Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (2.4.1926)
- Article
- Eine ernste Frage
- Date
- 1926-04-02
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Behandlung dieser Frage aufdrängen muß. Es ist dies der Mangel an Liebe für die Gesamtheit, der wir angehören, der Mangel an Gemeinsinn, den wir unserer Volks- und unserer religiösen Gemeinschaft schulden. Nicht in totem Geld und Gut und äußeren Schätzen liegt das Glück und der Reichtum eines Volkes eingeschlossen; nein, es liegt besiegelt und geborgen in dem nicht hoch genug anzuschlagenden Überfluß an Menschen. Tausendfach und millionenfach ziehen sich die Fäden unserer Gegenwart in die Zukunft und verknüpfen dieselbe zu einem einheitlichen Bestände, gewiffermaßen zu einer ewig dauernden starken Persönlichkeit. Aber diesem Egoismus der Lebensauffassung gilt nicht das Wohl des Ganzen, das Glück der Gesamtheit. Die Umwertung der Begriffe ist durch unsere Scheinkultur so rasch erfolgt, daß, während kaum einige Jahrzehnte zurück eine Mutter mit zahlreicher Kinderschar als besonders glücklich und verehrungswürdig galt, dieselbe heute nur zu leicht einem überlegenes gutmütigen Spotte begegnet. Esclith’cho k'gefen paurioh b’jark’se besecho, „Dein Weib ist wie ein fruchttragender Weinftock in den innersten Räumen Deines Hauses" ist leider nur noch ein Ideal der Vergangenheit. Meine Andächtigen! Ob wir uns einer solchen Kultur freuen können, ob wir stolz sein dürfen auf einen solchen Fortschritt und solche Entwicklung? Ob der Menschheit, ob dem Judentum die Tatsache der Selbftentleibung zur Ehre gereicht? Ob sie nicht ein Verbrechen darftellt gegenüber sich selbst und unserem Volke? Ob es uns nicht entsetzen muß, wenn wir erwägen, daß das, was Marter und Verfolgung, Knechtung und Peinigung, Mord und Totschlag in Jahrtausenden nicht erreichen konnten, wir selber verwirken in Verblendung und Selbstsucht? „In jedem Geschlecht stehen sie wider uns auf, aber der Heilige, gelobt sei er, rettet uns aus seiner Hand." Es ist das Fest der Freiheit, das wir feiern; von der körperlichen Freiheit weist es hin zur geistigen Freiheit. Sollten wir uns nicht frei machen, sollten wir nicht auch die Sklavenketten von uns schütteln, in die uns eine falsche Kultur, eine traurige Lebensauffassung hineingeschmiedet hat? Sollten wir nicht zurückzukehren wünschen zu natürlicher, sittlicher, religiöser Lebenöauffassung, zu den richtigen Begriffen von Glück und Segen? Es könnte scheinen, als ob wir durch unsere Betrachtung zum Propheten des Pessimismus geworden wären, der da finster sieht und an der Zukunft verzweifelt. Das sind wir aber nicht. Uns ist nach dieser Richtung das Pessachfest eine Quelle des Gottvertrauens. Im chaudesch hooviv sprießen aus der während des Winters einem Leintuch gleichenden Oberfläche der Erde wieder die neuen frischen Triebe und Keime hervor, das Auge erfreuend, das Herz entzückend; sie sind uns eine Parallele, eine Vertrauen weckende Parallele zu dem Leben der Menschen, zu dem Leben unserer Gemeinschaft. Wir gedenken der Worte des Propheten Iesaias, der auch beim schlimmsten Unglück seines Volkes nicht den Mut verlor, der vielmehr verkündete, >v'aud je5cb boh assirioli w’schovoh w’hojsoh Ivoe’r koeloh w’choalaun ascher b’sclialecbes mazeves boh sera kaudesch mazavtho „Und noch immer ist ein Zehntel vorhanden, das wieder zu frischem Leben gelangt, wie eine Eiche und eine Terebinthe, die, wenn ihre Zweige abgeschlagen werden, noch immer einen Stamm hat; ein heiliger Samen ist dieser Stamm." Wir sagen uns, gerade diejenigen, die den Lebenskampf am meisten spüren, die am schwersten zu ringen haben, sind von solcher Giftanschauung noch nicht erfüllt. Wir sagen uns, wer seinen Gott liebt und seinen Thora versteht, der kann nicht verfallen in solchen Irrtum. Und darum rufen wir nicht etwa, wie der Philosoph des vorigen Jahrhunderts in unserem Nachbarlande nur aus: „Zurück zur Natur!" Nein, wir rufen vor allem mit dem Propheten: l’Thauroh w’iith’udoh, Auf zur Thora, auf zur Bezeigung eurer wahren menschlichen Bestimmung!" Vollständig verhallt ist dieser Ruf noch in keinem Geschlecht; er hat immer wieder Eindruck gemach tund Wirkungen gezeitigt; möge er es auch diesesmal tun! Amen. pesach — Lin Mahnruf ans berz Alle Feste, welche wir begehen, mahnen uns immer mehr oder minder, unserer unglücklichen Glaubensgenossen zu gedenken, allein keines wendet sich so eindrucksvoll an unser Herz, wie das Pesach- oder Befreiungsfest, wenn wir seine Geschichte näher ins Auge fassen. Wir lesen in der heiligen Schrift, in dem Buche, in welchem die Geschichte der Befreiung Israels uns erzählt wird, daß Moses die Stimme Gottes vernahm, in der ausgeführt wurde: ich habe gehört das Seufzen der Kinder Israels, ich werde euch der Last der Ägypter entziehen, ich werde euch aus deren Dienstbarkeit erretten und euch erlösen usw. Die Gedanken, welche diesen göttlichen Verheißungen zugrunde liegen, sollen auch uns die Grundlagen für unser Tun und Lassen bilden. Ein Weiser macht uns auf die Steigerung der göttlichen Teilnahme für sein bedrängtes und leidendes Volk aufmerksam; die Erhörung, die Errettung und die Aneignung. Diese drei Stufen entsprechen den Anforderungen bzw. den Bedürfnissen des Leidenden und zeigen, wie die Hilfe beschaffen sein muß. Zunächst die Anteilnahme, alsdann die Rettung und die Fürsorge. Dies Vorbild, das uns die Schrift zeigt, soll auch uns stets vor Augen schweben und von uns beherzigt werden. Die Not und das Elend unserer Zeit ist mehr denn je zuvor dazu angetan, das Mitleid, die Barmherzigkeit in uns wachzurufen. Wir hören das Seufzen unserer Brüder und Schwestern, allein wie oft fehlt die Verbindung zwischen Mitgefühl und dem Willen zur hilfreicher Tat! Wie vieler Anregungen, wie vieler Aufforderungen bedarf es oft, uns aus der Trägheit aufzuraffen; wie oft bemerken wir, wenn zur Hilfeleistung aufgefordert wird, ein Zögern, ein Hinausschieben. Wie schön ist das Symbol, das uns die Schrift im Gegensatz hierzu bietet! Es heißt da, daß das Pefachopfer in Eile verzehrt werden soll. Welch prächtige Andeutung, daß dem Leidenden, dem Hilfesuchenden nicht mit dem Mitleid, mit dem guten Willen gedient ist. Von der Gnade des Allmächtigen heißt es: „Bevor sie mich anrufen, antworte ich, ehe sie noch ausgesprochen, habe ich sie schon erhört", eine Lehre, welche dem Menschen so recht ans Herz zu legen ist. Wir leben in einer schweren Zeit, der Reichtum ist bei einem großen Teil unserer Mitmenschen verschwunden, die Sorge um das Alltägliche, um das Nötigste nimmt immer größeren Umfang an, und die Anstalten und Institutionen, welche der Wohlfahrtspflege gewidmet sind, stehen häufig vor der traurigen Lage, die Bedrängten ohne Hilfe lassen zu müssen. In einer solchen Zeit sollten wir die Lehre des Pesachfeftes doppelt beherzigen. Edle Vorsätze und Entschlüsse sollten nicht nur gefaßt werden, sie sollten auch raschestens zur Ausführung gelangen. Der Erhörung soll die Errettung auf den Fuß folgen! Amitai.