Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-03-17 · 3 (17.3.1926) · p. Seite 59

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
3 (17.3.1926)
Article
Protokoll
Date
1926-03-17
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2727823-2727826-2729502--00824-2729561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 59 Bürgermeister Ackermann: Sehr verehrte Damen und Herren! Im Aufträge des Stadtrats Augsburg und des durch anderweitige Dienstgeschäfte verhinderten Oberbürgermeisters Deutschenbaur danke ich für die freundliche Einladung zu Ihrer Tagung und heiße Sie in den Mauern der Stadt Augsburg herzlich willkommen. Vor allem muß die Behauptung widerlegt werden, daß kapitalistischer Geist jüdischer Geist fei. Die Periode der wüsten Rassenverhetzung, die gerade in den letzten Jahren und besonders in Südbayern geherrscht hat, kann als endgültig überwunden angesehen werden. Augsburg selbst war dank dem überlegten Sinn seiner Einwohner und dank der Zusammenarbeit aller Schichten der Bevölkerung von dieser Gefahr der Rassenverhetzung niemals ernstlich ergriffen. In steigendem Maße erkennen heute doch wohl alle Schichten, welchen Wert die Verfassung unserer jungen deutschen Republik in sich birgt, die zum ersten Male jedem Glauben Raum zur freiesten Entfaltung bietet. Nur dann, wenn sich jede Glaubensgemeinschaft der Duldsamkeit, des gegenseitigen Verstehens, bewußt ist, nur dann werden wir in Deutschland den Aufstieg zu einer wahren Volks¬ und Kulturgemeinschaft gewinnen können. Mögen diese Verhandlungen von dem Geiste sittlicher Freiheit, Verantwortung und Duldsamkeit getragen sein, dann werden sie Ihnen und dem ganzen Volke zum Segen gereichen. .In diesem Sinne: Glück auf zu der Tagung in den Mauern dieser Stadt! Oberstlandesgerichtsrat, Professor Dr. Silberschmidt (München): Wir danken Herrn Oberregierungsrat Mezger für die große Freundlichkeit, mit der er unsere Bestrebungen hier charakterisiert und unterstützt hat, ich danke wiederholt dem hohen Ministerium für das Wohlwollen gegenüber den Bestrebungen des Verbandes. Ich danke der Stadt für dasjenige, was sie ihren jüdischen Einwohnern ist und danke dem Vertreter der Stadt für seine freundlichen Worte. Ich bitte Herrn Dr. Stein (Schweinfurt) das Wort zu nehmen zu seinem religions-wissenschaftlichen Vortrag. Rabbiner Dr. Stein (Schweinfurt): Erlauchte Versammlung! Sehr verehrte Damen und Herren! Das sehr verehrliche Präsidium unseres Verbandes hat mich mit der ehrenvollen Aufgabe bedacht, bei der Eröffnung der diesmaligen Tagung zu.Ihnen einige von religiöser Weihe getragene Worte religions-wissenschaftlichen Charakters zu sprechen. Der Dank, den ich für diese von mir durchaus gewürdigte Ehre empfinde, ist nicht ungemischt. Die Äußerung des Dankes ist verbunden mit dem Gefühle tiefsten Bedauerns darüber, daß mein sehr verehrter Kollege Herr Dr. Grünfeld infolge eines Unglückssalles nicht in der Lage ist, die ihm in erster Linie zukommende und auch zugedachte Aufgabe zu übernehmen. Wir widmen ihm von dieser Stelle aus die besten Wünsche für seine Genesung. Wenn ich nun aber berufen bin, in dieser Stadt und vor allem in dieser Religions-Gemeinde zu Ihnen zu sprechen, so kann ich nicht umhin, festzustellen, daß mich dabei der Geist eines in der wissenschaftlichen Welt hochangesehenen, gefeierten Gelehrten umschwebt, der Geist des verlebten Dr. Heinrich Groß, des früheren geistlichen Oberhauptes dieser Gemeinde, des Mannes, dessen Persönlichkeit durch die Verbindung eines scharfen Forscher-Geistes mit einem wahrhaft kindlichen Gemüt auf uns damals jüngere Kollegen eine seltene Anziehungskraft befaß, dessen Geist aber auch heute noch fortlebt in unseren Mittelschulen durch sein philosophisch durchdachtes Religionsbuch, auf das der verblichene Verfasser selbst mit noch größerer Genugtuung hinblickte, als auf feine gediegenen Forscher-Arbeiten, wie die Gallia Judaica usw. Mit Recht trug er das Bewußtsein in sich, durch dieses Buch in der Jugend fortzuleben und mit der Zukunft verbunden zu fein. Wenn ich mich nun der mir gesetzten Aufgabe widmen soll, so ist es mein Wunsch, an die vortrefflichen Ausführungen des verehrten Kollegen Dr. Hanover bei der Tagung in Würzburg im März des Vorjahres anzuknüpfen, der uns das Wesen und die Kraft des Idealismus als Lebensanschauung in beredten Worten zu künden wußte. Wir stehen zeitlich bereits innerhalb der Wochen, die dem Feste der Freiheit Israels, der Volkswerdung Israels vorausgehen, deren Sabbate, durch besondere Thora-Vorlesungen ausgezeichnet, als Freiheits- und Frühlingsboten zu betrachten find, die als wahre Begründer des echten religiösen Idealismus gelten müssen, wie er von seiten der Lehre Israels und seiner Weisen eine bewußte Pflege findet. Der n ä ch st e Sabbat zeigt uns den Idealismus der jüdischen Lehre und ihrer Anforderungen, wenn wir so sagen dürfen, in der Außenpolitik. Dieser Idealismus kristallisiert sich zu der Forderung, daß im Volksleben an die Stelle des Machtgedankens der Rechtsgedanke treten muß. „Krieg führte Gott mit Amalek von Geschlecht zu Geschlecht", weil Amalek in brutaler Machtausnützung ein wehrloses Volk überfallen und geschädigt hatte. Und Israel soll dieses Kampfes ewig eingedenk sein, damit nicht auch es der Gewalt, der brutalen Macht den Vorrang zuerkenne vor dem Recht. Das ist der Idealismus Israels in der Außenpolitik. Keine Politik der Gewalt und der brutalen Machtentfaltung, nur Recht, Gerechtigkeit und Billigkeit! Das sind die wahren Forderungen des Idealismus der Religion. Der zweite Sabbat vor unserer Tagung zeigte uns eine andere nicht minder wichtige Forderung des jüdischen Idealismus. Er lehrt uns, wenn wir so sagen dürfen, in der Innenpolitik die Gedanken einer edlen Demokratie, einer erhabenen Gleichheit, einer Demokratie zunächst freilich hinsichtlich der Plichten, aus der dann eine Demokratie der Rechte entspringt. Ein jeder, so sagte der Abschnitt von der Tempelabgabe, muß zu dem Heiligtum und seinen Aufgaben beitragen. Tut er das, so hat er das beglückende Bewußtsein, daß das Heiligtum und sein Dienst durch seine Gabe mitermöglicht wird und daß er dem göttlichen Vaterherzen nahe steht, einerlei ob er reich ist oder arm. Diese Demokratie der gleichen Pflichtauffassung und Pflichterfüllung schafft jenen Gememsinn, der unerläßlich ist für die Durchführung aller Aufgaben der Gesamtheit. Dieser Gemeinsinn ist die herrlichste Forderung des Idealismus, er ist Idealismus selber. Der dritte Sendbote, dem Feste der Freiheit voraufgesandt, führt uns hinein in das Bereich der eigenen Seele, in der wir allein und ausschließlich die Herren sind, und jetzt als bestimmendes Element, als grundsätzliche Forderung, die absolute religiöse und sittliche Reinheit. Das ist der tiefste und letzte Sinn des Abschnittes von der roten Kuh, wie er in den begleitenden Propheten- und Psalmworten sich ausspricht: „Ein reines Herz erschaffe mir, o Gott, und einen festen Geist erneuere in mir" oder „Ich werde das Herz von Stein aus deinem Innern entfernen und dir ein Herz von Fleisch geben". Diese Reinheit ist unvereinbar mit Selbstsucht und Begierde, mit Ungerechtem und Unschönem, mit roher Sinnlichkeit und ungehindertem Triebleben. Wie solche Reinheit zu erreichen ist, auch das verrät uns dieser Sabbat. Er hat etwas Widerspruchsvolles in sich. Der Abschnitt von der roten Kuh bestimmt, daß diejenigen, die sich mit der Verbrennung dieses Opfertieres befassen, unrein werden und doch soll gerade die aus der Verbrennung gewonnene Asche die Reinheit für die unrein Gewordenen bewirken. Dieser Widerspruch, den wir nicht zu lösen vermögen, gibt die wichtige Lehre, daß in dem Gebiete der Religion, schließlich ebenso auf dem Gebiete einer jeden Weltanschauung, die menschliche Vernunft nicht ausschlaggebend und entscheidend sein kann, daß sie nicht zu Ende kommt — ist doch jede philosophische Weltanschauung letzten Endes Hypothese — daß vielmehr die Unterordnung der menschlichen Vernunft unter die göttliche Vernunft erfordert wird. Diese Unterordnung schließt mit Nichten das Forschen der Vernunft aus, das im Gegenteil im Judentum direkt gefordert wird; sie respektiert nur die Grenze der Möglichkeit. Und diese Unterordnung gerade ist die Quelle der seelischen Reinheit, denn sie erzeugt Demut, Bescheidenheit, wahre Frömmigkeit. Diese Seelenreinheit ist das größte Glück des Idealismus unserer Weltanschauung und unserer Lebensführung. Der vierte Sendbote ist der Sabbat von der Neumond-Verjüngung, bei dem wir länger verweilen müssen. Er führt uns hinein in das Heiligtum der Familie, die er um das gemeinsame Opfer des Pesiach-Lammes vereinigt, die er zusammenschließt zu gemeinsamem Tun, von der kein Mitglied sich ausschließen daftf, deren Aufgaben auch keiner sich zu entziehen berechtigt ist. Die Forderung des Idealismus in der Familie ist das Verantwortlichkeitsgefühl. Wenn die Schrift erklärend davon spricht: „Es soll das Verderben nicht einziehen in euere Häuser, um zu vernichten", so meint sie darunter den Geist der Selbstsucht und der Ungebundenheit, der Zügellosigkeit, der geeignet ist, das Glück der Familie zu zerstören. Wir müssen hier etwas länger verweilen, weil wir der Meinung sind, daß einer durch den Krieg und durch die Nachkriegsereignisfe zügellos gewordenen Jugend heute mehr als sonst dieser Geist der Verantwortlichkeit für das Glück der Familie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.