Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (8.2.1926)
- Article
- Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1926-02-08
- Page
- Seite 33 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 33 protestantische Theologie nur nach dem so reich in ihr entwickelten apologetischen Schrifttum beurteilen darf. Während -er eben besprochene Vorwurf darauf hinausläuft, unserer Wissenschaft den wissenschaftlichen Charakter abzusprechen, kann man nicht selten gerade den entgegengesetzten Vorwurf hören, daß nämlich ihre Hauptwerke unverständlich oder uninteressant seien. Ein solcher Vorwurf verrät aber einen hohen Grad von Urteilslosigkeit. Denn wo gibt es eine Wissenschaft, deren Werke ohne weiters dem Nichtfachmann verständlich und interessant wären! In dieser Beziehung hat bereits Steinschneider' das richtige Wort gesprochen: „Es gibt Gebiete, die nie volkstümlich werden, weil das Verständnis eine gewisse Vorbildung, das Interesse dafür eine besondere Geiftesrichtung vorausseht. Dazu gehört ein Teil der Literaturgeschichte. Was man dem „Volke" vorsetzt, ist oft magerer Knochen mit Ausguß von Wasser." Dieses kräftige Wort Steinschneiders dürfte alle diejenigen zum Schweigen bringen, die an die Wissenschaft mit denselben Ansprüchen herantreten wie an ein Feuilleton. Ein dritter Vorwurf richtet sich gegen die nicht wegzuleugnende Tatsache, daß das lebendige Judentum bisher in der Wissenschaft viel zu wenig berücksichtigt wird. Trotzdem schon Wohlwill und Z u n z vor fast 100 Jahren mit aller Entschiedenheit gefordert hatten, auch das gegenwärtige Judentum aller Länder in den Kreis der Forschung einzubeziehen, ist diese Seite auffallend vernachlässigt worden. Speziell die Ostjuden sind bis zum Kriege wie in jeder anderen Beziehung so auch in der Wissenschaft stiefmütterlich behandelt worden, trotzdem ihre Sprache und Literatur, ihre Volkslieder, Legenden, Sprichwörter wie ihre Anschauungen, Sitten und Gebräuche einen geradezu unübersehbaren Stoff zur wissenschaftlichen Verarbeitung bieten. So berechtigt also die Forderung ist, diese ungebrochenen Träger eines lebenden Judentums nicht bloß zum Gegenstand von oberflächlichen Artikeln oder Essays zu machen, sondern als ein wichtiges Objekt der Forschung zu erkennen, so wenig können wir denen zustimmen, die der Wissenschaft in einem anderen Sinn zum Vorwurf machen, daß sie sich um das Leben nicht kümmere, daß sie nicht auf die Tribüne herabfteige und eö verschmähe, Einfluß auf die Bestrebungen der Gegenwart zu gewinnen, daß sie den religiösen, politischen und nationalen Kämpfen innerhalb des Judentums ganz aus dem Wege gehe. Denn gerade in dieser Zurückhaltung offenbart sich die wahre Würde -er Wissenschaft. Stellt sie doch einen neutralen Boden dar, auf dem die Angehörigen aller Richtungen und Parteien sich die Hände reichen können. Denn wie es Z u n z schon in der Einleitung zu seiner Zeitschrift 1823 ausgesprochen hat, „arbeitet hier keine Partei flir eine Partei." Die Wissenschaft zeigt ein ideales Bild des Judentums, das allen Parteikämpfen entrückt ist. So ist sie berufen, zur Versöhnung der Parteien beizutragen, und ihnen das zu zeigen, was sie alle einigen könnte und sollte. Darum fürchten auch die Heißsporne in allen Parteien nicht mit Unrecht die Wissenschaft. Denn sie lehrt vieles, was nicht in den Parteikram hineinvaßt, und droht dadurch, manche lieb gewordenen Dogmen und Vorurteile zu erschüttern. Dieser Vorwurf trifft alle Parteien ohne Unterschied, denn alle haben Schuld daran, wenn eine wissenschaftliche Erkenntnis -es Judentums sich so schwer Bahn bricht. 7 Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters. Eint. S. XXIV. Angesichts solcher Hemmungen ist es nur natürlich, daß unsere Wissenschaft noch lange nicht ihre höchste erreichbare Stufe erklommen, vielmehr noch gewaltige Aufgaben zu lösen hat. Nach 100jähriger Arbeit sind noch weite Gebiete, und zwar gerade die allerwichtigsten, auffallend wenig angebaut. Vor allem ist hier die höchst beklagenswerte Vernachlässigung der. Bibel gegenüber dem späteren Schrifttum zu nennen. Als vor 100 Jahren die Wissenschaft entstand, da war die Bevorzugung des Talmuds als Gegenstand der Forschung natürlich und notwendig. Denn im Augenblick des Heraustretenö aus dem Ghetto beherrschte der Talmud und die an ihn sich anschließende Geistesrichtung das ganze Land der Juden, und so fühlte die junge Wissenschaft das Bedürfnis, zuerst über den Talmud und alles, was mit ihm zusammenhing, sich klar zu werden. Doch heute, nachdem das Judentum im Laufe eines Jahrhunderts die verschüttete Quelle seines religiösen und geistigen Lebens in der Bibel wiedergefunden hat, ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel eine unabweisbare Notwendigkeit für unsere Gemeinschaft geworden. Während in der protestantischen Theologie die Bibelwissenschaft sich reich und vielseitig entwickelt hat, kann man dem Judentum nicht Gleiches nachrühmen. Es stand untätig abseits, ließ sich dieses sein ureigenes Gebiet entwinden und ist dadurch in den Ruf der wissenschaftlichen Rückständigkeit gekommen. Außer Geigers „Urschrift" kann das Judentum kein Werk überragender Bedeutung auf diesem Gebiete aufweifen. Auch die meisten jüdischen Fachzeitschriften und selbst die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" scheinen die Bibel nicht zu ihrem Gebiet zu rechnen. Und nicht etwa nur die histw rische Kritik wird aus gewissen gefühlsmäßigen Gründen ängstlich gemieden, sondern auch die Exegese und Sprachwissenschaft finden keine rechte Pflege. Wer die heutige Literatur über Bibel-Exegese und hebräische Sprachwissenschaft durchstudiert, könnte fast auf den Glauben kommen, daß diese beiden Disziplinen seit Jahrhunderten keine jüdischen Mitarbeiter mehr haben. Die wertvollen Wörterbücher und Grammatiken, kritischen Tertausgaben und Kommentare zur heiligen Schrift, die das letzte Jahrhundert in stattlicher Anzahl hervorbrachte, sind fast ausnahmslos das Werk christlicher Forscher. Von den großen Vertretern unserer Wissenschaft ist neben Geiger als rühmliche Ausnahme nur Luzzatto zu nennen, dessen Verdienste um die Erforschung der hebräischen und aramäischen Sprache und um die Bibelerklärung noch nicht gebührend gewürdigt sind. Der Mangel an philologischer Durchbildung, der vielen jüdischen Gelehrten anhaftet, hat es außerdem mit sich gebracht, daß auch für die nachbiblische Literatur grammatisch und textkritisch noch fast alles zu tun übrig ist. Doch nicht nur die philologische, sondern auch die religionsgeschichtliche Forschung liegt noch vollkommen darnieder, und es ist eigentlich recht beschämend für uns, wenn das beste Werk auch über die Religion des späteren Judentums von einem christlichen Theologen geschrieben wurde. Es ist Herfords 1912 erschienenes und seitdem auch ins Deutsche übersetzte Buch „Pharisaism its Aim and its Method“s. Eine vollständige jüdische Religionsgeschichte ist noch immer ein unerfüllter Wunsch und wird es wohl noch lange bleiben. Nur über einen bestimmten Ausschnitt aus dem Gebiet, über die Religionsphilosophie des Mittelalters, besitzen wir gründliche Darstellungen von S. Munk, M. Joel, I. Guttmann, D. Kaufmann. Natürlich können uns dieselben aber nicht über den Mangel s Dazu kommt jetzt noch sein neues Werk „The Pharisees" London 1924).