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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-02-08 · 2 (8.2.1926) · p. Seite 32

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
2 (8.2.1926)
Article
Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum
Date
1926-02-08
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
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32 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 warten wie die christliche Theologie, die die Kenntnis der Ursprünge vielfach nur aus jüdischer Hand erhalten kann. Doch merkwürdig, gerade die christliche Theologie, die schon in den Tagen deS Humanismus und der Reformation von jüdischen Gelehrten in die Ikedraen veritas d. h. in den echten und ursprünglichen Wortlaut der heiligen Schrift sich einweihen ließ, vergaß bis vor kurzem — wenigstens in ihren meisten Vertretern —, was sie an kostbaren Gütern dem Judentum, schulde und noch weiter von ihm empfangen könne, ja empfand es förmlich als einen beleidigenden Gedanken, auf ihrem Gebiet Belehrung von jüdischer Seite anzunehmen. Hören wir, wie sich darüber ein angesehener christlicher Theologe" erst vor wenigen Jahren geäußert hat: „Mit einer merkwürdigen Entschlossenheit versagt er (der christliche Theologe) dem Volke Israel seine Aufmerksamkeit von dem Augenblick an, wo das Christentum auftritt. Er tut, wie wenn mit der Zerstörung Jerusalems durch Titus die Iudenheit von der Erde vertilgt wäre. Alle weitere Beschäftigung mit ihr bleibt zufällig, sprunghaft, dilettantisch. Sie kann gelegentlich in Leidenschaft ausbrechen, das verträgt sich ja mit der Unwissenheit. Eine allgemeinen Wissenschaft vom Judentum haben wir nicht. Daran ist schuld, daß diese Wissenschaft vom Staate nicht ordentlich gepflegt wird. Daß da neben uns, um die Straßenecke herum eine andere lebendeRelig i o n liegt, die in ihren gegenwärtigen Lebensformen und Lebensgründen zu ergreifen unsere nächstnachbarliche Pflicht ist, haben wir nicht rechtzeitig gesehen." Desto höher aber ist das Verdienst der wenigen christlichen Theologen zu veranschlagen, die nicht nur die volle Bedeutung der Wissenschaft vom Judentum für ihr Fach gewürdigt, sondern auch an ihrem Aufbau selbst tätigen Anteil genommen haben. An erster Stelle ist hier auf den oben schon genannten Franz Delitzsch hinzuweisen, der 1856 angesichts der ersten Leistungen der jungen Wissenschaft freimütig bekannte^: „Wir fangen an, die großen Lücken unserer Geschichtsschreibung, unserer Linguistik zu gewahren." Auch nach ihm haben schon eine ganze Reihe von christlichen Theologen sich mit Ernst dem Studium des nachbiblischen Judentums hingegeben und teilweise Bedeutendes geleistet, so in Deutschland Wünsche, Strack, D a l m a n , in England Taylor, Cowley, Herford, in Amerika George Moore. So wertvoll aber auch die Förderung ist, die die christliche Theologie und andere Forschungsgebiete durch die Wissenschaft vom Judentum erfahren, dürfen wir doch nicht den Gedanken aufkommen lassen, als ob etwa hierin ihre Hauptbedeutung zu suchen sei. Vielmehr muß mit Nachdruck betont werden, daß unsere Wissenschaft wie jede andere ihren Zweck in sich selbst trägt und daher ihren Wert und ihre Berechtigung nicht erst besonders zu erweisen hat. Schon die bloße Größe ihres Gegenstandes sichert ihr den gebührenden Rang unter den Wissenschaften. Ebenso durch seine zeitliche und räumliche Ausdehnung wie durch seinen weltlichen kulturellen Einfluß stellt das Judentum ein geradezu einzig dastehendes Objekt für die Forschung dar und bildet daher auch schon längst einen besonderen Lehrgegenstand an mehreren Hochschulen Frankreichs, Englands und Amerikas. In einer Denkschrift vom 24. Januar 1917 forderte der preußische Kultusminister im Hinblick auf die Erfahrungen des 2 Professor Martin Rade -Marburg in „Die Christliche Welt" 1916, Nr. 3, Spalte 56. 4 Zur Geschichte der jüdischen Poesie, S. 102. Krieges energisch die Pflege von „Auslandskenntnissen". Es zeigte sich darin eine gesunde Erkenntnis von den Forderungen der Zeit. Aber über den Auslandskenntniffen darf man nicht die Inlandskenntnisse vernachlässigen. Doch kein Zweig der Inlandskenntnisse ist bisher derartig ignoriert worden wie die Wissenschaft vom Judentum, trotzdem das Deutsche Reich über 600 000r’ Juden zählte, und trotzdem das Judentum in der öffentlichen Diskussion der letzten Jahrzehnte einen so breiten Raum einnahm, als stände es im Brennpunkt des geistigen und politischen Lebens. Einige erfreuliche Ansätze zur Besserung haben sich allerdings in den letzten Jahren gezeigt. So bedeutet es einen nicht zu unterschätzenden prinzipiellen Fortschritt, wenn noch kurz vor Kriegsausbruch zwar nicht eine deutsche Universität, so doch eine deutsche Akademie die Erforschung der religiösen Urkunden in den Kreis ihrer Aufgaben einbezogen hat. Es ist die „Staatliche Gesellschaft der Wissenschaften" in Göttin gen, die fiir ihr großes Unternehmen „Quellen der Religionsgeschichte" auch Quellen des nachbiblischen Judentums in ihr Programm ausgenommen hat. Dieselben sollen hier in möglichst vollständiger Übersetzung und wenn nötig auch in kritischer Neuauögabe vorgelegi werden, womit ein wichtiges Desiderat unserer Wissenschaft erfüllt wird. Mit der Entwerfung des Programms wurden jüdische Fachmänner betraut. Gleichzeitig erschien aus der Feder des gelehrten Jenaer Theologie-Professors Willy Staerk ein Artikel", indem er mit liebevollem Verständnis die Wissenschaft vom Judentum würdigt und für Errichtung und Dotierung eines Lehrstuhles für jüdische Religionswissenschaft an der Universität in Frankfurt a. M. eintritt. Die Erfüllung dieser Forderung wird von ihm als eine „Ehrenpflicht des gebildeten Judentums" bezeichnet. S t a e r k hat dann während des Krieges noch einmal über „das Judentum als wissenschaftliches Problem" geschrieben und darauf hingewiesen, wie gerade durch den Krieg das Verständnis für die Bedeutung des Judentums als eines wissenschaftlichen Kulturproblems weiten Kreisen zum Bewußtsein gekommen ist. Während also von draußen immer mehr verheißungsvolle Zeichen für die endliche Anerkennung der Wissenschaft vom Judentum uns entgegentreten, ist innnerhalb der jüdischen Kreise die Erkenntnis von ihrer Bedeutung noch lange nicht so verbreitet, wie es nötig wäre. Dafür übt man an ihr bittere Kritik, auch wenn man sie gar nicht oder nur ganz oberflächlich kennt. Die einen werfen ihr vor, sie fei nichts weiter als Apologetik, d. h. eine Veranstaltung, um etwa nach Muster der katholischen Wissenschaft die. jüdische Weltanschauung zu rechtfertigen, die religiöse Überlieferung gegen die Kritik zu schützen und jeden Angriff auf das Judentum, mag er sich nun gegen seine Vergangenheit oder gegen seine Gegenwart, gegen seine Lehre oder gegen seine Betätigung im Leben richten, mit logischen oder geschichtlichen Gründen abzuweisen. Wenn das wirklich zuträfe, dann wäre allerdings die Abneigung und das Mißtrauen gegen diese Wissenschaft wohl berechtigt. Denn Apologetik ist eben keine Wissenschaft, und wenngleich jüdische Gelehrte öfter als wünschenswert sich genötigt sahen, zur Abwehr judenfeindlicher Schriften sich auch apologetisch zu betätigen, so sind doch all diese Veröffentlichungen für den Charakter der Wissenschaft vom Judentum so wenig maßgebend, wie man etwa die 5 Heute nur noch 540 000! 0 Die Geisteswissenschaften 1914, 429—30.

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