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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-02-08 · 2 (8.2.1926) · p. Seite 31

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
2 (8.2.1926)
Article
Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum
Date
1926-02-08
Page
Seite 31 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 31 Wissenschaft vom Judentum in Einzeldarstellungen und andere größere Aufgaben, wie eine kritische Ausgabe der ältesten rabbinischen Texte, sind von ihr in Angriff genommen worden. Dadurch sind nicht nur viele Autoren in den Stand gesetzt oder auch erst angeregt worden, auf diesem Gebiete zu arbeiten, sondern es sind auch weite Kreise zu einer befferen Kenntnis der verschiedenen Seiten des Judentums geführt worden. Bis zum Anfang unseres Jahrhunderts trug die Wissenschaft vom Judentum ausgesprochen deutschen Charakter. Ihre meisten und auch ihre größten Vertreter lebten in Deutschland oder schrieben doch wenigstens deutsch und hatten ihre wissenschaftliche Bildung an deutschen Anstalten erhalten. Als solche haben auch die „Landesrabbinerschule" in Budapest und die 1893 in Wien gegründete „Israelitisch-theologische Lehranstalt" zu gelten, da sie ganz nach dem Muster des Breslauer Seminars organisiert sind. In diesem rein deutschen Charakter der Wissenschaft sollte jetzt ein Wandel eintreten, indem Amerika eine führende Rolle auch auf diesem Gebiete übernahm. Die reichen amerikanischen Juden erkannten mit ihrem praktischen Blick, welche Bedeutung die Wissenschaft für das jüdische Leben hat, und was für ein hervorragendes Menschenmaterial für eine Neublüte der Wissenschaft aus dem Zustrom oftjüdischer Einwanderer gezogen werden könnte. So statteten sie das schon bestehende „Jewish Theological Seminary“ in Newyork mit reichen Mitteln aus, und beriefen 1901 an seine Spitze Salomon Schechter, der bis dahin Professor der rabbinischen Literatur in Cambridge und London gewesen war. Schechter hatte wenige Jahre vorher die hebräischen Sirachfragmente und die übrigen in den Genisa von Kairo liegenden Literaturschätze entdeckt und war dadurch der meistgenannte jüdische Gelehrte. Er verstand es, einen Stab von tüchtigen Gelehrten um sich zu sammeln, veranlaßte die Erwerbung einer bedeutenden, an Handschriften und seltenen Drucken reichen Bibliothek für das Seminar und trat in das Redaktionskollegium der Jewish Encyclopedia ein. Diese jüdische Enzyklopädie in englischer Sprache ist ein Riesenwerk in zwölf Bänden, und ihre Entstehung ist der Initiative eines einzigen energischen weitblickenden Mannes zu danken. Nachdem Isidor Singer mit seinem großen Projekt in Europa nicht durchgedrungen war, suchte und fand er jenseits des Ozeans die Männer, die seinen Gedanken aufgriffen und glücklich durchführten. Die Enzyklopädie erschien 1901 —190<5 in glänzender Ausstattung in Newyork und stellt einen ersten, wenn auch vielfach unvollkommenen, so doch recht achtenswerten Versuch dar, die Forschungsergebnisse der Wissenschaft vom Judentum in einer allgemein zugänglichen Form vorzulegen. Bald nach Vollendung des Werkes erschienen zwei andere ähnliche Enzyklopädien, doch nicht etwa in Deutschland, sondern in Amerika und Rußland, die eine in hebräischer, die andere in russischer Sprache. Neben dem genannten Seminar und dem Hebrew Union College in Cincinnati, die wie die europäischen Schwesteranstälten doch in erster Linie der Heranbildung von Rabbinern dienen, existiert aber in Amerika noch eine besondere Anstalt, die sich ausschließlich die Pflege der reinen Wissenschaft vom Judentum zur Aufgabe macht. Es ist das durch ein hochherzigeSbVermächtnis 1907 ins Leben gerufene „Dropsie College for Hebrew and cognate Learning“. Der als Advokat hoch angesehene MoseS A. D r o p s i e hatte sein ganzes Vermögen von 800 000 Dollar zur Errichtung einer Anstalt gestiftet, an der die wissenschaftliche Erforschung deS Judentums ohne jede Tendenz eine Stätte finden sollte. Sowohl der Lehrkörper als auch die Hörerschaft setzen sich unterschiedslos aus Juden und Christen zusammen. Neben all diesen Veranstaltungen für die Heranbildung von Rabbinern und Gelehrten besteht eine ebenfalls mit reichen Mitteln ausgestattete „Jewish Pubbeation Society“, die gemeinverständliche Werke in vornehmer Ausstattung und zu geringem Preise verbreitet, um auch in den breiten Massen zu wirken. Seit Jahren erscheinen dort aus der Feder der ersten Gelehrten wertvolle Schriften, so SchechterS Studies in Judaism und Ginzbergs vierbändiges Werk über die „Legenden der Juden". Für dieses ursprünglich deutsch geschriebene Werk hatte der Verfasser keinen Verleger in Deutschland gefunden. So wurde es ins Englische übersetzt, um in Amerika erscheinen zu können. Wir sehen also, daß die Wissenschaft vom Judentum in Deutschland allen Grund hat, ihre ganze Kraft anzufpannen, sonst wird sie nicht nur überflügelt von Amerika, sondern zugleich derartig in den Hintergrund gedrängt, daß bald ganz vergessen sein wird, wo ihr Mutterland liegt. Weite jüdische Kreise in Deutschland stehen ihr aber gleichgültig oder mindestens skeptisch gegenüber. Die abweisenfte Haltung ihr gegenüber nimmt aber doch der Staat eirt. Während er es sonst als eine seiner vornehmsten Aufgaben betrachtet, jede neue Wissenschaft zu fördern und zu ermutigen, steht er hier noch genau auf dem Standpunkt, den er vor 70 Jahren Z u n z gegenüber eingenommen hat, und verweigert der Wissenschaft vom Judentum beharrlich die Aufnahme als gleichberechtigte Schwester in die Universitas literarum. Es wirkt hier noch die alte Anschauung nach, daß seit 1800 Jahren eine andere als christliche Kultur überhaupt nicht existiert habe, und man sträubt sich daher, die Tatsache anzuerkennen, daß die christliche Welt auch jüdischer Kulturarbeit während dieses Zeitraumes so viel verdanke. Daß der Staat damit die Wissenschaft noch mehr schädigt als das Judentum, ist klar. „Denn nicht nur die Religionswissenschaft, sondern auch die Sprach- und Literaturwissenschaft wie nicht minder die kulturgeschichtliche Forschung würden aus der Wissenschaft vom Judentum fruchtbare Anregung erhalten und neue Tatsachen lernen. Vor allem die klassische Philologie und Archäologie könnte eine ungeahnte Fülle wichtigen Materials aus der lieferen Erforschung des talmudischen Schrifttums zugeführt erhalten. Die Geschichte der Philosophie, der Mathematik, der Medizin im Mittelalter kann nicht verstanden werden ohne Würdigung des Anteils, den die Juden Spaniens, Italiens und der Provence an der Entwicklung dieser Wissenschaften genommen haben. Die altfranzösische und mittelhochdeutsche Wortforschung haben manches verlorene Sprachgut unter dem fremden Gewände hebräischer Transkription wiedergefunden. Die spanische und portugiesische Sprache leben noch heute in ihrer älteren Gestalt im Munde derjenigen Juden, deren Vorfahren vor mehr als 400 Jahren grausam aus der Pyrenäischen Halbinsel vertrieben wurden, und die reiche Literatur, die die Vertriebenen in verschiedenen Ländern in diesen beiden Sprachen ausgebildet haben, wird heute vom Mutterlande als Nationalliteratur reklamiert." Keine Disziplin hat aber schon so viel aus der Wissenschaft vom Judentum gelernt und hat auch noch so viel von ihr zu er- 1 Die nachstehenden 1918 niedergeschriebenen Ausführungen treffen heute erfreulicherweise nicht mehr zu, sind aber wegen ihres geschichtlichen Interesses unverändert beibehalten. 2 Aus meinen „Jüdischen Skizzen". 2. Aufl. S. 63.

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