Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (8.2.1926)
- Article
- Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1926-02-08
- Page
- Seite 34 (sequence 6)
- Language
- German
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34 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 eines alle Seiten des Gegenstandes umspannenden Werkes trösten, wie es dem ahnenden Auge von Abraham Geiger vorschwebte in einer „Entwicklungsgeschichte des biblischen und talmudischen Judentums in wissenschaftlicher Begründung"^. Noch weniger Bedeutung für die objektive geschichtliche Erkenntnis haben die zahlreichen Versuche einer philosophischen Konstruktion des Judentums, die im Laufe des letzten Jahrhunderts von den verschiedensten Standpunkten aus unternommen wurden. Es winken also unserer Wissenschaft noch eine Fülle von Aufgaben, zu deren Lösung ein ganzes Heer von Gelehrten gehört. Vorläufig aber fehlt uns ein solches Heer und fehlen auch die Bedingungen für eine ungestörte Arbeit, selbst wenn man ein solches Heer zusammenbringen könnte. Der Mannschastsersatz, wenn ich mich so auSdrücken darf, ist auch für die wissenschaftliche Arbeit ein ernstes Problem, das alle diejenigen beschäftigen muß, denen die Zukunft des Judentums am Herzen liegt. Dieses Problem beschäftigte auch noch Hermann Cohen in den letzten Wochen seines LebnS. Angeregt durch Franz Rosenzweigs Broschüre „Zeit ists!"", schlägt er die Gründung einer jüdischen Akademie vor. Ob dieser Vorschlag Aussicht auf Verwirklichung hat, läßt sich augenblicklich noch nicht sagen. Jedenfalls aber hat Cohen mit scharfem Blick die Gefahren erkannt, die der Wissenschaft vom Judentum heute drohen, und hat den schönen Satz geprägt^. „Das jüdische Herz muß stärker als bisher in Mitleid schlagen für den jüdischen Geist." Uns fehlen in Deutschland die Mäzene, die wenigstens die bestehenden Lehranstalten so ausstatten, daß si-e ihren Dozenten eine auskömmliche Besoldung und lebenslängliche Anstellung gewähren können. Es ist ein niederdrückendes Bild, das unS das Leben der größten jüdischen Gelehrten des vorigen Jahrhunderts bietet. Sie hatten fast alle mit der Not des Lebens zu kämpfen und befanden sich außerdem auch oft in ganz unpassender, ja direkt unwürdiger Stellung. Auch der begeistertste und anspruchlosefte Gelehrte kann nun einmal nicht vom Idealismus allein leben. In richtiger Erkenntnis dieser Tatsache hat 1918 der von Liebe zum hebräischen Schrifttum erfüllte Kaufmann Sztybel in Moskau 5 Millionen Rubel für die Übersetzung aller klassischen Werke der Weltliteratur ins Hebräische gestiftet. Obgleich damit nicht gerade eine Aufgabe der Wissenschaft erfüllt ist, hat er doch durch seine Hochherzigkeit einer Reihe von Gelehrten und Schriftstellern ein sorgloses Schaffen ermöglicht. Von einer ähnlichen Millionenftiftung für jüdisch-wissenschaftliche oder jüdisch-literarische Zwecke hat man in Deutschland noch nie etwas gehört. k> Nachgelassene Schriften V. 313 in einem Brief an C h w o l - s o n vom 29. X. 1866. io Berlin—München 1918. Allg. Zeit. d. Zudem. 1918, Nr. 17, Sp. 199d. (Jüdische Schriften II, 216.) Doch so notwendig auch eine durchgreifende materielle Unterstützung fiir die gedeihliche Fortentwicklung unserer Wissenschaft ist, dürfen wir doch nicht glauben, daß damit schon alles getan wäre. Eine ebenso unerläßliche Vorbedingung ist die moralische Unterstützung der weitesten Kreise. Ein großer Teil unserer Intelligenz zeigte sich aber in diesem Punkte merkwürdig unintelligent. Wenn auch die Pflege der Wissenschaft immer nur Aufgabe eines kleinen Kreises von Fachgelehrten sein kann, ist die Pflicht des Lernens, die Kenntnisnahme von den Arbeiten und Resultaten der Gelehrten, Aufgabe der ganzen Gemeinschaft oder doch zum mindesten der gebildeten Kreise. Soll uns aber das Wissen zum Wegweiser werden und uns die tiefere Erkenntnis unseres eigenen Wesens erschließen, dann genügt es nicht, gelegentlich einen Vortrag zu hören oder eine Broschüre zu lesen. Denn auf diesem Wege wird man gewöhnlich mehr zerstreut und verwirrt als belehrt. Es gilt vielmehr ein fortgesetztes systematisches Studium. Erft so gelangen wir zu einer wissenschaftlichen Anschauung aller Erscheinungsformen des jüdischen Geistes, wie sie uns gerade jetzt so bitter notlut. Denn in ihr erschließt sich uns eine unversiegliche Kraft- und Wärmequelle, sie führt uns aus der Sackgasse der Parteikämpfe heraus und verhütet, daß das Judentum äußerlich an der unseligen Selbftzerfleischung und innerlich an geistiger Blutarmut zu Grunde geht. Aus solchen Erwägungen heraus wurde 1919 die Freie jüdische Volkshochschule in Berlin gegründet. Dieselbe hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens ganz ungewöhnliche Erfolge zu verzeichnen und verfügt über eine große Anzahl ausgezeichneter Lehrkräfte auf den verschiedenen in Betracht kommenden Gebieten. Ihre vornehmste Aufgabe bleibt die Verbreitung und Vertiefung der Kenntnis des Hebräischen, da ohne sie eine ernste Beschäftigung mit den Problemen unserer Wissenschaft nicht möglich ist. Denn die Seele des Judentums spricht zu uns eben unr in der heiligen Sprache, die gleichsam der Schlüssel zu ihren geheimen Tiefen ist. Die auf Erlernung des Hebräischen verwandte Mühe trägt darum einen reichen, oft gar nicht geahnten Lohn in sich, und durch planmäßige Bemühungen in dieser Richtung gelangen wir vielleicht wieder zu einer Umwertung aller Bildungsideale im Sinne der altiüdischen Anschauungen. Im Ghetto gab es keine andere soziale Abgrenzung als die nach dem Wissen in jüdischen Dingen. Der ärmste Handwerker oder Händler, der ein Lamdan war, stand in der allgemeinen Achtung turmhoch über dem reichen Am haarez. Ganz so wie in der Gesellschaft die Unkenntnis der Klassiker als etwas Beschämendes empfunden wird, so sollte künftig wieder in unserer Mitte der Grad des jüdischen Wissens einen Maßstab abgeben für gebildet oder ungebildet. T H A U S DER QUAL ITÄTSS70F FE 1 N. STARK & Cu MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 i NÜRNBERG * LUITPOLDSTRASSE 11