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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-03-17 · 3 (17.3.1926) · p. Seite 64

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
3 (17.3.1926)
Article
Protokoll
Date
1926-03-17
Page
Seite 64 (sequence 8)
Language
German
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64 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 reichte ein wenig bei ihnen wecken und werde doch nicht in den Verdacht einer unzulässigen optimistischen oder selbstgefälligen Wertung kommen, denn die Aufmachung, die ich Ihnen jetzt geben will, rückt alle wirtschaftlichen und moralischen Ergebnisse ins Dunkel, sie ist niederschmetternd und vernichtend zugleich. Was nützt alle seelische und geistige Kraft, die wir aufbringen, wenn sie einem nicht mehr lebensstarken Körper zugeführt wird? Die Zahlen der Bilanz für Bevölkerungsbewegung führen eine Sprache, hart wie Stahl. In den Jahren 1910 bis 1925 ist das allgemeine Wachstum nur gering gewesen. Die bayerische Bevölkerung hat um 7 Prozent zugenommen, die jüdische ist ungeachtet der allerdings nicht erheblichen Zuwanderung um 10^ Prozent zurückgegangen. Diese Bevölkerungsminderung drückt sich in allen Regierungsbezirken in gleicher Weise aus. Die Bevölkerung ist gesunken in Oberbayern von 11652 i. I. 1910 auf 10 790 i. I. 1925 Niederbayern von 468 i. I. 1910 auf 348 i. I. 1925 Pfalz von 8 710 i. I. 1910 auf 7 868 i. I. 1925 Oberpfalz von 1395 i. I. 1910 auf 1181 i. I. 1925 Oberfranken von 2 946 i. I. 1910 auf 2 544 i. I. 1925 Mittelfranken von 14 219 i. I. 1910 auf 13 719 i. I. 1925 Unterfranken von 11 925 i. I. 1910 aus 9 879 i. I. 1925 Schwaben von 3 462 i. I. 1910 auf 2 834 i. I. 1925 insgesamt von 54 777 i. I. 1910 auf 49163 i. I. 1925 In den einzelnen Gemeinden ist eine Mehrung zu verzeichnen in Nürnberg von 7800 auf 8600 Ludwigshafen von 780 auf 1240 Pirmasens von 577 auf 651 Kissingen von 307 auf 504. Die Bevölkerung hat sich vermindert in München Gesamtgebiet von 11500 aü München Stadt von 11080 au 10 700 10 070 972 Bamberg von 1181 Burgkundstadt von 103 Erlangen von 224 au 161 Fürth von 2 800 au 2 500 Marktbreit von 213 auf 164 Würzburg von 2 510 auf 2 260 Augsburg von 1217 auf 1203 Buttenwiesen von 148 auf 98 Jchenhausen mit Neu-Ulm von 533 auf 432 Kempten von 91 aus 56 Nördlingen von 314 auf 233. Wir wissen, daß die Minderung der Bevölkerung nicht aus eine Erhöhung der Sterblichkeit, sondern auf die Minderung der Geburten zurückzuführen ist. Und wenn wir nach den Gründen für diese Bewegung suchen, so treten uns mancherlei Umstände entgegen, die einer Bevölkerungsmehrung ungünstig find: die Auswanderung, die Wanderung vom Lande in die Stadt, die schweren wirtschaftlichen Verhältnisse, die allgemeine politische Lage, ein gesteigerter Intellektualismus. Und als Mittel zur Abhilfe kennen wir genugsam aus der Geschichte: die Rückkehr zum Lande, die Begünstigung der Kinderreichen, die Hebung der Wohnungsnot. Aber all diese Gründe liegen auf der Oberfläche, und alle diese Mittel bringen vielleicht Linderung, aber keine Hebung. Wir wollen das Problem im Grunde packen: Es fehlt der Wille zum Leben. Der Mangel dieses Willens als Zeiterscheinung tritt auch in weiten anderen Teilen des Volkes hervor, aber stets hat es sich gezeigt, daß moderne Bestrebungen kultureller Art, gute und mißgeleitete Bestrebungen, bei den Juden ihren stärksten Ausschlag gefunden haben. In feierlicher Weise, wie es die Stunde gebietet, wende ich mich an unsere Frauen: Bei euch liegt die Zukunft unseres Stammes. Möge euer mütterliches Verhalten unseren Stamm retten und in die Jahrhunderte weitertragen. Es ist nicht nötig, daß wir leben und daß wir im Wohlstand leben, wenn nur die Kinder leben. Möge die blühende, kinderreiche Famllie wie in alten Zeiten den Stolz und die Ehre des jüdischen Hauses bilden! Möge die jüdische Renaissance, von der wir heute sprechen, und unter der wir das Wiedererwachen des religiösen Geistes, die jüdische Selbstbestimmung verstehen, möge diese Bewegung der Wiedergeburt an ihren Namen und dessen eigentlichste Bedeutung anknüpsen und uns die Lebenskraft wieder verschaffen, ohne die eine Gemeinschaft nicht bestehen kann! Wenn ich so den Verlust aufgedeckt habe, der die Wurzeln unserer Kraft, die Bedingungen unseres Daseins berührt, und wenn Ihnen dieser gewaltige Fehlbetrag vielleicht unerwartet gekommen ist, so gelange ich nunmehr zu dem, was in Ihrer aller Herzen geschrieben ist und Ihre Seele aus das Tiefste bewegt und nach Äußerung ringt: die Stellung unserer Gemeinschaft im deutschen Vaterlande. Vor mehr als drei Jahren haben wir im alten Rathaus in München eine programmansche Kundgebung erlassen, die in ihrem tiefen Ernst mächtig ins Land hinausgegangsn ist und deren Eingang lautet: „Die jüdische Bevölkerung bekennt in den Tagen der Not ihren unauflöslichen Zusammenhang mit dem deutschen Vaterlande und der bayerischen Heimat" und die mit dem Bekenntnis endet: „Das Wohlergehen des Vaterlandes ist unser Schicksal." Lassen Sie mich heute rein persönlich und gefühlsmäßig über das Verhältnis der beiden Kulturkreise sprechen. Was dankt das deutsche Judentum dem Vaterlande? Es dankt ihm feine beherrschende geistige Stellung in der jüdischen Welt. Die Vermählung mit der deutschen Kultur hat dem Judentum die Formen gegeben, in Wirtschaft und Verkehr, in Wissenschaft und Technik, in Politik und Literatur, in denen es die Führung unter seinen Stammes¬ und Glaubensgenossen der ganzen Welt erlangt hat. Der jüdische Idealismus hat, befruchtet durch den ihm verwandten deutschen Idealismus, mit die edelsten Blüten menschlichen Geistes gezeitigt. Die deutsche Sprache ist uns die Sprache unseres Herzen geworden. Und würde uns das Schicksal in andere Länder verschlagen, so würde bitteres Heimweh unsere Seele ergreifen. Und kann das deutsche Vaterland auch den Juden danken? Zu wenig ist bekannt, daß der Jude Künder des deutschen Wesens auf der ganzen Erde geworden ist. Cs hat bis vor kurzer Zeit kaum einen Juden in der dem Verkehr offenstehenden Welt gegeben, der nicht der deutschen Sprache in der Hauptsache mächtig gewesen wäre. Alle Fortschritte aus geistigem und wirtschaftlichem Gebiet haben ihre tatkräftige Unterstützung gesunden und nicht selten sind sie in Kunst und Wissenschaft, in Technik und Wirtschaft mit die Träger dieses Fortschrittes gewesen. Das Leben in ihrer Familie, die Erziehung ihrer Kinder, ihre soziale Einstellung sind konservative, staatserhaltende Elemente im öffentlichen Leben geworden. Ich will die Schwächen nicht verschweigen. Was ich zeigen möchte, ist, daß auch von jüdischer Seite befruchtende Kräfte auf das vaterländische Leben ausgestrahlt sind. Und wir Männer der älteren Generation wissen aus früheren glücklicheren Zeiten, daß ein friedlicher Austausch und ein harmonisches Zusammenwirken aller Teile der Bevölkerung zum Wohl des großen Ganzen stattgefunden, daß eine geisttge und kulturelle Gemeinschaft alle Bewohner des Vaterlandes vereinigt hat. Und wie ist das heute geworden? Wir erkennen dankbar an, daß eine feste Hand die Geschicke des Landes lenkt und Ordnung und Sicherheit gewährleistet. Gläserne Wände aber haben sich ausgetürmt zwischen den Bewohnern des Landes. Wir sehen uns und kennen uns nicht mehr und reden fremde Sprachen. Der natürliche Blutlaus des Staates ist gestört, und es besteht die Gefahr, daß in dem staatlichen Organismus Gebilde sich zusammendrängen, die bisher nicht bestanden haben, in gleichem Maße bedenklich für diese künstlich geschaffenen Gruppen, wie für den Staat selbst. Das Interesse unserer jüdischen Jugend an dem allgemeinen Schicksal wird so verkümmert. An besonders exponierter Stelle steht unsere akademische Jugend, ausgestoßen aus dem Verkehr mit ihresgleichen. Da möchten wir den Mut verlieren und verstehen, daß der Wille gelähmt ist zur Aufrechterhaltung unserer Gemeinschaft. Und wenn wir so trübe die Bilanz der Zukunft erschauen, da regt sich in unserem Innersten das seit Jahrtausenden ererbte Gefühl der sittlichen Verantwortung und wir wissen, daß ein Ding nur helfen kann, die sittliche, die unentwegte Tat, und wir erkennen, daß es Not und Elend der Volksgenossen sind, die sie auf Irrwege geleitet und die Gemeinschaft des Blutes höher haben stellen lassen als die Gemeinschaft des Schicksals, des Geistes und der Kultur. Wir wissen, daß die Geschichte langsamer arbeitet, als wir Menschen dies haben möchten und daß es zäher, mühsamer Arbeit bedarf, eine Änderung der Zeiten herbeizuführen. Wir wissen, daß wie in der Natur, so im moralischen Leben keine Kraft verloren geht. Und so eng verschwistert ist die Kultur des deutschen Geistes mit der unserer religiösen Gemeinschaft, daß wir uns an das Wort des großen deutschen Dichters klammern: „Gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten, dann wir der ruhige Rhythmus der Zeiten es zur Entwicklung bringen."

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