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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-03-17 · 3 (17.3.1926) · p. Seite 58

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
3 (17.3.1926)
Article
Protokoll
Date
1926-03-17
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 Stadt Augsburg gewesen und in seinen Nachwirkungen noch heute erkennbar ist. Aus dieser Zeit bedarf ein besonderes Ereignis der Erwähnung. Auch damals ist nach einer langen Zeit der geistigen Zerrissenheit in Augsburg ein Friede geschlossen worden, den der Historiker Ranke „einen beharrlichen Frieden" nennt. Es war die Confessio Augustana des Jahres 1555 und wenn von diesem Ereignis eine Befriedung in Deutschland ausgegangen ist, wer denkt daran nicht in der heutigen Zeit, in der wir Deutschen uns nach Befriedung in der Welt sehnen, und in der wir Juden in Deutschland uns sehnen nach dem Frieden von Religion zu Religion und von Menschenart zu Menschenart. So darf gesagt werden: diese Stadt hat ihre große Tradition, und wenn heute Juden aus allen Teilen Bayerns in dieser Stadt zusammengekommen sind, so tun wir alle das mit einem Gefühl der Dankbarkeit gegen diese Stadt. Denn sie war dank ihren Traditionen und dank dem alten Geiste, der in dieser Stadt nachwirkt, dazu befähigt, nicht zum Spielball von Leidenschaften zu werden, die in den letzten Jahren in deutschen und bayerischen Landen getobt haben, dies dank auch dem besonnenen schwäbischen Geist, von dem wir alle einen Teil in uns haben. Bei dieser Gelegenheit darf ich auch zurückblicken auf das bedeutungsvolle Jahr 1871, in dem die deutsche Einheit errungen wurde. Im Jahre 1871 hat eine jüdische Synode in Augsburg getagt, und zwar in dem Saal, der uns gegenüber liegt, im Goldenen Saal der Stadt Augsburg, und der Präsident der Synode war Professor Dr. Moritz Lazarus, der Begründer der heutigen modernen Völkerpsychologie. Damals hat unsere jüdische Gemeinde dankbar und freudig die jüdischen Vertreter aus ganz Deutschland begrüßt, so wie wir heute dankbar und freudig die Vertreter aus Bayern begrüßen dürfen. Damit komme ich zu unserer Zeit. Die Juden Augsburgs bieten im wesentlichen das Spiegelbild der Juden in Deutschland überhaupt. Es begann die Epoche des Mitwirkens der Juden im deuffchen Geistesleben und in deutscher Kulturgemeinschaft, eine Zeit des Empfangens und des Gebens, des Austausches von geistigen Gütern. Gerade in Augsburg darf gesagt werden, daß in seinem Wirtschaftsleben die jüdische Industrie eine gewichtige Rolle spielt, und daß ihre Träger in Deutschland ihren großen Namen haben. Die Mitwirkung der Juden im Augsburger Handels- und Wirtschaftsleben ließe sich nicht wegdenken. Wir Juden haben aber auch nach unseren Kräften mitgewirkt am geistigen Leben dieser Stadt, dem wir viel verdanken, zu dem wir nach unseren Kräften heute und immer beizutragen versuchen. Und so sind wir heute ein Teil des deutschen Geisteslebens geworden. Zwei Pole bestimmen' uns in unserer Existenz in Deutschland: Die Sicherheit des Gedankens an die unauflösliche Verbundenheit unserer Geschichte mit der deutschen Geschichte und mit Deutschland, und das Bewußtsein von der ewigen Dauer der jüdischen Inhalte, die in uns fortwirken und mit denen wir an diesem Geistesleben teilnehmen. In diesem Gedanken haben wir auch die Stürme der letzten Zeit überwunden, die unter diesem Gedanken ewiger Betrachtung nur eine Episode in unserer Geschichte, wie in der Geschichte unseres Vaterlandes waren. Und wenn wir heute uns hier versammelt haben, dann tun wir in unserem Kreise das, was heute die Lebensaufgabe der deutschen Nation ist, das ist der Aufbau. Auch wir in unserem Kreise wollen nichts anderes tun, als aufbauen an so vielem, was zerstört ist, und was wir für unsere Zukunft brauchen. Wenn wir dazu die Vertreter derjenigen staatlichen Behörden eingeladen haben, mit denen wir als öffentlich-rechtliche Korporation zusammenzuarbeiten haben, so haben wir das getan aus einem tiefen Grunde. Während die Justiz zu arbeiten hat nach den Grundsätzen strenger Logik, ist die Verwaltung eine andere Art staatlicher Tätigkeit. Schon der Philosoph Herbart sagte 1835 in seinem System der Philosophie: Die Tätigkeit der staatlichen Verwaltung ist diktiert nicht von den Prinzipien des formalen Rechts allein, sondern auch von dem Geist des Wohlwollens. Dieses Wohlwollen beanspruchen auch wir, denn dieses Werben um Sympathie ist ein Grundgedanke unseres ganzen Tuns in unserem Privatleben und in unserem öffentlichen Leben. Von diesem Gedanken ausgehend haben wir die Vertreter der staatlichen Behörden eingeladen. Und wenn wir jetzt unsere Tätigkeit beginnen, so möchte ich Sie im eigenen Namen und namens unserer Gemeinde nochmals begrüßen mit der Bitte, sich hinzugeben der Arbeit in unserer jüdischen Gemeinschaft und den jüdischen Ausgaben, die wir hier zu erfüllen haben, dadurch aber auch mitzuwirken an den Interessen der Gesamtheit. Nur wer in seinem kleinen Kreise seine Aufgabe voll erfüllt, ist berufen 'mitzuwirken im großen Kreise. Deshalb gedenken wir an dieser Stelle unseres deutschen Vaterlandes, zu dem auch wir mit die Bausteine liefern wollen, wenn wir unser eigenes Haus in diesem Vaterlande bestellen. In diesem Sinne begrüße ich den hohen Rat und die hohe Tagung und wünsche uns allen eine segensreiche Tätigkeit zu unserem Segen und zum Segen der Allgemeinheit. Oberstlandesgerichtsrat, Professor Dr. Silberschmidt (München) dankt Dr. Strauß für die freundlichen Worte der Begrüßung. Oberregierungsrat Mezger, Vertreter des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus: Meine Damen und Herren! Wenn ich mich des Auftrags entledige, den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden zu seiner Tagung 1926 im Namen des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus und der Regierung von Schwaben und Neuburg auf das herzlichste zu begrüßen, so gehen meine Gedanken zunächst zu der Tagung von 1922 im alten Rathaussaale zu München zurück, bei der ich das letztem«! die Ehre hatte, Sie als Vertreter des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus zu begrüßen. Wenn ich mir die Entwicklung vor Augen halte, die der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden seit dieser Tagung genommen hat, so muß ich sie als eine durchaus folgerichtige gradlinige bezeichnen, die sich nicht nach Tagesfragen und Tagesmeinungen richtet, sondern geboren ist aus dem innersten Wesen des Verbandes und darum eine durchaus gesunde und lebenskräftige genannt werden kann. Aber nicht nur auf diese Entwicklung möchte ich das Augenmerk lenken, sondern gerade aus Anlaß einer Tagung, die sich mit dem schwierigen Werk der endgültigen Formulierung einer Verfassung befaßt, auf das, was ich die historische Sendung des Verbandes nennen möchte. Die Sendung, die ich darin erblicke, daß der Verband es unternommen hat, die schwierigen Organisationsarbeiten des bayerischen Judentums in einer Zeit zu leisten und zu leiten, in der der Zusammenschluß der Judenheit in lebenskräftige neue Formen das dringendste Bedürfnis war. Dabei möchte ich ganz besonders rühmend hervorheben, daß der Verband es niemals übersehen hat, welche Schwierigkeit diese Organisationsarbeit bietet, und daß er es unternommen hat und seine ganze Tätigkeit darauf abgestellt hat, sich in ernster Beachtung der Grenzen, die solcher Organisationsarbeit gezogen sind, doch den Willen zur Einheit im Judentum zu stärken und in Formen zu verwirklichen, die der Eigenart des Judentums in Bayern angemessen sind. Diese Arbeit verfolgt die Staatsregierung mit dem größten Interesse. Die Staatsregierung hat bewußt von Anfang an den Verband zu fördern gesucht und war in der Lage das zu tun, weil sie den Ernst und die innere Notwendigkeit der Arbeit des Verbandes erkannt hat. Wenn gestern der Haushaltsausschuß des Landtags in seiner großen Mehrheit auf Antrag des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus das Postulat für einen Zuschuß des Verbandes bewilligt hat, so ist dies geschehen aus der Erkenntnis heraus, daß sich der Lebens- und Kulturkreis des Staates und der Religionsgemeinschaften schneidet und daß ein großes Gebiet vorhanden ist, wo es gilt, gemeinsame Interessen zu fördern und zu pflegen. Das führt mich zu einem Wort über die Beziehungen zwischen Verband und Staatsregierung; diese Beziehungen sind abgestellt, ich möchte sagen, nicht auf den rein wörtlichen Vollzug verfassungsmäßiger Bestimmungen, die etwa in dem Satz gipfeln: Es gibt keine Staatskirchen. Ich möchte vielmehr diese Beziehungen charakterisieren in dem Wort, daß die bayerische Staatsregierung in den Verband ein aufrichtiges Vertrauen setzt. Die Pflege dieses Vertrauensverhältnisses ist ein besonderes Verdienst des verehrten Herrn Präsidenten des Rats, dem ich ganz besonders danken möchte für die feine Art und Weise, wie er die Beziehungen aufrecht zu erhalten versteht, und meinerseits darf ich das Versprechen oblegen, daß es mir ein ernstes Bedürfnis ist, für meinen bescheidenen Teil daran mitzuwirken, daß diese Beziehungen, wie sie bestehen, auch fernerhin aufrecht erhalten bleiben. In diesem Sinne und aus dem Bewußtsein eines Vertrauensverhältnifles heraus entbiete ich der Tagung die herzlichen Grüße und Wünsche.

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