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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-02-08 · 2 (8.2.1926) · p. Seite 30

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
2 (8.2.1926)
Article
Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum
Date
1926-02-08
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 siruieren sucht, zunächst ganz ohne Nachfolge, und erst Jahrzehnte später hat Chwolson einen Teil seiner Gedanken weitergeführt. Ungleich stärker wären die Anregungen, die von dem dritten großen Werk dieser Periode ausgingen, von Frankels 1859 erschienenen Darche Hammischna. Diese hebräische Einleitung in die Mischna wurde der Ausgangspunkt für eine geschichtliche Erforschung der Halacha, d. h. des im Talmud überlieferten Religionsgesetzes. Eben darum wurde es von den starren Anhängern der Tradition schärfer bekämpft als irgendein anderes wissenschaftliches Werk, hat aber auf der anderen Seite mächtig zur Weckung wissenschaftlichen Sinnes auch unter den Talmudisten Osteuropas beigetragen. Die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts brachten viele wertvolle Einzelarbeiten aus dem Gebiet der jüdischen Geschichte, Literatur und Altertumskunde, von denen der größte Teil in der „Monatsschrift" und in der seit 1862 von Geiger herausgegebenen „Jüdischen Zeitschrift für Wiffenschaft und Leben" erschienen. Auffallend gering dagegen war in diesem Jahrzehnt die Zahl der größeren grundlegenden Werke. Doch fällt gerade in diese Zeit der Abschluß des größten Werkes von Zunz, der seit 1855 in drei Bänden erschienenen Darstellung der „Synagogalen Poesie". Es ist ein würdiges Seitenftück zu seinen „Gottesdienstlichen Vorträgen", wird aber gewöhnlich nicht so hoch eingeschätzt, einmal weil der Gegenstand weniger das Interesse weckt, und dann auch, weil nur ganz wenige Partien daraus, so die beiden ersten Kapitel „Psalmen" und „Leiden", für weitere Kreise verständlich sind. Tatsächlich ist das Werk die reifste Leistung seines kritischen Geistes, und zur Würdigung nur des äußeren Umfanges seiner Leistung sei darauf hingewiesen, daß er darin 500 Handschriften aus allen Bibliotheken Europas verarbeitete. Mit dem Jahre 1870 trat ein auffallender Niedergang in der Wissenschaft vom Judentum ein. Wohl erstanden im Laufe der 7Oer Jahre drei neue Lehranstalten: 1872 in Berlin gleichzeitig das „Rabbinerseminar für das orthodoxe Judentum" und die „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" und 1877 in Budapest die „Landesrabbinerschule", und sowohl unter den Dozenten als auch unter den Jüngern dieser Anstalten befanden sich eine Reihe von ausgezeichneten Gelehrten. Doch das Interesse der Juden in dieser Zeit war auf alles eher gerichtet als auf die Wissenschaft vom Judentum. Es war das nur ein Symptom der damals einsetzenden und fast ein Menschenalter andauernden Erschlaffung des jüdischen Geistes und jüdischen Selbstbewußtseins. So verlor die Wissenschaft immer mehr den Zusammenhang mit dem Leben, und wenn man die gelehrten Publikationen dieser Zeit durchmustert, gewinnt man mehr den Eindruck eines Herbariums als eines Blütengartens. Dies gilt auch von den Zeitschriften, ebenso von der „Monatsschrift" wie von dem seit 1874 von Berliner herausgegebenen „Magazin für die Wissenschaft des Judentums" und von den in den 8Oer Jahren gegründeten Fachorganen in ungarischer, französischer und englischer Sprache: Z^emle, Revue äes Rtuäes Juives, Jewish Quarterly Review. Sie behandeln alle nur selten das lebende Judentum und bilden in ihrer wissenschaftlichen Abgeschlossenheit förmlich ein Ghetto im Ghetto. Wie die Zeitschriften vergaßen auch die Gelehrten selber die Bedürfnisse der Laienwelt, und von den großen Vertretern der Wissenschaft war es damals nur Grätz, der gelegentlich sich auch an das große Publikum wandte und, was besondere Hervorhebung verdient, 1888 einen dreibändigen volkstümlichen Auszug aus seinem großen Geschichtswerk herausgab. Erst die große Ernüchterung, die durch das flutartige Anschwellen des Antisemitismus über die deutschen Juden kam, erzeugte das Verlangen nach einer tieferen Kenntnis des eigenen Wesens, und es bereitete sich eine Selbstbesinnung des Judentums vor. Dieselbe fand zuletzt ihren stärksten Ausdruck im Zionismus, der die Pflege des jüdischen Wissens mit wahrem Enthusiasmus betreibt. Doch auch weite Kreise, die der neuen Bewegung ablehnend, ja sogar feindlich gegenüberstanden, fingen an einzusehen, daß die Wissenschaft vom Judentum nicht ein Luxus des Geistes, sondern ein Lebensbedürfnis unserer Gemeinschaft sei. Der Befriedigung dieses Bedürfnisses sollten zunächst die vielen „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" dienen. Dieselben konnten aber nicht in die Tiefe wirken, da sie meist nur Einzelvorträge und nicht zusammenhängende systematische Belehrung boten. Andererseits erschienen zahlreiche populärwissenschaftliche Werke und Broschüren, von denen aber ein großer Teil ohne jeden Wert war und ebenso Geschmack wie Gründlichkeit vermissen ließ. Die Erkenntnis von der Unzulänglichkeit aller Bemühungen führte endlich 1902 zur Gründung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", die seitdem eine stattliche Anzahl sowohl von streng wissenschaftlichen als auch gemeinverständlichen Werken veröffentlicht hat. Ein ganzer Grundriß der GASTSPIEL vom 2. mit 16. F e b r u a r 192 6 BERN HA RD ETTE nachmittags 5 Uhr Tee / Abends Tanz Hausers Hotel „DER REICHSADLER“ MÜNCHEN *__ _ *

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