Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (2.4.1926)
- Article
- Eine ernste Frage
- Date
- 1926-04-02
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 91 mit einer ganz falsch verstandenen Liebe zu den Kindern zu verderblicher Wirkung. Es ist richtig, der Kampf deS Lebens ist schwer und eine größere Zahl von Kindern legt den Eltern eine nicht geringe Bürde an Sorgen und Mühen auf. Aber eben so wahr ist es, daß nicht minder groß ist die Selbstsucht der Menschen unserer Tage, die sich das Leben nur als Genuß und Vergnügen vorstellen können, die eine Menge eingebildeter Bedürfnisse für Notwendigkeiten halten, die da sich belasten mit einer Unsumme überflüssiger gesellschaftlicher Pflichten und konventioneller Steuern, die gleißnerischen Schein und wertlosen Flitter nicht entbehren können, die unter der Last solcher von selbst auf sich genommener Pflichten seufzen und darum in der Absicht, sich das Leben zu erleichtern, den Hebel an einer Stelle ansetzen, wo er eben nicht angesetzt werden darf. Die Unsumme an Geld, Zeit und Kraft, welche die Befriedigung solcher Scheinbedürfnisie erheischt, würde wahrlich bei mäßigen Ansprüchen und vernunftgemäßem Leben vollauf genügen, eine doppelt so große Familie anständig zu ernähren, zu erziehen und sich damit eine Summe von Luft, von Freude und Genugtuung zu sichern, die nicht nur eine Scheinbefriedigung des Augenblicks ist, sondern eine das ganze Leben währende Quelle reinster Beglückung darstellt. Wer einmal die ganze Kette von Freuden und Momenten der Befriedigung kennen gelernt hat, die das Aufblühen, das Wachsen und Gedeihen eines werdenden Menschen für Vater und Mutter tatsächlich ist, wer unvoreingenommen zu prüfen versteht, welches Glück darin gelegen ist, daß wir durch unsere Kinder uns verkettet wissen mit der Zukunft aller Zeiten, wer jemals darüber nachgedacht hat, worin wahres Glück zu suchen ist, ob im sinnlichen, egoistischen Genuß oder in dem Bewußtsein, daß wir für andere da sind, für andere sorgen, in dem Glück anderer, in dem Glück unserer Kinder, das wir stiften, selber Glück genießen, der wahrlich wird den Egoismus seiner Seele abftreifen, der wird die Mühe, die Sorge und die Bürde nicht scheuen, die die Ernährung und Erziehung der Kinder verursacht, der wird gerne auf das krankhafte Bewußtsein einer auf äußeren Glanz berechneten Rolle verzichten, die er in der von künstlichen Bedürfnissen erfüllten Gesellschaft unserer Tage spielt, der wir den Verzicht sinnlicher Vergnügen und materieller Befriedigung gerne leisten. Er weiß, daß in einem anderen Garten deö Lebens seine Freuden blühen; er weiß, daß das süße Lächeln eines jugendlichen Goldkopfes ihn entschädigt, daß er reichlich belohnt ist für seine Mühen, wenn seine Kinder sich um ihn scharen, bonecho kisch’silo sesini soviv l’schulchonecho, und den Tribut des Dankes in Zärtlichkeit und Treue zahlen, wenn er mit der aufwachsenden Jugend wieder selbst jung wird, wenn er in jedem neuen Exemplar aufblühenden, sich entwickelnden Lebens immer wieder Iugendluft, Iugendwonne genießt und selber niemals altert. Und sollten wir nicht auch den Umstand erwägen, daß Eltern einer zahlreichen Kinderschar, die sich bewußt sein dürfen, im Einklang geblieben zu sein mit dem, was Natur, Sittlichkeit, Menschlichkeit und Religion fordert, viel weniger hart getroffen werden, wenn deö Todes rauhe, kalte Hand in ihren Bereich eingreift, als solche, die von Schuld sich nicht frei wissen und bei dem Eingreifen deö Todes, der ja auch die frühe Jugend nicht schont, auf einmal alles verlieren und jede Hoffnung auf die Zukunft zerstört erblicken? Gewiß, nicht immer ist eö Selbstsucht, Egoismus, der die eigenen Mühen, Sorgen und Plagen erwägt, die die Menschen unserer Tage in Widerspruch setzen mit Natur und Sittlichkeit, mit Menschlichkeit und religiösen Anforderungen; oft genug ist es eine — freilich wie wir zeigen werden — falsch verstandene Liebe für ihre Kinder. Durch die Konzentration aller ihrer Sorgen und Mühen auf eines oder das andere Kind soll diesem Kinde künftig der Kampf des Lebens erleichtert werden; die Tatsache, daß sie all ihr Erarbeitetes dem einen Kinde zuweisen können, soll diesem selber die Möglichkeit gewährren, ohne Schwierigkeiten die Pfade seines Lebens zu wandeln. Chilufe d’vorim ani raueh „Verkebrtheiten der Auffassung bemerke ich hier" würde auch in diesem Falle der Philosoph des Talmuds auszurufen geneigt sein. Liegt denn des Lebens Glück etwa im äußeren Besitz allein oder liegt des Lebens Glück im äußeren Besitz überhaupt? Und wer würde denn eine Garantie dafür leisten, daß dieser äußere Besitz uns und unseren Kindern auch verbleibt? Galgal chauser boaulom Ein Rad wälzt sich durch das Leben. Es ist das Glück. Wer heute oben steht auf dem Rad, liegt morgen unten. Wenn aber dein Kind als einziges durch deine falsch verstandene Fürsorge, durch deine Verzärtelung und Verhätschelung, durch das Bewußtsein, daß es keine Sorge zu haben braucht, den Kampf des Lebens in der Jugend gar nicht kennen gelernt hat, wenn es in der Tat ein kraftloses und energieloses Produkt deiner falschen Liebe geworden ist, wenn es im Bewußtsein seiner vermeintlich lachenden Zukunft nicht gelernt hat, sich zu mühen, zu arbeiten, zu kämpfen, im Schweiße seines Angesichtes sein Brot zu verdienen und zu essen, wird es alsdann beim plötzlichen, unerwarteten Angriffe des Lebens nicht zusammenbrechen, als ein schwankes Robr und wird deine falsche Sorgfalt dein Kind dann nicht erst recht unglücklich gemacht haben? Und bedenket doch noch eines! Welcher heilsame Erziehungseinfluß geht dem Kinde verloren, das ohne Geschwister heranwächft! Geschwister lernen das Gefühl der Gleichheit der Ansprüche, das Gefühl der Liebe und Gerechtigkeit durch das Verhältnis zu einander in frühester Jugend schon durch das lebendige Beispiel. Gleichheit, Brüderlichkeit, Friedlichkeit sind Tugenden, die im Verhältnis der Geschwister sich von selbst ergeben. Aber auch der Sinn der Mäßigkeit, des Sichbescheidens, der Sinn der Rücksichtnahme erblüht auf dem Boden der zahlreichen Familie. Dem allein heranblühend-en Kinde eignet oft genug ein Geist der Rücksichtslosigkeit, ein Geist der Herrschsucht, ein Geist der Selbstgefälligkeit, ein Geist der Maßlosigkeit und der unberechtigten Ansprüche. Es braucht ja nicht immer so zu sein; aber die Gefahr liegt nahe und nicht umsonst hat die Volksseele ein Sprichwort herausgebildet, das einzige Söhne und Töchter nicht immer als empfehlenswert erscheinen läßt in der Verbindung mit anderen. Sicher mag das übertrieben sein. Aber die Gefahr ist eine begründete, daß einseitige Erziehung und Bildung sich beim Mangel an Geschwistern ergibt. Das sind Gefahren, die der sittlichen Ausbildung deö Kindes drohen! Wäre es überflüssig, auch von den gesundheitlichen Gefahren zu sprechen, die dem allzu sorgsam gehüteten einzelnen Kinde erstehen in der Überängstlichkeit seiner Eltern, die es beinahe absperren und fernebalten von jeder Gelegenheit, die seine Kraft und seinen Mut, seine Gesundheit und seine Entwicklung zu fördern geeignet ist, von den gesundheitlichen Gefahren, die den Eltern drohen, gar nicht zu reden, wie wohl ein Teil der Gereiztheit und Nervosität unserer Tage in dieser tief beklagten Übung sicher ihren Grund hat. Es gibt noch eine Seite der Betrachtung, die sich uns bei der