Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 3 (17.3.1926)
- Article
- Protokoll
- Date
- 1926-03-17
- Page
- Seite 65 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 65 So wollen wir ohne Rücksicht auf die Gegenleistung das Gute in die Zeiten säen und wir vertrauen, daß auch unsere Mitbürger es in ihre Furchen pflanzen, so daß in späteren Zeiten die grüne Saat des Friedens und des Verstehens hervorspriehen wird und wir wieder vereint sind in wechselseitigem Schaffen und fruchtbringender Arbeit für das gemeinsame Vaterland. Wir aber wollen im Gedenken an die großen Geschehnisse dieser Stadt heute unser Augsburger Bekenntnis ablegen. Wir wollen Gutes tun und Liebe pflegen. Wir wollen die Formen finden, in denen unsere religiöse Gemeinschaft einträchtig Zusammenwirken kann zur Ehre des göttlichen Namens. Wir wollen unsere konservativen, staatserhaltenden Kräfte sreimachen zum Aufbau und zur Wiedererstarkung unseres geliebten Vaterlandes. Wir wollen an einer Wende der geschichtlichen Entwicklung unser durch die Jahrtausende überkommenes geistiges und sittliches Erbe unversehrt hinübertragen in bessere Zeiten und zu unserem bescheidenen Teil Mitarbeiten an der Menschheit Gesittung und Befriedung. Und daß wir dies vermögen, wird ein Abglanz der göttlichen Liebe auf uns fallen, denn Gütig ist der Herr und ewig währet seine Gnade. Oberstlandesgerichtsrat, Professor Dr. Silberschmidt (München): Unser verehrter Herr Präsident hat uns ein Bild gegeben von dem, was der Verband geleistet hat. Er hat uns ein Bild gegeben von dem, was der Verband zu hoffen hat und was der Verband schaffen kann und wird. Wenn in seinem Bild etwas fehlt, dann ist es das, was dieser Mann selbst zu diesem Verbände beigetragen hat, was ergeleistet hatvon den Tagen an, vor dem der Verband bestand, mit seinen Denkschriften, auf denen der Verband aufbauen konnte, aber auch in fast undenkbarer Weise von dem Tage an, seit der Verband entstanden ist. Und wenn in der Bilanz, die uns unser verehrter Präsident heute aufgemacht hat, etwas Gutes ist, und wenn die Aktivseite doch manches Trübe, was er uns gezeigt hat, überwiegen wird, dann ist es dieser Persönlichkeit zu danken. Auf ihm beruht zum allergrößten Teil das Wirken des Verbandes. Sein Wirken drückt sich aus in allem Guten, das der Verband bereits erreicht hat und das ihm seine Stellung geben wird innerhalb Bayerns gegenüber Deutschland und der Menschheit überhaupt. So danken wir ihm heute, wie immerdar, für das, was er uns gewesen ist und was er uns ist und wir hoffen, daß es seiner weiteren Führung beschieden sein möge alle Hindernisse zu überwinden, daß das Trübe, das noch besteht, verschwinden werde und daß der Verband dauern wird zum Heile der bayerischen Judenheit, zum Heile Bayerns und Deutschlands. Das walte Gott! (Starker Beifall.) Möge das, was heute hier gesprochen wurde, weitere Wurzeln schlagen und uns helfen zu dem, was wir bestrebt sind in bescheidenster Weise zu erfüllen. Ich wünsche den Beratungen weiter, daß sie in dem Sinne verlaufen mögen, wie sie begonnen haben. Ich danke dem Komitee, der Stadt und der jüdischen Gemeinde für alles, was sie uns hier bereitgestellt haben. So wollen wir nun mit Gott unsere ersten Beratungen schließen. Mahnruf Die bayerische Rabbinerkonferenz hat beschloffen, nachstehenden Mahnruf zur Ankündigung in den Synagogen des Landes hinauszugeben: Schwer lastet die Not der Zeit auf deutschem Lande. Was der Krieg nicht vernichtet, die Inflation nicht zerstört hat, scheint nunmehr in einer Zeit unerhörtester wirtschaftlicher Schwere gefährdet. Ungezählte Tausende sind ohne Arbeit und Erwerbötätigkeit, ihre Familien hungern und frieren; immer weitere Kreise zieht die graue Sorge. Keiner kann ermessen, welchen Umfang sie morgen annehmen wird. Die bayerischen Rabbiner wissen, daß die Not vor jüdischen Häusern nicht Halt macht, daß weite Kreise des jüdischen Mittelstandes mit Sorge dem kommenden Tage entgegensehen. Aber wir wollen keine Grenzen kennen und rufen unsere Glaubensgenossen auf zu helfen, wo immer geholfen werden muß. Möge jeder sein Scherflein in seinem Kreise beisteuern zur Linderung des allgemeinen Leids; möge jeder unserer Glaubensgenossen die beseligende Tat wahrer Menschenliebe zu schätzen wissen und sie dem flüchtigen Rausche äußeren Vergnügens vorziehen, der so häufig das traurige und beschämende Zeichen der Gegenwart ist. Nur wer barmherzig, mildtätig und schamhaft ist, trägt nach altem jüdischem Wort den Stempel wahren jüdischen Wesens. Übt Liebe, übt Güte, darin erblickt das Wesen des Lebens, aber nicht im Taumel des Genusses und der mit ihm nur allzuhäuftg verbundenen Entartung in Sitte und Kleidung. Seid schamhaft, zumal ihr Frauen, und laßt Euch nicht beherrschen von der Gewalt einer auf Sinnlichkeit abgeftellten Mode. Erweist Euch vielmehr als wahre Töchter Israels und haltet mit Eurem Vorbild Eure Häuser rein, schmückt sie mit Einfachheit und Schlichtheit, mit Menschenliebe und Gottesfurcht, damit ihr würdig seid der Väter und Mütter unseres Stammes, die durch die schwersten Zeiten jüdischen Erlebens hindurchtrugen die Reinheit jüdischer Religion und echter, wahrer Menschenliebe. Nürnberg, den 2. Februar 1926. Bayerische Rabbinerkonferenz. i> HAUS DER QUALITÄTSSI OFFE fl!, MÜNCHEN V KARLSPLATZ 5 STARK & Cie. NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11