Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 3 (17.3.1926)
- Article
- Protokoll
- Date
- 1926-03-17
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 63 gegen die Gemeinde aufzurufen und ihr das Beschämende ihres Verhaltens aufzuzeigen. Im äußersten Falle aber wird der Verband nicht zögern, von dem ihm durch die Verfassung eingeräumten Mittel der Zwangsetatisierung gegenüber der Gemeinde Gebrauch zu machen. Ein ernstes, wenn auch freundliches Wort aber möchte ich hier auch unseren- Vereinen und Anstalten widmen. Wohl haben sich die Zuwendungen unseres Verbandes auf sozialem Gemele gewaltig gesteigert und gern geben wir den Hilflosen und Bedrängten, den Kranken und Siechen, den Kindern und Greisen, aber was gegenwärtig Sache des Verbandes ist, kann es nicht bleiben. In der schweren Übergangszeit, in der das Vermögen der Anstalten und Vereine geschwunden ist und ihre Obliegenheiten nicht mehr erfüllt werden können, ist es Sache der Allgemeinheit, ihre Einrichtungen vor dem Verfall zu bewahren. Der Verband hat die Aufgabe gelöst, das gebrochene jüdische Leben zu erhalten. Der Übergang aber kann nicht allzu lange dauern, der Verband wird seine Mittel dann auf die Aufrechterhaltung und Fortbildung des religiösen Lebens und der Schule konzentrieren müssen. Die Anstalten und Vereine aber müssen wieder auf eigenen Füßen stehen. Darum sei es wie in besseren alten Zeiten religiöse und sittliche Pflicht jedes einzelnen, bei freudigen und traurigen Anlässen der Armen und Hilfsbedürftigen zu gedenken und so das eigene Leben zu verknüpfen mit dem Gedeihen und dem Schicksal der Gemeinschaft. Wir haben in Bayern rechts des Rheins 204, in der Pfalz 73, zusammen 277 Gemeinden. Im Jahre 1910 waren es 218 und 78, zusammen 296. Unter diesen 277 Gemeinden sind 20, die weniger als 15 Seelen haben, davon 12 in Unterfranken. Alle die Gemeinden gehören uns an mit Ausnahme von 2, die etwa 10—12 Familien zählen, Hainsfarth und Kulmbach. Zu uns gekommen sind im letzten Jahre Aub und Brückenau, Tauberrettersheim und Öttingen. Uns angeschlossen ist die jüngste bayerische Gemeinde Koburg. Mit besonderem Stolze aber rechnen wir zu uns 3 Gemeinden, die uns wahrhaft am Herzen liegen, St. Ingbert, Homburg und Blieskastel. Alljährlich , wie auch in diesem Jahre, haben sie einen würdigen Vertreter in unsere Versammlung geschickt, um die Zugehörigkeit zum deutschen Vaterlande sinnfällig zum Ausdruck zu bringen. Wir danken dem Pfälzer Verband und seiner vortrefflichen. Leitung, daß es ihnen gelungen ist, den Zusammenhang mit den Saargemeinden aufrechtzuerhalten. — So stellt sich unser Verband nicht nur rechtlich, sondern auch tatsächlich dar als die Zusammenfassung der Bevölkerung jüdischen Glaubens in bayerischen Landen. Als öffentlich-rechtliche Körperschaft vertritt er sie nach außen gegenüber Staat und Öffentlichkeit. Nach innen aber sind die Gemeinden frei und unabhängig und sorglich haben wir darüber gewacht, daß jede religiöse Richtung sich ungestört entfalten kann unter dem Schutz und der wirksamen Förderung des Verbandes. Den kleineren Gemeinden hat der Verband tatkräftige Hilfe geleistet, alle Gemeinden aber haben durch ihn an Kraft und Eigenwert gewonnen. — Die Gebietserweiterung der Gemeinden ist nahezu durchgeführt, das Normalstatut für die Gemeinden ist im Entwurf fertiggestellt und wird der nächsten Tagung in Vorlage gebracht. Die Zeit scheint gereift zu sein, daß wir diöses schwere Werk vollenden können. Wenn hier tiefgehende Gegensätze ideeller Art sind, die den Ausgleich verlangen, so sind es auf anderem Gebiete außerordentliche rechtliche und technische Schwierigkeiten, die eine Lösung bisher nicht gefunden haben. Es ist die Regelung der Rabbinatsdistrikte. Wir vertrauen aber, daß wir der nächsten Tagung auch hier einen geeigneten Entwurf vorlegen können. Als sehr zweckmäßig für die Vorarbeiten hat sich die Einberufung von Distriktsversammlungen erwiesen, in denen unter der Mitwirkung der Verbandsleitung die Anteile der Gemeinden zur Aufbringung des Rabbinatsgehaltes festgesetzt werden. Solche Versammlungen haben für Jchenhausen und Ansbach stattgefunden. Hier in Augsburg wurde auch Dank der Mühewaltung des Vorsitzenden der Augsburger Gemeinde ein Problem gelöst, das jahrelang dieser Lösung harrte, die religiöse Eingliederung der Israeliten in Neu- Ulm. Herzlicher Dank sei in dieser Angelegenheit für ihr freundnachbarliches Verhalten dem Rabbinat und der Gemeinde Ulm erstattet. Während also die Distriktsgemeinden für ihre eigenen Angelegenheiten, insbesondere die äußeren Verhältnisse des Rabbinats der Organisation vielfach noch bedürfen, ist der ihnen vom Verband übertragene Wirkungskreis durchaus geregelt. Die Distrikte haben hier vortreffliche Arbeit geleistet und herzlicher Dank sei den Rabbinern ausgesprochen, die als Vorsitzende der Distrikte in hingebender, erfolgreicher und oft recht mühevoller Arbeit ihres Amtes gewaltet haben. Schon haben wir die zweite Bilanz gestreift, die wir nach der wirtschaftlichen aufmachen wollten, die moralische Bilanz des Verbandes. Hier verzeichnen wir als Aktivposten vor allem das vertrauensvolle Verhältnis zwischen der Staatsregierung und unserer religiösen Gemeinschaft. Herr Oberregierungsrat Mezger hat als Vertreter der Staatsregierung für Unterricht und Kultus unseren Verband heute in besonders herzlicher Weise begrüßt. Er hat ausgeführt, daß die Entwicklung des Verbandes, an der die Staatsregierung von Anfang an den lebhaftesten Anteil genommen, eine vollgewichtige und geradlinige sei, die sich nicht nach Tagesfragen und Tagesmeinungen richte, vielmehr aus dem innersten Wesen des Verbandes geboren sei, und darum als gesund und lebenskräftig bezeichnet werden müsse. Er hat auf die Bedeutung unseres Verfassungswerkes und die historische Sendung des Verbandes verwiesen, der es unternommen habe, die schwierige Organisation des bayerischen Judentums in einer Zeit zu leisten, in der der Zusammenschluß der Judenheit in lebenskräftige neue Formen ein dringendes Bedürfnis sei. Er hat mit Anerkennung hervorgehoben, daß der Verband in ernster Beachtung der Grenzen, die seiner Arbeit gezogen seien, seine Tätigkeit darauf abstelle, den Willen zur Einheit im Judentum zu stärken und in Formen zu verwirklichen, die der Eigenart des Judentums in Bayern angemessen seien, eine Arbeit, welche die Staatsregierung mit größtem Interesse verfolge und zu fördern bereit sei. Er hat betont, daß die Beziehungen zwischen Staatsregierung und Verband nicht nur auf den Vollzug verfassungsmäßiger Bestimmungen abgestellt, vielmehr durch ein aufrichtiges Vertrauensverhältnis zwischen beiden Teilen gekennzeichnet seien, und er hat versprochen, für seinen Teil an der Aufrechterhaltung dieses Verhältnisses mitzuwirken. Wir möchten für diese gütigen und für uns so bedeutsamen Worte den innigsten und ehrerbietigsten Dank aussprechen. Wir wissen, daß das vertrauensvolle Verhältnis zur Staatsregierung die Grundlage für das Gedeihen unserer religiösen Gemeinschaft ist. Wir möchten dem Herrn Vertreter des Staatsministeriums aber auch persönlich den wärmsten Dank sagen für die Hilfe und Förderung, die er uns jederzeit hat angedeihen lassen, dafür, daß er uns Halt und Stütze gewesen ist, wenn wir in schweren Fragen uns an ihn gewendet haben. In der Zeit des moralischen Niedergangs zumal bedarf der Staat der sittlichen Kräfte, die von den Kirchen ihren Ausgang nehmen. Da hat es mich tief berührt, als vor wenigen Monaten der Vertreter einer anderen hohen Stelle zu mir dem Sinne nach etwa geäußert hat: Mehr wie je braucht heute der Staat die moralischen Kräfte der Kirche, und gern bewilligen wir den staatlichen Zuschuß Ihrer religiösen Gemeinschaft, weil wir wissen, daß Ihr Verband als der Träger staatserhaltender und konservativer Gesinnung solche Kräfte wohl freizumachen imstande ist. Wir stellen mit Freude und Dank fest, daß, wie im letzten Jahr der Oberbürgermeister der Stadt Würzburg unvergeßliche Worte über das Verhältnis der Bürger verschiedenen Glaubens in seinem Gemeinwesen gesprochen hat, so auch der Vertreter dieser Stadt auf die Toleranz hingewiesen hat, die in Augsburg unter den Bürgern jedes Glaubens bestehe. Und weiter verzeichnen wir mit Dank die freundlichen Worte, welche die deutschen Delegierten zur Gründung einer jüdischen Reichsorganisation unseren Einrichtungen gewidmet haben. Sie haben München als den Ort der ersten Versammlung gewählt und nicht zurückgehalten mit der Anerkennung, daß in wenigen Jahren uns dieser Aufbau gelungen. Zuletzt, aber wahrlich nicht als das Geringste möchten wir die einfachen und schlichten Worte erwähnen, die uns von altgedienten Beamten und ihren Angehörigen zugehen, und in denen sie uns sagen, daß sie hätten hungern müssen, wenn nicht der Verband in schwerer Zeit ihnen die Mittel zum Leben gegeben hätte. Sie könnten mir vielleicht sagen, es wäre schicklicher gewesen, die Habenseite des Verbandes nicht so sehr hervorzuheben. Aber ich gestehe, ich wollte den Stolz und die Zuversicht auf das Er-