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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-04-02 · 4 (2.4.1926) · p. Seite 96

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
4 (2.4.1926)
Article
Die Tagung des Verbandes
Date
1926-04-02
Page
Seite 96 (sequence 4)
Language
German
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96 Vayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Ausdruck zu bringen, daß wir ihm in gleicher Weise zu danken verpflichtet sind, wie die übrigen Parteien. Damit will ich nicht sagen, daß wir deshalb unbedingt zu allem ja sagen müßten, was uns von der Verbandsleitung oder dem Schatzmeister vorgeschlagen wird. Wir haben in den fünf Jahren den Beweis erbracht, daß wir für alle diejenigen Dinge, die uns gemeinsam am Herzen liegen, zu haben sind. Wir gehen in manchen unseren Forderungen darüber hinaus. Hinsichtlich der Wanderarmenfürsorge fordern wir produktive Armenfiirsorge. Wir haben es daher besonders begrüßt, daß schon im vorigen Jahre der soziale Ausschuß tätig war und daß ein Wohlfahrtsamt des Verbandes eingerichtet wurde. Wir haben durchaus Verständnis dafür, daß man heute nur mit großer Vorsicht mit Wünschen an den Verband herantreten kann. Wenn wir aber Wünsche äußern, so entspringen sie wirklicher Dringlichkeit. Wir müssen alles daran setzen, um produktive Wohlfahrtspflege zu treiben. Wir freuen uns deshalb, daß man für eine Haushaltungsschule Beträge einsetzt. Vor allem liegt uns die Zukunft unserer Jugend am Herzen. Ich habe als Lehrer mit langjähriger Praxis Gelegenheit zu beobachten, daß gerade in unseren Kreisen auch solche Jugend in Mittelschulen hineingesteckt wird, die dort nach ihrer ganzen Veranlagung nichts zu tun hat. Wir Juden haben leider eine große Menge von Existenzen, die in der Ausbildung stecken bleibew und sich und anderen zur Last werden. Es muß daher versucht werden eine Berufsumschichtung herbeizuführen. Nennenswerte Erfolge im Handwerk und in der Landwirtschaft find bereits erzielt worden. Diesem Gebiete sollte auch seitens des Verbandes erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet werden. So nur wird man allmählich zu einem Abbau der Wanderarmenfürsorge kommen. Wir haben deshalb auch unsere besonderen Wünsche zum Sozialetat in dieser Richtung vorgebracht. Es sind greifbare Ziele, die wir verfolgen. Wenn wir auch Zukunftspolitik treiben, so bin ich doch davon überzeugt, daß unsere paktischen Vorschläge von allen Parteien verstanden und gebilligt werden. Ich halte es für erforderlich daß wir einen Erziehungsausschuß des Verbandes einfetzen, der diese Fragen einer eingehenden Prüfung unterzieht und dem Verband greifbare Vorschläge unterbreitet. Je schwerer die wirtschaftlichen Verhältnisse sind, um so ernster müssen wir daran denken die letzten Kräfte herauszuholen und unsere Mittel nicht zu verschleudern. Lehrkurse in der Landwirtschaft und im Handwerk sind notwendig. Infolgedessen müssen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Bei dieser Arbeit können Früchte gezeitigt werden, die weit über das hinausgehen, was man jemals mit den bisherigen Methoden der Wohlfahrtspflege erreichen konnte. Wir bitten daher, die von uns beantragte Position mit M. 1500.— zu genehmigen. Oberlehrer Stoll (Würzburg): Ich möchte namens meiner politischen Freunde der Verbandsleitung danken und unsere Anerkennung aussprechen. Ich bin in der angenehmen Lage mich den Ausführungen des Herrn Vorsitzenden der liberalen Fraktion voll anschließen zu können. Ich will an den einzelnen Positionen nicht rütteln. Wir begrüßen es, daß die kulturellen Anstalten in erster Linie bedacht sind. Dem Präsidium des Verbandes möchten wir unseren besonderen Dank dafür aussprechen, daß unser Verbünd, begründet in einer Zeit der Not, in kurzer Zeit seine Verhältnisse geregelt hat, wie kein anderer deutscher Verband. Diese Tatsache soll benüA werden, um auch den anderen Landesverbänden nahezulegen, die Reichsanstalten in dem Maße zu bedenken, wie der bayerische Verband dies tut. Besonders begrüßenswert ist es, daß im Etat zum ersten Male Positionen für Stipendien eingesetzt wurden. Es war dies eine Notwendigkeit, da Lehrerseminar und Präparantenschule nicht mehr wissen, wie sie die hereinströmenden Schüler, die zum größten Teil aus unbemittelten Familien stammen, verpflegen sollen. Wünschenswert wäre, die Stipendien zu erhöhen, sobald die Verbandsmittel dies gestatten. Rabbiner Dr. Hanooer (Würzburg) stellt auf die Anfrage Dr. Ostreichs fest, daß nach dem Statut des Lehrerseminars das Kuratorium nur aus Angehörigen der streng gläubigen Richtung zusammengesetzt sein dürfe. Diese Bestimmung sei in dem Statut der Stiftung verankert, das offenbar in einer Zeit geschaffen worden sei, in der die Parteien noch nicht so friedlich beieinandergesessen wären, wie dies heute der Fall ist. Die Bestimmung bestehe und sei unabänderlich, da andernfalls die das Seminar bildende Stiftung sich auflöfen mühte. Auch er und feine Freunde hätten die Erkenntnis gehabt, daß diese Bestimmung unter den heutigen Verhältnissen im Lande nicht mehr erträglich sei. Es sei deshalb durch Beschluß des Kuratoriums neben dem Kuratorium ein Beirat von vier Personen geschaffen worden, dem auch nichtorthodoxe Mitglieder angehören dürsten, so daß jederzeit weitere Mitglieder zum Kuratorium hinzugezogen werden könnten. Es sei dies der einzige Ausweg gewesen, um den von Dr. Ostreich zum Ausdruck gebrachten Bedenken entgegenzukommen, die er auch für seine Person geteilt habe. Oberlehrer Dingfelder (München) gibt noch bekannt, daß der Bewilligungsausschuß ein Gesuch des Kuratoriums der Präparandenschule Burgpreppach abgelehnt habe, da die seit 60 Jahren bestehende Anstalt, die früher Hervorragendes geleistet hätte, aus hier nicht zu erörternden Gründen in den letzten Jahren in Verfall geraten sei und nicht mehr erhalten werden könne. Die Anstalt sei zur Zeit ohne Leiter und Lehrer. Der Bewilligungsausschuß habe deshalb nicht geglaubt, das Gesuch befürworten zu können. Dr. Landenberger (Nürnberg) beantragt in erster Linie sämtliche Abänderungsanträge, die auf Erhöhungen der Ausgaben hinauslausen, abzulehnen, bittet jedoch für den Antrag Dr. Bamberger zu stimmen. Es fei eine vordringliche Ausgabe der deutschen Juden, Stipendien für Landwirtschaft und Gewerbe zu schaffen. Redner verweist darauf, welche Maßnahmen in dieser Richtung vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten in die Wege geleitet seien. Rosenzweig (Nürnberg) erklärt sich grundsätzlich mit diesen Bestrebungen einverstanden. Trotzdem bittet er einen Betrag hierfür in dies Budget noch nicht einzusetzen. Man solle erst zuwarten, bis man einen besseren Überblick über die Steuereingänge gewinnen könne. Wenn die verfügbaren Mittel ausreichen würden, werde man allen Wünschen nach Möglichkeit weiterhin Rechnung zu tragen suchen. Auf Antrag IR. Dr. Erlanger (Nürnberg) wird der gesamte Etat ohne Abänderung en bloc einstimmig angenommen. Rosenzweig (Nürnberg): Der Ihnen eben vorgelegte Etat geht von der Voraussetzung aus, daß, wie im Vorjahre, drei Prozent Umlagen aus den direkten Steuern für 1926 erhoben werden und zwar sowohl im rechtsrheinischen Bayern, wie in der Pfalz. Ich darf wohl annehmen, daß die Tagung ebenso wie der Rat mit dieser Umlage einverstanden ist. Es würde dann ein rechtsgültiger Steuerverbandsbeschluß vorliegen. Es wird durch den Vorsitzenden festgestellt, daß eine Umlage von drei Prozent der direkten Steuern für das Jahr 1926 einstimmig gebilligt wird. IR. Dr. Dreifuß (München): erstattet alsdann Bericht des Reoisiionsausfchusses, der alle Rechnungen und Belege in Ordnung befunden hat. Bezüglich der Darlehen habe sich der Reoisionsausschuß durch Stichproben von der Würdigkeit der Darlehensempfänger überzeugt, ihre Zahlungsfähigkeit hingegen nicht nachprüfen können. Er beantragt dem Rechnungsführer Entlastung zu erteilen und nimmt seinerseits gerne Veranlassung, der mustergültigen Führung der Bücher seine Anerkennung auszusprechen. Oberstlandesgerichtsrat, Prof. Dr. Silberschmidt (München) läßt auf Grund des Revisionsbeschlusses darüber abstimmen, ob der Verbandsleitung und dem Rechnungsführer Entlastung erteilt werden soll. Der Antrag des Revisionsausschusses wird einstimmig angenommen. Alsdann werden auf Antrag des Verbandssyndikus die seit der letzten Tagung gefaßten Beschlüssen des Ständigen Ausschusses der Tagung auf Gewährung eines Darlehens an die Gemeinde Weiden und die Übernahme einer Bürgschaft für die Israelitische Iugendhilse München e. V. mit Stimmeneinheit nachträglich genehmigt. Der Vorsitzende, der vor allem auch dem Schatzmeister Rosenzweig für seine vorbildliche Tätigkeit herzlichst gedankt hatte, schließt hierauf die Sitzung. Die Sitzung findet am Montag, vormittag um 9 Uhr ihre Fortsetzung.

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