteratur. Aus einer Lifte war damit, ein Memor buch geworden und dieser Umstand allein war es jedenfalls, der es im Gegensatz zu allen anderen ähnlichen Sammlungen der alten Zeit bis in unsere Zeit erhalten hat. Nach dieser notwendigen, etwas ausführlichen Einleitung wenden wir uns nun den Memorbüchern zu, wie sie sich schematisierten und sich langsam in die deutschen Gemeinden einführten. Es vergingen etwa 200 Jahre nach Entstehung des Mainzer Memorbuches, bis ihre eigentliche Geburtsftunde schlug. Nach Maharils Tod faßten seine für den deutschen Ritus bald maßgebend gewor-

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